ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2000Deutscher Krebskongress: Strukturdiskussion dominierte über detaillierte Therapiefragen

POLITIK: Medizinreport

Deutscher Krebskongress: Strukturdiskussion dominierte über detaillierte Therapiefragen

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LNSLNS Tumoranämie und Ernährungsformen werden noch immer zu wenig berücksichtigt.
Bei fast 60 Prozent aller Tumorerkrankungen tritt eine Anämie auf, die tumorassoziiert oder therapiebedingt ist. Ihr solle weit mehr Beachtung geschenkt werden als bisher, da sie sowohl Bedeutung für den Therapieerfolg als auch für die Lebensqualität des Tumorkranken hat, erklärte Dr. Michael Untch (München) anlässlich des 24. Deutschen Krebskongresses in Berlin. Tumorgewebe wird schlechter mit Sauerstoff versorgt als normales Gewebe, da das Zellwachstum rasant voranschreitet, während die Neubildung von sauerstoffzuführenden Gefäßen das Tempo nur partiell mithalten kann. Eine zusätzliche Anämie verstärkt den hypoxischen Zustand des Tumors und führt häufig zu besonders aggressiver Metastasierung. Unter der Hypoxie tritt zugleich eine Übersäuerung im Gewebe auf, sodass manche Chemotherapeutika, aber auch die Radiotherapie ganz oder teilweise in ihrer Wirkung vermindert werden.
Eine Anämie des Tumorpatienten sollte, so Untch, unbedingt schon bei leichteren Formen gezielt behandelt werden. Eine Studie an 182 Hochrisiko-Mammakarzinom-Patientinnen mit dosisintensivierter Chemotherapie zeigte bei einer Anämiebehandlung mit konstanten Hb-Werten über 10 g/dl ein signifikant besseres rezidivfreies Überleben als bei Patienten mit niedrigeren Hb-Werten. Prophylaktisch wurde bei diesen Patienten human rekombinantes Erythropoetin gegeben. Die Lebensqualität der Patienten war eindeutig gesteigert, die Patienten fühlten sich subjektiv wohler und leistungsfähiger. Ob der Hb-Wert einen Einfluss auf das Therapieergebnis hat, lässt sich zurzeit noch nicht eindeutig sagen, aber eventuell vermuten in Anlehnung an eine Cervixca-Studie an 386 Patienten. Hier bedeutete der niedrige Hb-Wert einen schlechteren Prognosewert für das gesamte Überleben. Niedriger Hb-Wert und reduzierte Tumoroxygenierung bedeuten verminderten Therapieerfolg; diese Gleichung trifft zumindest bei Kopf-Hals-Tumoren im Hinblick auf die Ausprägung von Fernmetastasen und beim Weichteilsarkom bei der Zahl der kompletten Remissionen zu.
Die Gabe von rekombinantem humanen Erythropoetin zeigte vielfach die gleiche Wirksamkeit wie eine Bluttransfusion, nur ohne die dort bestehenden Risiken. Ernährungsstrategien bei Krebs: Noch immer vernachlässigen manche Ärzte, mit ihren über Übelkeit und Nahrungsaversionen klagenden Tumorpatienten ein Ernährungskonzept zu erarbeiten. Der Arzt, der Tumorkranke versorge, solle sich klar sein, dass Ernährungsfragen über eine gute oder schlechte Überlebenszeit mit entscheiden, erklärte Dr. Gudrun Zürcher (Freiburg). Sie regte an, schon im Medizinstudium Ernährungsfragen zur Pflicht zu machen. Schon sechs Monate vor der Krebsdiagnose haben bereits 50 Prozent der Erkrankten abgenommen, davon 15 Prozent der Patienten rund zehn Prozent ihres gewohnten Gewichtes. Ursache der Malnutrition und schließlich Kachexie sind eine mangelhafte Energie- und Nährstoffaufnahme, die auf Stoffwechselstörungen, Behinderung der Speisepassage oder auf der Therapie und ihren Folgen basiert. Gerade Mikronährstoffe würden von Krebspatienten kaum mit der Nahrung aufgenommen, aber vom Körper vermehrt benötigt, erklärte die Referentin. Eine gezielte Ernährung mit vegetabiler Betonung sollte bevorzugt werden, da sie Carotinoide, Vitamin A, C, D, E, B12 sowie Calcium enthält. Jede "Krebsdiät" und auch das "Aushungern" des Tumors sei obsolet, da der Tumor stets seinen Ernährungsweg finde, der dann immer auf Kosten des bereits geschwächten Patienten ginge. Die Nutritional Cancer Preventions - Empfehlungen der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung - vom Februar 2000 sehen unter anderem den Leitsatz vor: "five a day". Das heißt, fünf Portionen Obst und Gemüse beziehungsweise in Saftform pro Tag sollten zur Krebsprävention, aber auch in der Ernährung des Krebspatienten beachtet werden. Zwar sei es derzeit noch nicht zu beweisen, dass eine Reduktion des Krebsrisikos durch Nahrungsfaktoren erzielt werden könne, andererseits erscheint die Vermutung dazu durch eine Fülle wissenschaftlicher Einzelerkenntnisse ausreichend begründet, betonen die Verfasser der Empfehlungen (Weißbach, Mallmann, Miller, Kleine-Gunk, Ebert).
Qualitätsgesicherte Mammographie: Unter dem Eindruck des Zehn-Punkte-Programmes der Europäischen Leitlinien zur Mammographie publizierten auf dem Krebskongress die Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen, das Bundesministerium für Gesundheit und die Kassenärztliche Bundesvereinigung, Planungsstelle für Mammographie-Screening, die gemeinsame Erklärung, dass ein qualitätsgesichertes Mammographie-Screening bei Brustkrebs-Früherkennung für zwingend erforderlich gehalten werde. Sie riefen dazu auf, dieses Projekt zu unterstützen.
Nach Erfahrungen aus dem Ausland könnte die Zahl der Brustkrebs-Todesfälle bei 50- bis 69-jährigen Frauen um 20 bis 30 Prozent gesenkt werden, wenn es ein qualitätsgesichertes Mammographie-Screening in Deutschland gäbe. Ein Screening sollte daher schnellstmöglich flächendeckend initiiert werden. Die Planungsstelle "Mammographie-Screening" koordiniert drei in den Qualitätssicherungserfordernissen unterschiedliche Modellprojekte, um langfristig die benötigte hohe Qualität der Brustkrebsfrüherkennung zu erzielen. Frauen zwischen 50 und 69 Jahren sollen alle zwei Jahre zum Screening eingeladen werden. Jeweils zwei voneinander unabhängige spezialisierte Ärzte befunden die Bilder. Die Doppelbefunde und eventuellen Gewebsproben werden wissenschaftlich ausgewertet und fließen in die Qualitätssicherung ein.
Ob ein Screening tatsächlich nützt, ob es nicht mindestens fünf Jahre dauern wird, bis alle Qualitätskriterien erfüllt seien und ob es nicht unsinnig sei, ein Screening ohne Tastuntersuchung durchzuführen, war nur eine der viel gestellten Fragen auf dem Kongress. Die Zweifel werden genährt durch das Wissen, dass beim Screening unter 1 000 Frauen drei Krebsfälle gefunden werden und dass jährlich immerhin vier Millionen Frauen mit Verdacht auf Brustkrebs mammographiert werden, dennoch aber die Fallrate an Mammakarzinomen insgesamt nicht wie in manchen anderen Ländern sinkt. Familiärer Darmkrebs: Dem "heißen Eisen" der präventiven Chirurgie bei hereditären kolorektalen Tumoren widmete man sich ebenfalls sehr umfassend auf dem Krebskongress. Einen "noch Gesunden" auf den OP-Tisch zu legen, dazu gehöre schon Überwindung, erklärte Prof. Christian Herfarth (Heidelberg). Andererseits sei aber in diesen Fällen eine echte kausale Therapie möglich.
Die präventive Chirurgie entfernt prophylaktisch die Gewebsregion, die Angriffspunkt einer genetischen Veränderung ist, und verhindert damit die Entwicklung von Krebs im Zielorgan. Bei der familiären adenomatösen Polyposis (FAP) gilt das Verfahren der restaurativen Koloproktomukosektomie mit Wiederherstellung der kontinenten Stuhlpassage als Mittel der Wahl in großen spezialisierten Zentren. Ob das Verfahren gleichermaßen Erfolg versprechend beim HMPCC-Syndrom (hereditäres, nicht-polypöses Colon ca.) anzusehen ist, soll ein Verbundprojekt "Familiärer Darmkrebs" aufdecken helfen (DÄ 5/2000). nic

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