ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2000Schatten der Vergangenheit: Ein Denkmal wankt

POLITIK: Aktuell

Schatten der Vergangenheit: Ein Denkmal wankt

Gerst, Thomas

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LNSLNS Der 1953 verstorbene Jenaer Ehrenbürger und Kinderarzt Jussuf Ibrahim wird beschuldigt, an der NS-Kindereuthanasie beteiligt gewesen zu sein.


Eigentlich sollte Prof. Dr. med. Jussuf Ibrahim am 29. März durch Beschluss des Stadtrats aus der Liste der Ehrenbürger Jenas gestrichen werden. Die mit den Fraktionen abgestimmte Beschlussvorlage des Oberbürgermeisters für diese Sitzung lag bereits vor. Doch am gleichen Tag in der Thüringer Landeszeitung veröffentlichte entlastende Aussagen der Stieftochter Ibrahims sorgten für eine Aussetzung der Entscheidung. Man wolle nun zunächst gründlichere Untersuchungen, vielleicht unter Hinzuziehung auswärtiger Experten, abwarten, bevor man eine endgültige Entscheidung fällt, erklärte Oberbürgermeister Dr. Peter Röhlinger. Außenstehende können den Fall Jussuf Ibrahim und die damit verbundenen Emotionen in der Bevölkerung Jenas nur schwer verstehen. Der 1877 in Kairo als Sohn eines Ägypters und einer Deutschen geborene Ibrahim übernahm 1917 das Ordinariat für Kinderheilkunde an der Universität Jena. Lange Zeit - vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, die NS-Zeit bis in die DDR - leitete er bis zu seinem Tod 1953 die UniversitätsKinderklinik. Unbestritten sind seine großen Verdienste um die pädiatrische Versorgung der Stadt. Die Kinderklinik trägt seinen Namen, eine Straße und eine integrative Kindertagesstätte mit behinderten Kindern sind nach Ibrahim benannt. 1947 wurde er Ehrenbürger der Stadt Jena, 1950 erhielt er den DDR-Ehrentitel "Verdienter Arzt des Volkes".
Erste Verdachtsmomente gegen Ibrahim wegen seiner Verstrickung in die NS-Euthanasie gibt es schon lange. So ist 1983 in Ernst Klees grundlegender Publikation zur "Euthanasie im NS-Staat" ein Schreiben des Leiters der Euthanasiemaßnahmen, Herbert Linden, an den Rektor der Universität Jena, Karl Astel, vom 12. Juli 1943 dokumentiert; dort heißt es: "Der Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden macht mich darauf aufmerksam, dass die Universitätskinderklinik in Jena in ihren Krankenblättern immer wieder Einträge ,Euthanasie beantragt', ,Die beantragte Euthanasie ist noch nicht bewilligt' macht . . ." Das Schreiben lässt die Annahme zu, dass Ibrahim mehr als nur passiv an dem System der Tötung behinderter Kinder beteiligt war. Auch nachdem Dr. med. Susanne Zimmermann der medizinischen Fakultät 1993 eine medizinhistorische Habilitation vorlegte*, in der weitere Verdachtsmomente gegen Ibrahim vorgebracht wurden, blieb eine öffentliche Diskussion in Jena aus. Erst der vor kurzem aufgetauchte Kurzbrief Ibrahims vom 5. Januar 1944 an den Leiter der "Kinderfachabteilung" in Stadtroda mit der Diagnose eines behinderten Kindes und dem abschließenden Vermerk "Euth.?" machte die Auseinandersetzung mit dem "verdienten Arzt des Volkes" unvermeidlich. Nach der öffentlichen Präsentation der belastenden Dokumente am 24. Januar entbrannte in Jena eine sehr emotional geführte Debatte um die Verwicklung des Ehrenbürgers in die Kindereuthanasie, wobei nicht selten der unsinnige Versuch unternommen wurde, Verdienste Ibrahims gegen mögliche Verfehlungen aufzurechnen. Den vorläufigen Schlusspunkt bildet die Erklärung der Stieftochter, Ibrahim habe gemeinsam mit einem Arzt in Stadtroda alles daran gesetzt, die Kinder vor der Tötung zu bewahren. Eine Universitätskommission hat nach Sichtung vorliegender und neu recherchierter Dokumente sowie nach Anhörung von Zeitzeugen in einem Zwischenbescheid die Umbenennung der "Kinderklinik Jussuf Ibrahim" empfohlen. "Die Aktenlage ist nunmehr eindeutig", erläuterte der Kommissionsvorsitzende, Prorektor Prof. Dr. Klaus Dicke. An der Erkenntnis, dass Ibrahim "nach 1941 aktiv in die Euthanasie schwerstgeschädigter Kinder eingebunden" war, gebe es jetzt keinen Zweifel mehr. Der Abschlussbericht der Kommission soll am 25. April vorgelegt werden. Die Umbenennung steht bereits auf der Agenda der nächsten Senatssitzung. Der Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Thü-ringen, Prof. Dr. med. Eggert Beleites, lehnt hingegen eine vorschnelle Verurteilung Ibrahims ab. Wichtig sei eine gründliche Aufarbeitung, die alle Facetten des damaligen Unrechtssystems berücksichtige. Man sollte nicht dem Zeitgeist huldigen und einzig darauf bedacht sein, ein Denkmal vom Sockel zu stoßen, sondern dafür Sorge tragen, dass aus dem Denkmal ein Mahnmal wird.
Dr. Thomas Gerst


Prof. Dr. Jussuf Ibrahim - ein "verdienter Arzt des Volkes"? Foto: Bundesarchiv Koblenz


* Die Arbeit liegt unter dem Titel "Die Medizinische Fakultät der Universität Jena während der Zeit des Nationalsozialismus" seit Anfang dieses Jahres gedruckt als Buch vor.

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