ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2000Psychiatrische Versorgung: Angehörige entlasten

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Psychiatrische Versorgung: Angehörige entlasten

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Psychiatriereform wurde zwar für psychisch Kranke und ihre Angehörigen gemacht, doch nicht mit ihnen.


Der "Hessische Psychiatrie-Tag" in Wiesbaden wollte 25 Jahre nach der Psychiatrie-Enquête Bilanz ziehen und in einem "sozialmedizinischen Trialog" zwischen Angehörigen, Psychiatrie-Erfahrenen und Professionellen nach weiteren Perspektiven zu fragen. Die Veranstalter, der Landesverband Hessen der Angehörigen psychisch Kranker e.V. (LV ApK) und die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Eichberg, stellten fest, dass psychisch kranke Menschen in der Öffentlichkeit immer noch stigmatisiert seien; zudem stehe die Gemeindepsychiatrie zunehmend unter budgetärem Druck, der die Belastungen der Angehörigen noch verstärke.
Stärkere Integration
Angehörige "sind Ausfallbürgen für all das, was nicht funktioniert", beklagte Prof. Dr. phil. Reinhard Peukert vom LV ApK, selbst Angehöriger eines psychisch kranken Bruders. Häufig betrachte man sie "eher als Störenfriede, anstatt ihre Anliegen ernst zu nehmen". Eine Studie aus Hessen belege bei Angehörigen psychisch Kranker einen auffallend hohen Krankenstand. Besonders belastet seien Familienmitglieder chronisch Schizophrener. Peukert forderte, die Angehörigen stärker in die Behandlungsplanung zu integrieren; Erfahrungen hätten gezeigt, dass die psychiatrische Behandlung dann wesentlich erfolgsversprechender sei. Im Rahmen ambulanter sozial-psychiatrischer Maßnahmen fordert der Angehörigenverband mobile Krisendienste: Nötig seien fachärztliche Hausbesuche und häusliche Krankenpflege. Begrüßenswert sei auch die Soziotherapie, denn die Bewältigung des Alltags nach einem Klinikaufenthalt sei allein kaum zu bewältigen, sodass auch hier wieder die Familie helfen müsse. Schließlich seien die Angehörigen chronisch Schizophrener auch finanziell zusätzlich belastet: Somatisch Kranke seien durch die Krankenkassen abgesichert, psychisch Kranke hingegen unterlägen dem Bundessozialhilfegesetz. "Ein Skandal" sei, dass psychisch Kranke keinen Anspruch auf die Pflegeversicherung haben, erklärte Klaus-Dieter Liedke, Lebensräume Offenbach gGmbH und Gründer des Angehörigenverbandes. Liedke hält es für wichtig, die Selbsthilfe von Psychiatrie-Erfahreren noch weiter zu fördern. Annette Kleeberg berichtete über ihren Weg "von der passiven, pillenschluckenden Kranken zur aktiven, eigenverantwortlichen Psychiatrie-Erfahrenen", die eine Selbsthilfe-Gruppe gründete. Zu wenig ausgeprägt sei immer noch das Mitspracherecht der Patienten bei der Behandlung: Diskriminierung in der Klinik bedeute für sie in erster Linie "nicht ernst genommen zu werden". Sie fordert kurze Aufenthalte in der psychiatrischen Klinik und mehr Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags nach einem Klinikaufenthalt. Die ambulante Therapie sei mit 33 000 DM pro Jahr und Patient die günstigste Behandlung im Vergleich zu 126 000 DM bei stationärem Aufenthalt, erklärte Dr. med. Steffen Haas, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Eichberg. Ziel sei es, stationäre Aufnahmen wenn möglich zu vermeiden. Die Tendenz gehe in Richtung einer Personen-orientierten integrierten Behandlung, das heißt, die Interessen der Patienten in den Mittelpunkt zu stellen. Sinnvoll sei das Modell, den Patienten in der Nachsorge durchgängig mit dem gleichen Betreuer zu versehen. Petra Bühring

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