ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2000Die Informationstechnik verändert unser Leben: Alles schöner oder was?

VARIA: Feuilleton

Die Informationstechnik verändert unser Leben: Alles schöner oder was?

Dressler, Günther

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LNSLNS Der computerisierte Hund "sieht" den Ball und spielt ihn treffsicher in die Hände des Jungen.
Die Informationstechnik schafft ungeahnte Möglichkeiten. Was der Mensch davon nutzen will, muss er von Fall zu Fall für sich selbst entscheiden.
Der Kühlschrank merkt auf, wenn die vorletzte Milchpackung entnommen wird, und er bestellt auch gleich Nachschub im Supermarkt. Die Kaffeemaschine arbeitet auf Zuruf: "Einen Cappuccino, bitte!" Der Staubsauger macht sich als Saubermann ganz allein auf den Weg durchs traute Heim. Die Waschmaschine "denkt" mit - sie nutzt die günstigsten Stromtarife. Im Bekleidungshaus erfasst ein "Bodyscanner" die Körpermaße und reicht sie direkt an die Produktionsfirma weiter. Dort schneidert man den perfekten Maßanzug.
Fröhlicher Medienmix
Fantasien? Utopien? Durchaus nicht, wie beim Kongress "Alltag der Zukunft - Informationstechnik verändert unser Leben" im Paderborner Heinz Nixdorf MuseumsForum vorgeführt wurde. Naturwissenschaftler, Techniker, Soziologen und Futurologen aus Deutschland und den USA beschäftigten sich mit Chancen und Risiken der "allgegenwärtigen Computerei". Die Fachleute sind sich einig: In der Informations- und Kommunikationstechnik kommt es zur Konvergenz, zum Zusammenwachsen von Produkten und Dienstleistungen - im Haus, im Auto, am Arbeitsplatz. Die Geräte des täglichen Gebrauchs werden immer intelligenter. Zudem werden sie leichter zu bedienen sein. Miteinander vernetzt, organisieren sie ohne menschliches Zutun sinnvolle, wirtschaftliche Abläufe.
Die Medienvielfalt ist größer denn je: Zeitung und Fernsehen, Film und Videoclip, Buch und Internet. Dabei werden die alten Medien nicht von den neuen verdrängt, sondern in einen größeren Rahmen gestellt. Zu erwarten sei kein Medienkannibalismus, sondern ein fröhlicher Medienmix, prognostiziert Prof. Norbert Bolz, Universität Essen. Man lasse sich weniger "berieseln", wähle dafür öfter ein "persönliches" Programm aus: ob zur Zerstreuung, zum Träumen, zur Information oder Weiterbildung.
Auf den PC, den Personal Computer, folgt der "Personalized Computer", der sich den Eigenheiten und Interessen des Nutzers anpasst. Längst tüfteln die Ingenieure an Geräten, die ohne Schreibmaschinentastatur und Maus auskommen. Die neue Computer-Generation wird gesprochene Sprache verstehen und interaktiv reagieren. Die Geräte werden viel kleiner sein: "Der beste Computer ist der, den man gar nicht mehr sieht." Intelligente Kleidung
Am Massachusetts Institute of Technology arbeitet das Team um Prof. Alex P. Pentland an Miniatur-Computern, die in Textilien eingenäht, in Schuhe und Brillen eingearbeitet sind. "Am einfachsten erweitern wir die menschliche Intelligenz, indem wir die Dinge, die wir täglich mit uns tragen - Brillen, Armbanduhren, Kleider, Schuhe - mit winzigen Rechnern, Bildschirmen, Kameras und Mikrofonen ausstatten." Pentland zitiert einen Urahnen, den englischen Physiker Robert Hooke, der 1665 im Vorwort zur Micrographia schrieb: "In Bezug auf die Sinne müssen wir deren Schwächen durch Instrumente ausgleichen, den natürlichen Organen künstliche beigeben ... Und so wie Augengläser unser Sehvermögen enorm gefördert haben, könnten einst andere mechanische Hilfsmittel unsere übrigen Sinne - fürs Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen - beträchtlich verstärken."
Auf dieser Linie dann auch Pentlands Zukunftsvision: "... ,dressed to success', könnte eine solche Person mit einem hervorragenden Gedächtnis daherkommen, erstaunlich kenntnisreich, mit einem Spürsinn ausgestattet und mit einer Kombinationsgabe, die denen eines Sherlock Holmes kaum nachstünden. Tragbare IntelligenzVerstärker können das Erinnerungsvermögen eines Menschen erweitern, indem sie augenblicklich Zugang verschaffen zu Büchern, digitalisierten Landkarten, zu Kalendarien und Datenbanken; drahtlos verbinden sie den Träger ins Internet, ermöglichen E-Mail und steigern durch verschiedene Sensoren sein Bewusstsein."
Auch Prof. José L. Encarnação vom Darmstädter Fraunhofer-Institut sieht die Zukunft der "Computerei" längst jenseits des Desktops als einer Maschine, mit der man örtlich gebunden arbeitet. "Das Ziel ist, Geräte und Systeme für jedermann effizient, individuell und in jedem Umfeld bedienbar zu machen." Mensch und Maschine synchronisiert, der Computer als immer verfügbarer persönlicher Assistent. Seine Sensoren erkennen die Situation, in der der Nutzer gerade agiert - so kann der Rechner mitplanen und Handlungsalternativen anbieten. Mehr Fragen als Antworten
Schöne neue Welt - und nirgendwo Schatten? Den gesellschaftspolitischen Aspekt brachte Prof. Rolf Kreibich vom Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung ins Gespräch: "Wo wollen wir eigentlich hin?" Er fragt weiter: Wie findet der Mensch seine Identität in einer von Technik ummantelten Gesellschaft, die Berufs- und Freizeitebene immer weiter vermischt? Wo bleibt das Leitbild der Informationsgesellschaft im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung unserer Lebensräume? Wie ist die Spaltung der Gesellschaft in Informierte und Uninformierte, also Gewinner und Verlierer der technischen Evolution, zu verhindern? Sind wir auf dem Weg in eine hedonistische Gesellschaft? Wie kommen wir mit der ungeheuren Informationsflut im Internet zurecht? Und wie gehen wir mit dem Informationsmüll um, der Tag für Tag auf uns niedergeht? Kreibich: Wir müssen Wissen zur Orientierung vermitteln - unermüdlich, immerfort, "vom Kindergarten bis zur Hochschule". Der Physiker und Science-Fiction-Autor Karlheinz Steinmüller wagte beim Paderborner Kongress zur Zukunft der Wissensgesellschaft keine Prognose: "Sie liegt wohl jenseits unserer aller Vorstellungskraft."
Günther Dressler

Das Heinz Nixdorf MuseumsForum im Internet: www.hnf.de


Aus der Werkstatt des MIT Media Laboratory in Cambridge, Massachusetts, stammt dieser mit Sensoren und einem Sender ausgestattete Schuh - ein zuverlässiges Hilfsmittel für den Orthopäden.


In die Brille eingebauter "Intelligenz-Verstärker": Mini-Computer, VideoDisplay, Mikrofon und Kamera

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