ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2022Interview mit Dr. med. Johannes Nießen, Verbandsvorsitzender des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD): „Wir brauchen einen modernen ÖGD“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Johannes Nießen, Verbandsvorsitzender des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD): „Wir brauchen einen modernen ÖGD“

Haserück, André

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Johannes Nießen leitet seit 2019 das Kölner Gesundheitsamt und sitzt seit Februar 2022 dem BVÖGD vor. Foto: Martina Goyert
Johannes Nießen leitet seit 2019 das Kölner Gesundheitsamt und sitzt seit Februar 2022 dem BVÖGD vor. Foto: Martina Goyert

Dr. med. Johannes Nießen, Leiter des Gesundheitsamtes der Stadt Köln sowie BVÖGD-Vorsitzender, über den ÖGD-Pakt, die weitere Digitalisierung der Gesundheitsämter und die Versorgung der Geflüchteten.

Wie hat sich das Rollenbild des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) aufgrund der Coronapandemie gewandelt?

Der ÖGD wird als wichtiger Player im Gesundheitswesen stärker und anders wahrgenommen als vor der Pandemie. Es hat sich gezeigt, dass es neben dem ambulanten und stationären Versorgungssystem auch eine Versorgungsstruktur braucht, die die Bevölkerung im Blick hat, Maßnahmen koordiniert und Infektionsschutz betreibt. Mit den Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine schließen sich nahtlos neue Aufgaben für den ÖGD an, von Impfungen und Infektionsschutz in den Gemeinschaftsunterkünften bis hin zu Untersuchungen der Kinder für eine Betreuung in Kita oder Schule.

Läuft die mit dem ÖGD-Pakt verbundene Personalaufstockung zufriedenstellend?

Über neue 2 400 Stellen sind in den 378 Gesundheitsämtern in Deutschland bereits geplant und zum Teil auch schon besetzt. Eine weitere Tranche von über 3 500 Stellen soll in diesem Jahr die Ämter erreichen. Dabei zeigen sich zwei Probleme: Wenn alle Gesundheitsämter gleichzeitig auf einem leer gefegten Markt fischen, lassen sich die Stellen nicht besetzen und neue Fachkräfte müssen erst ausgebildet werden. Und wenn man 20 Jahre lang Stellen gekürzt hat, bedeutet der jetzige Stellenzuwachs allenfalls eine Kompensation des vorangegangenen Verlusts und wird auch bei zukünftigen, ähnlichen Krisensituationen kaum reichen. Wir brauchen neben dem Stellenaufwuchs auch eine Neustrukturierung und -ausrichtung hin zu einem modernen ÖGD.

Der ÖGD-Beirat empfiehlt, die Attraktivität der Tätigkeit im ÖGD durch arztspezifische Tarifverträge zu erhöhen. Gibt es hier Fortschritte?

Immer noch gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen dem Grundgehalt einer Ärztin beziehungsweise eines Arztes im Krankenhaus und im Gesundheitsamt. Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände erweist sich hier als absolut uneinsichtig, was dazu führt, dass sich die Kommunen über Zulagengewährung – außerhalb des Tariflohns – gegenseitig die Mitarbeiter abwerben. Obwohl der Marburger Bund uns sehr unterstützt hat, die GMK in zahlreichen Beschlüssen eine Verbesserung gefordert hat und im Pakt für den ÖGD ausdrücklich der Mitteleinsatz auch für eine bessere Bezahlung aller Mitarbeitenden im ÖGD vorgesehen ist, weigern sich die kommunalen Arbeitgeber, die Situation zum Beispiel durch spezifische Tarifverträge zu verbessern und zu sichern. Die Kolleginnen und Kollegen stimmen bereits mit den Füßen ab und verlassen den ÖGD. Hier muss man juristisch ansetzen, denn die Kommunen haben einen Sicherstellungsauftrag, dem sie nicht mehr nachkommen können, wenn die Ärztinnen und Ärzte das Gesundheitsamt verlassen.

Einen Schwerpunkt des ÖGD-Paktes stellt die stärkere Digitalisierung dar. Wie schätzen Sie den aktuellen Stand ein?

800 Millionen Euro sind im ÖGD-Pakt vorgesehen, aber die Entwicklung der digitalen Infrastruktur ist regional und von Amt zu Amt sehr unterschiedlich. Größtes Problem sind die verschiedenen kommunalen Softwarelösungen, die zwar eine Meldungsübermittlung von der Kommune an das Land und den Bund vorsehen, aber den Austausch von Daten und Meldungen zwischen den Kommunen extrem erschweren beziehungsweise unmöglich machen. Die angewendeten Softwareformate sind unbedingt zu vereinheitlichen beziehungsweise über Schnittstellen und Datenplattformen austauschfähig zu gestalten.

Wo werden bezüglich der Flüchtlinge aus der Ukraine die Schwerpunkte liegen?

Die ukrainischen Flüchtlinge bedürfen einer sofortigen medizinischen Betreuung und gegebenenfalls auch Therapie, die der ÖGD mitorganisiert. Für die Gefährdung in den Gemeinschaftsunterkünften durch Infektionskrankheiten (Tuberkulose, COVID-19-Infektionen, Windpocken) ist der öffentliche Gesundheitsdienst primär und in besonderer Weise verantwortlich.

Das Interview führte André Haserück.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote