ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2000Beratungsdienst bei Behandlungsfehlern: Hessens Vertragsärzte streiten mit der AOK

POLITIK: Aktuell

Beratungsdienst bei Behandlungsfehlern: Hessens Vertragsärzte streiten mit der AOK

Dtsch Arztebl 2000; 97(14): A-890 / B-742 / C-695

Spielberg, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Vertragsärzte in Hessen sehen sich als Opfer einer Medienkampagne der Landes-AOK. In Radiospots, Anzeigen in Zeitschriften sowie Zeitungen und auf öffentlichen Plakaten hatte die AOK Hessen zwischen Mitte Februar und Anfang März für ihren Beratungsdienst bei ärztlichen Behandlungsfehlern geworben. Mit ihrer Aktion will die Krankenkasse nach eigener Aussage zur Qualitätssicherung und -verbesserung beitragen sowie dem verstärkten Wunsch der Patienten nach mehr individueller Unterstützung bei möglichen Behandlungsfehlern nachkommen. Eine Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK vom Februar vergangenen Jahres bei 3 005 Versicherten der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung hatte ergeben, dass 87 Prozent der Befragten diesen Service wünschen. "Behandlungsfehler sind zwar nur selten, aber es gibt immer wieder Einzelschicksale", rechtfertigt die Pressesprecherin der AOK Hessen, Ilja Stracke, die Kampagne ihrer Landesstelle und ergänzt: Eine bewusste Ausblendung dürfe das Thema nicht erfahren, vielmehr sei eine breite, gesellschaftliche Auseinandersetzung erforderlich. Die hessische Ärzteschaft interpretiert die Werbeaktion hingegen ganz anders. Die AOK versuche offenbar, "Teile der Behandlungskosten von Seiten der Haftpflichtversicherer wieder reinzuholen", glaubt die Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) wiederum vermutet, die AOK wolle mit Hilfe der PR-Aktion ihren starken Mitgliederschwund bremsen. Zudem befürchten die Ärzte, dass die AOK mit Hilfe der Medienkampagne die Versicherten zu einer "Rasterfahndung" gegen die Ärzteschaft mobilisieren will, die durch die im SGB V verankerte Möglichkeit, Versicherte bei vermuteten Behandlungsfehlern zu unterstützen, in keiner Weise gedeckt sei.
"In den Praxen niedergelassener Ärzte in Hessen werden täglich mehr als 100 000 Mitglieder der AOK behandelt. Das sind in zweieinhalb Jahren gut 91 Millionen in der Regel zufriedene Patienten. Zu dieser Zahl muss man noch diejenigen addieren, die in den Krankenhäusern versorgt werden", erklären die Delegierten der KVH in einer Resolution. Dem stehe eine vergleichsweise niedrige Fehlerquote von 0,0005 Prozent gegenüber. Der Millionen-DM teure Werbefeldzug sei deshalb eine reine Verschwendung der Versichertenbeiträge, "die bei der Versorgung unserer Patienten zum Beispiel mit Arzneimitteln fehlen", monieren die Vertragsärzte. "Lediglich rund 400 000 Mark"
Ein Sprecher der AOK Hessen, Riyad Salhi, beziffert die Werbeausgaben für die Spots, Anzeigen und Plakate jedoch auf "lediglich rund 400 000 Mark". Auch sei nicht beabsichtigt gewesen, den Ärzten grundsätzlich zu unterstellen, sie verursachten Behandlungsfehler.
Nach Angaben der AOK äußerten 441 Versicherte in der Zeit vom 1. Juli 1997 bis zum 31. Dezember 1999 die Vermutung, bei ihnen oder einem ihrer Angehörigen läge ein Behandlungsfehler vor. Davon habe der Medizinische Dienst der Krankenkassen 119 Fälle nicht anerkannt. 242 Vermutungen seien noch zu klären. Lediglich 78 Fälle seien als Behandlungsfehler eingestuft worden.
"Eigentlich war es ja auch nur unsere Absicht, mit der Werbekampagne auf unseren seit 1997 bestehenden Beratungsservice aufmerksam zu machen", sagt Salhi. Der fachkundige Rat der Kassenmitarbeiter solle zudem dazu beitragen, unnötige Streitigkeiten von vornherein zu vermeiden. Petra Spielberg
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema