ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2000Polen: Ärztliche Ausbildung auf dem Prüfstand

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Polen: Ärztliche Ausbildung auf dem Prüfstand

Dtsch Arztebl 2000; 97(14): A-897 / B-749 / C-701

Popovic, Michael F. R.

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LNSLNS Eine deutsche Expertenkommission informierte sich im Hinblick auf die EU-Mitgliedschaft Polens über ärztliche, zahnärztliche und pharmazeutische Ausbildungscurricula.


Ungarn, Tschechien und Polen werden im Jahr 2003 der Europäischen Union (EU) beitreten. Aus diesen Staaten sind seit jeher Angehörige der Heilberufe und medizinischer Fachberufe in Mitgliedstaaten der EU eingewandert oder arbeiten dort auf Zeit. Ihre Zulassungsverfahren zur Facharztprüfung sowie die Beurteilungen während des "Anpassungsjahres" durch Weiterbildungsärzte oder Prüfer zeigen, dass die im Herkunftsland erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten sehr unterschiedlich sind. Dauer und Lehrinhalte der medizinischen Ausbildungsgänge in den osteuropäischen Staaten wichen von denen der damaligen Europäischen Gemeinschaft ab. Zudem wiesen die medizinischen Hochschulen eine unterschiedliche Qualität auf. In Folge dessen ist die geltende Rechtslage zur Beurteilung der "Gleichwertigkeit des Ausbildungsstandes" mehr als unbefriedigend. Sie gerät häufig in Konflikt mit der Sicherstellung der Versorgungsqualität der Bevölkerung. Eine deutsche Expertenkommission hat im Herbst letzten Jahres in Polen unter anderem die Universitäten von Warschau, Krakau, Danzig und Lodz besucht und im Ministerium für Gesundheit und Sozialfürsorge Gespräche mit dem stellvertretenden Minister Andrzey Ry´s und Repräsentanten der Akkreditierungskommission der Rektorenkonferenz geführt. Ähnlich wie in Deutschland ist das Ge­sund­heits­mi­nis­terium für die heilberufliche Ausbildung zuständig und übt die Aufsicht über die elf medizinischen Fakultäten des Landes aus. Die Berufsaufsicht obliegt den Ärzte-, Zahnärzte- und Apothekerkammern. Minister Ry´s wies auf die schwierigen ökonomischen Rahmenbedingungen bei steigender Studentenzahl hin. Im Fach Pharmazie steige wegen der Privatisierung der Apotheken die Zahl der Studenten stark an. In der akademischen Pflegeausbildung, die sich an der anglo-amerikanischer Länder orientiere, befänden sich rund 250 000 Studierende. Für die Pflegeberufe würden derzeit Selbstverwaltungskörperschaften errichtet. Außerdem seien nach anglo-amerikanischem Vorbild Studiengänge in Public Health eingerichtet worden. Als neue Fachrichtung habe sich an den Universitäten die Physiotherapie etabliert, die auch das Rehabilitationswesen als Studiengang anbieten. Die polnischen Ärztekammern stehen vor besonderen Problemen: Für Medizinstudierende soll ein Numerus clausus eingeführt werden. Vor diesem Hintergrund müsse untersucht werden, wie viele Ärzte das Gesundheitssystem benötige. Auch müsse über die Rahmenbedingungen für die medizinische Versorgung entschieden werden. Zudem benötige man dringend eine Arztzahlenstatistik, die auf soliden Meldedaten beruhe. Geklärt werden müsse auch, wie viele Ärzte in andere Berufsfelder abgewandert seien. Schätzungen zufolge sind es rund 2 000. Wie Ry´s weiter ausführte, müssen Ärzte seit 1999 am Ende ihrer Ausbildung die Arzt-imPraktikum-Phase absolvieren. Eine einheitliche Staatsprüfung solle in diesem Jahr eingeführt werden. Bislang liegt im Ge­sund­heits­mi­nis­terium jedoch noch kein Konzept vor. Ein Beraterstab des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums erarbeitet zurzeit einen einheitlichen Fragenkatalog. Ein "Rat für die Durchführung der Ärztlichen Prüfung" soll in kürze gebildet werden. Noch ist das ärztliche Examen allerdings universitätsspezifisch. Es umfasst rund 600 Fragen und wird landesweit zweimal jährlich am selben Tag durchgeführt. Ein Zertifizierungsstab erarbeitet derzeit Ranking-Listen für die Fakultäten. Seit 1989 zentrale Eingangstests eingeführt wurden, sind die Zulassungsbedingungen für das Medizinstudium an den elf Fakultäten und Akademien gleich. Wer daran scheitert, kann sich den Zugang zum Studium erkaufen, indem er Studiengebühren für "Evening Courses" mit angeblich gleichen Studienbedingungen zahlt. Darüber hinaus bietet beispielsweise die Medizinische Fakultät der Universität Krakau im Rahmen des "Sokrates student mobility program" ein englischsprachiges Austauschprogramm für Studenten an. Das sechs Jahre dauernde Studium schließt mit einem Diplom ab, das europäischem Standard entspricht. Die Kosten schwanken zwischen 5 000 und 11 000 US-Dollar jährlich. Anforderungen festgelegt
Die seit 1993 gesetzlich vorgeschriebenen Minimalanforderungen für die medizinische Ausbildung umfassen 5 500 Stunden, von denen 4 800 Stunden als Vorlesungen oder Seminare und 700 als praktische Übungen durchgeführt werden. In den 4 800 Unterrichtsstunden sind bis zu 700 fakultative Stunden enthalten, von denen 550 als Lehrinhalt Fremdsprachen und Sport umfassen. Zwischenprüfungen werden nicht durchgeführt. Was die ärztliche Weiterbildung betrifft, soll in Polen künftig nicht mehr die Spezialisierung zum Facharzt 1. und 2. Grades erfolgen. Statt dessen sollen sich die Ärzte in Fachgebieten und Schwerpunkten weiterbilden - eine Annäherung an das Weiterbildungssystem in den EU-Staaten. Es ist beabsichtigt, die Facharztprüfung eng an die United States Medical Licence Examination und die United States Board Examination anzulehnen und sie in einen schriftlichen, einen praktischen und einen mündlichen Teil zu gliedern.
Weg in die EU ebnen
In den Verhandlungen mit der Regierungskommission für die Ausbildung der Heil- und Fachberufe im Gesundheitswesen sah die deutsche Delegation ihre Funktion auch darin, Polens Weg in die EU zu erleichtern und die Migrationsfähigkeit akademischer Heilberufe zu verbessern. In Polen wie auch in Ungarn und Tschechien zeichnen sich dynamische wirtschaftliche, gesundheits- und sozialpolitische Entwicklungen ab. In Polen hat sich die Lage weiter stabilisiert. Eine besondere Rolle spielen dabei internationale Partnerschaften im Gesundheitswesen, in Wissenschaft und Forschung. Mit Blick auf den Beitritt zur EU werden große Anstrengungen unternommen, auch in der Ausbildung der Heil- und Fachberufe im Gesundheitswesen, Ausbildungsdauer und -curricula europäischen und US-amerikanischen Standards anzugleichen.
In vier der elf besuchten Universitäten entsprachen die Ausbildungsstandards weitgehend denen der EU. Von einer generellen Gleichwertigkeit der Aus- und Weiterbildung kann allerdings nicht die Rede sein. Daher scheint es geboten, die Rechtslage in Deutschland zu ändern und eine Ermächtigungsgrundlage für die Durchführung von Individualprüfungen in die Bundesärzteordnung einzuführen - eine seit langem geforderte Änderung
. Dr. med. Michael F. R. Popovic


Andrzey Ry´s, stellvertretender Ge­sund­heits­mi­nis­ter Polens Foto: Michael F. R. Popovic

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