ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2000Kommentar Auslaufmodell Tumorzentrum?

POLITIK: Medizinreport

Kommentar Auslaufmodell Tumorzentrum?

Nickolaus, Barbara

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LNSLNS Das Timing hätte nicht besser sein können. Rechtzeitig zum Beginn des 24. Deutschen Krebskongresses in Berlin erschien im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" ein Interview mit dem Präsidenten der Deutschen Krebsgesellschaft, Prof. Lothar Weißbach (Krankenhaus am Urban, Berlin). Brisante Äußerungen, die mit der Gemütlichkeit eingefahrener Strategien im Kampf gegen den Krebs, mit Klinikroutine und gesundheitspolitischen Gesundbetereien aufräumten - kämpferisch und wohlwissend, dass nur überspitzte Formulierungen heute noch aufrütteln.
Die Rechnung ging auf. Statt sich über neue Substanzen, andere Dosierungen und Krebs im Allgemeinen zu unterhalten, diskutierten mehr als 5 000 Kongress-Teilnehmer über die "Weißbach-Thesen". Weißbach hatte es gewagt, das auszusprechen, was insgeheim viele dachten, aber aus Rücksicht auf Kollegenreputation, auf Patienten und auf die Medien lieber nicht laut aussprachen. Der Kongress, von dem man bestenfalls eine Bestandsaufnahme erwartet hatte, bekam plötzlich eine Komponente, die - ungeachtet der inhaltlichen Richtigkeit der einzelnen Thesen - jedermann persönlich berührte, zum Nachdenken und streitbaren Gespräch motivierte. Unter anderem beklagte Weißbach die mangelnde Zusammenarbeit der einzelnen Disziplinen bei der Krebsbehandlung. "Wer eine Klinik führt, fördert oft nicht gerade die Teamarbeit." In den USA zeige die multimodale Therapie in gleichzeitiger Zusammenarbeit von Chirurgen, Radiotherapeuten und internistischen Onkologen gute Erfolge. Dies könne nicht von allen der 43 Tumorzentren in Deutschland gesagt werden. "Die Idee des Tumorzentrums war ursprünglich gut, wurde aber nicht mit Leben erfüllt, blieb abstrakt, nebensächlichen Fragestellungen verhaftet", so Weißbach. Heute seien die Zentren "unbewegliche Tanker ohne Zukunft". Ebenso hart ging Weißbach mit "regionalen Leitlinien" ins Gericht. Hier zeige sich ein "föderalistischer Dschungel", in dem "Ressourcen verschleudert" werden. Ziel sei es für ihn, Qualitätssicherung in der Tumordiagnostik und -therapie auch gegen erbitterten Widerstand zu betreiben. Eine Zertifizierungskommission der Deutschen Krebsgesellschaft will die Vergabe von Gütesiegeln bei Kliniken und Schwerpunktpraxen durchsetzen. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer äußerte vor der Presse, sie wolle sich für verbesserte Rahmenbedingungen der von Weißbach geforderten interdisziplinären Kooperation einsetzen oder auch durch Förderung von Modellversuchen wie Brustkrebs-Früherkennung durch Screening. Sie wisse sehr wohl, dass es einen Konflikt zwischen "alles machbar" und zunehmenden Kostenbegrenzungen gebe. Hier sei die Mithilfe von Ärzten, Politikern und Kran­ken­ver­siche­rungen gefragt. Dr. Barbara Nickolaus

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