ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2000Präimplantationsdiagnostik: Mensch von Anfang an

POLITIK: Kommentar

Präimplantationsdiagnostik: Mensch von Anfang an

Dtsch Arztebl 2000; 97(14): A-888 / B-766 / C-698

Meisner, Joachim Kardinal

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LNSLNS Stellungnahme des Erzbischofs von Köln zum Diskussionsentwurf der Bundes­ärzte­kammer zur Präimplantationsdiagnostik

Dem im Deutschen Ärzteblatt (Heft 9/2000) veröffentlichten "Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer zur Präimplantationsdiagnostik" (preimplantation genetic diagnosis; PGD) muss aus katholischer Sicht entschieden widersprochen werden. Die Kirche respektiert die Eigenständigkeit der medizinischen Wissenschaft, und sie beansprucht ausdrücklich nicht, der ärztlichen Selbstverwaltung in ihre eigenen Angelegenheiten hineinzureden. Der genannte Text betrifft aber Grundlagen unserer Werteordnung, und es darf nicht verschwiegen werden, dass er dabei eindeutig eine unaufgebbare moralische Grenze überschreitet. Obwohl dies gewiss nicht beabsichtigt ist, stellt er im Ergebnis eine Aufforderung zur Verletzung der Würde des Menschen dar, indem er ärztliche Hilfe zur Identifizierung und anschließenden Tötung angeblich lebensunwerten (wenn auch dieser Begriff im Diskussionsentwurf nicht fällt) menschlichen Lebens anbietet, sodass nur Kinder ohne befürchtete Schädigung die Chance auf ein weiteres Leben haben.
Kein hilfloser Mensch darf getötet werden
Die Bezugnahme der Bundes­ärzte­kammer auf "sorgfältige Güterabwägung", "Einzelfallentscheidung", "umfassende Aufklärung und Beratung", "äußerst restriktive" Zulassungskriterien, "Würdigung des Lebensrechts des Kindes" kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass selbstverständlich kein unschuldiger und hilfloser Mensch nach "sorgfältiger Güterabwägung", "Einzelfallentscheidung", "umfassender Aufklärung und Beratung", bei "äußerst restriktiven" Zulassungskriterien und unter "Würdigung seines Lebensrechts" getötet werden darf.
Der Richtlinienentwurf der Bundes­ärzte­kammer wirderspricht im Übrigen der Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland und dem von der gleichen Bundes­ärzte­kammer 1996 veröffentlichten ärztlichen Gelöbnis, das den Arzt "jedem Menschenleben von der Empfängnis an (!) Ehrfurcht" entgegenzubringen verpflichtet.
Als katholischer Bischof habe ich mit großem Respekt die intensiven Bemühungen sensibler Teile der deutschen Ärzteschaft beobachten können, die traurige Geschichte der Mitwirkung von Ärzten an der "Verhütung erbkranken Nachwuchses" aufzuarbeiten. Dabei erlebten es diese Ärzte als besonders erschütternd, dass die verhängnisvollen Ideen und praktischen Vorschläge damals von ärztlichen Kollegen ausgingen und von einer menschenverachtenden Politik erst später aufgegriffen und umgesetzt wurden. Was der jetzige Richtlinienentwurf der deutschen Bundes­ärzte­kammer beschreibt und offensichtlich ermöglichen will, ist recht besehen nichts anderes als ein erneuter Versuch der "Verhütung erbkranken Nachwuchses" mit den technischen Mitteln des 21. Jahrhunderts. Ich bin daher gewiss, dass aus der Mitte der deutschen Ärzteschaft selbst solchen Entwicklungen entschieden widerstanden wird. Die Christen in diesem Lande werden das nach Kräften unterstützen. Weitverbreitete dumpfe Mentalität
Leider gibt der von der Bundes­ärzte­kammer zur Diskussion gestellte Text einer weitverbreiteten dumpfen Mentalität nach, für die lebenswert vor allem das gesunde, nicht behinderte und kräftige Leben ist. Was den Anfang des menschlichen Lebens betrifft, sinkt bei uns die öffentliche Empörung über die Tötung menschlichen Lebens tendenziell, je hilfloser ein Mensch ist, das heißt, je näher der Zeitpunkt der Tötung an den Lebensbeginn rückt: von der Tötung geborener Kinder über Spätabtreibungen bis zu Frühabtreibungen. Christen, die an einen Gott glauben, der den Schwachen und Hilflosen besonders nahe ist, sind umgekehrt aufgerufen, sich gerade um die Schwächsten der Schwachen besonders zu sorgen. Das menschliche Leben im Reagenzglas ist nicht geschützt durch die spontane emotionale Tötungshemmung, die ein Kindergesicht auslöst. Dennoch belehrt uns gerade die moderne Medizin, dass es "Mensch von Anfang an" ist. So hilflos und ausgeliefert es ist, bedarf es unseres besonderen Schutzes.
Hier zeigt sich im Übrigen, dass die auf den ersten Blick bisweilen schwer verständliche kirchliche Ablehnung der künstlichen Befruchtung sehr ernste Gründe hat. Die Kirche sieht die Entstehung menschlichen Lebens in der ganzheitlichen Geborgenheit der ehelichen Liebe beheimatet. Der technische Eingriff, so nachvollziehbar die Motive auch sein mögen, macht dagegen den gezeugten Menschen zum manipulierbaren Objekt. Grenzen der Manipulation sind bei fortschreitender Technik, wie wir bei den attraktiven Möglichkeiten der Präimplantationsidagnostik sehen können, kaum mehr plausibel zu machen. Auch die von wichtigen Vertretern der Ärzteschaft kritisierte Tatsache, dass in Deutschland die Feststellung einer Behinderung de facto eine legale Abtreibung bis zur Geburt ermöglicht, führt nun zu der menschenverachtenden, allerdings scheinbar logischen Frage, warum man dann nicht schon früher töten dürfe. Auf diese Weise wird deutlich, dass dann, wenn bestimmte Grenzen überschritten werden, es kein Halten mehr gibt.
Bedenklicher Vorgang
Bedenklich ist nicht, dass über derlei Fragen diskutiert wird, können doch solche Debatten die Öffentlichkeit besser informieren und alarmieren. Bedenklich ist allerdings, dass die offizielle Vertretung der deutschen Ärzteschaft, die Bundes­ärzte­kammer selbst, einen Text mit solch unerträglicher Aussage des von ihr selbst berufenen Wissenschaftlichen Beirats der Öffentlichkeit zur Diskussion empfiehlt. Ein derartiger Vorgang ist im Übrigen eine deutliche Warnung, dass hochrangig besetzte "Ethikkommissionen", die auch in dem Papier vielfältig gefordert werden, keinesfalls Garanten für ethisch vertretbare Entscheidungen sind.
Joachim Kardinal Meisner
»Der Diskussionsentwurf stellt im Ergebnis eine Aufforderung zur Verletzung der Würde des Menschen dar.«

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