ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2022Digitalisierung: Der Elektroschrott kommt

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Digitalisierung: Der Elektroschrott kommt

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

Die Coronapandemie hat die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorangebracht. Sei es bei den Videosprechstunden oder dem fachlichen Austausch per Telekonsil. Solch positiven Entwicklungen stehen aber Prozesse gegenüber, mit denen sich Ärztinnen und Ärzte im Berufsalltag oft herumschlagen müssen. Diese Prozesse sind aber Basis für einen reibungslosen Arbeitsablauf und zugleich für die Akzeptanz der dringend benötigten Digitalisierung. Ex-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat mit seinem Digitalisierungstempo offensichtlich übertrieben. Hinzu kommen organisatorische Mängel wie zu kleine Testgruppen bei den Massenanwendungen elektronischer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (eAU) und dem elektronischen Rezept. Eine denkbar schlechte Basis für gute und vor allem funktionierende Anwendungen.

Zu allem Überfluss kommen immer wieder Störungen hinzu, wie die im Januar auftretenden Ausfälle von Kartenterminals, wenn Near-Field-communication-(NFC-)fähige (kontaktlose) elektronische Gesundheitskarten in bestimmte Terminals gesteckt wurden und eine elektrostatische Entladung verursachten, die den Praxisbetrieb kurzzeitig lahmlegen konnte.

Dann das Kommunikationsdesaster, als Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) verkündete, er habe die Umsetzung der eAU sowie des elektronischen Rezeptes zunächst gestoppt. gematik-Chef Markus Leyck Dieken widersprach auf Twitter: „Kein Stopp durch den Minister. BMG Kommunikation folgt zügig.“ Diese zügige Kommunikation bestand einen Tag später aber nur daraus, dass das Bundesgesundheitsministerium (BMG) auf Twitter die Aussage der gematik weiterleitete, dass die Testphasen der beiden Anwendungen verlängert worden sei.

Nun der nächste, zu Redaktionsschluss noch wenig bekannte Problemfall. Um sich mit der Telematikinfrastruktur (TI) verbinden zu können, benötigen Ärzte Konnektoren. Die dafür notwendigen Stammzertifikate müssen aber aus Sicherheitsgründen wie üblich nach fünf Jahren verlängert werden – die ersten in diesem Herbst. Geschieht dies nicht, ist der Konnektor sozusagen tot. Eine Laufzeitverlängerung der Zertifikate ist nur durch ein Online-Update oder einen Konnektortausch möglich. Das Problem ist schon lange bekannt. Im November 2020 ließ die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen wissen, dass sie einen Austausch vermeiden will. Eine Lösungsfindung könne nur zusammen mit den Herstellern der Konnektoren gelingen, teilte die gematik damals dem Deutschen Ärzteblatt mit. Passiert ist offensichtlich nichts.

Denn nun verkündet die gematik den notwendigen Austausch, um „aufwendige Zwischenlösungen“ zur TI 2.0, die dann ohne Konnektoren läuft, zu vermeiden. Abgesehen vom hunderttausendfachen Elektroschrott kann man spekulieren, wer mehr Aufwand betreiben muss. Für die Industrie ist ein Konnektortausch sicher lukrativer und offenbar nicht so aufwendig wie ein Softwareupdate. Bei den Arztpraxen ist es umgekehrt, denn sie wissen nicht, wie der Praxisbetrieb beim Austausch gesichert, und schon gar nicht, wie der neue Konnektor finanziert wird. Dies muss erst noch mit den Kassen verhandelt werden. Die gematik, deren Hauptgesellschafter seit Mai 2019 mit 51 Prozent das Bundesgesundheitsministerium ist, muss sich noch strecken, um zur „digitalen Gesundheitsagentur“ zu werden, wie es im Koalitionsvertrag steht.

Michael Schmedt
Chefredakteur

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