ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2022Notfallversorgung: Optimierung möglich

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Notfallversorgung: Optimierung möglich

Haserück, André

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Eine gute Kooperation – Stichwort Gemeinsamer Tresen – gekoppelt mit effizienten Triage- beziehungsweise Ersteinschätzungssystemen kann Notaufnahmen entlasten und gleichzeitig die Versorgung verbessern. Dies belegt eine aktuelle Studie der KVB und des Zi.

Am Klinikum Rosenheim wird im Rahmen einer Machbarkeitsstudie ein neuartiges Modell der Patientensteuerung angewandt. Foto: picture alliance/VOGL-PERSPEKTIVE.AT/Mike Vogl
Am Klinikum Rosenheim wird im Rahmen einer Machbarkeitsstudie ein neuartiges Modell der Patientensteuerung angewandt. Foto: picture alliance/VOGL-PERSPEKTIVE.AT/Mike Vogl

Seit einigen Jahren beklagen die Krankenhäuser in Deutschland massive Belastungen der stationären Notaufnahmen. Insbesondere die Vermeidung einer Fehlinanspruchnahme von Notfallversorgungskapazitäten durch Akutpatientinnen beziehungsweise -patienten, die oftmals auch während der allgemeinen Praxisöffnungszeiten vertragsärztlich behandelt werden könnten, hat das Potenzial für Entlastung zu sorgen. Für eine sachgerechte Steuerung der Patienten stellen praktikable Lösungen die Voraussetzung dar.

Wie eine gemeinsame Machbarkeitsstudie der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), des Klinikums Rosenheim und des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) zeigt, ist eine Kombination des Manchester-Triage-Systems (MTS) mit der Strukturierten medizinischen Ersteinschätzung in Deutschland (SmED) patientensicher umsetzbar.

Patientensicherheit lässt sich mit Entlastung verbinden

Das gestufte Verfahren trage sowohl zur Verbesserung der Sicherheit von Patienten als auch zur Entlastung der Notaufnahmen von minder schweren Fällen bei, sagte Dr. med. Michael Bayeff-Filloff, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am RoMed Klinikum Rosenheim. „Personen mit besonderen Risiken wurden sofort identifiziert. Auch Stichproben mit SmED zur Identifikation der sogenannten Redflags waren durchgängig erfolgreich.“ Um einen sofortigen Behandlungsbedarf zu erkennen, werden im Rahmen des Verfahrens alle Patienten zunächst durch eine Sichtungsfachkraft des Klinikums mit dem MTS nach Dringlichkeit priorisiert. Das in das Krankenhausinformationssystem (KIS-System) eingearbeitete MTS teilt die Patienten farbkodiert in fünf Gruppen ein. Patienten in den Ersteinschätzungsgruppen „sofort (rot)“ und „sehr dringend (orange)“ sowie Patienten, die bestimmte Untersuchungen oder Behandlungen benötigten, sind direkt in die Notaufnahme geleitet worden.

Patienten mit den Triagestufen „normal (grün)“ und „nicht dringend (blau)“ sowie „teilweise dringend (gelb)“ sind zudem durch eine Fachkraft der KVB mit der SmED-Software eingeschätzt worden. Soweit daraus eine Empfehlung zur vertragsärztlichen Behandlung hervorging, sind die Patienten zu Besetztzeiten der Kassenärztlichen Bereitschaftspraxis – die sich in Nachbarräumlichkeiten zur Notaufnahme befindet – dort ärztlich behandelt worden. Zu Praxisöffnungszeiten konnten die Patienten vor einer Weiterleitung in eine externe Vertragsarztpraxis zunächst per Videotelefonie einem Vertragsarzt vorgestellt werden.

Im Gesamtergebnis seien rund drei Viertel der Hilfesuchenden durch die Notaufnahme behandelt worden, ein Viertel durch Vertragsärzte, so Bayeff-Filloff. Von den selbsteinweisenden Patienten sei ein Drittel durch Niedergelassene versorgt worden.

Das Patientensteuerungsmodell des Klinikums Rosenheim
Grafik
Das Patientensteuerungsmodell des Klinikums Rosenheim

Weitere Möglichkeiten durch Ausbau des Modells denkbar

„Ich sehe noch weitere Möglichkeiten zur Entlastung der Notaufnahme. Etwa durch Einbeziehung eines Teils der vom Rettungsdienst eingelieferten Patienten in die Versorgung durch die KV Bereitschaftspraxis und von Patienten, die vermeintlich weitergehende Untersuchungen benötigten“, betonte Bayeff-Filloff. Würde die KV-Bereitschaftspraxis mehr Möglichkeiten zur Diagnostik – etwa Labor, Sonografie oder Röntgenausstattung – erhalten und würden niedergelassene Unfallchirurgen einbezogen, seien weitere Entlastungen der Notaufnahme denkbar. Er wies jedoch darauf hin, dass große Notaufnahmen das gestufte Verfahren nicht ohne zusätzliches Personal am Empfangstresen bewältigen könnten.

Auf einen „Zufallsbefund“ verwies der Zi-Vorstandsvorsitzende Dr. rer. pol. Dominik von Stillfried. Demnach sah sich etwa die Hälfte der Patienten, die eine Videokonsultation in Anspruch genommen haben, bereits ausreichend ärztlich beraten. Dies spreche dafür, das Angebot der Videotelefonie an dieser Stelle zu erweitern. Die allermeisten Patienten hätten das zweistufige Vermittlungsangebot aus Weiterleitung durch die Fachkraft und Angebot der Videotelefonie positiv aufgenommen. Das sei erfreulich, so von Stillfried. Denn aus zahlreichen wissenschaftlichen Studien wisse man, dass die Qualität der medizinischen Versorgung von Notfällen in den Notaufnahmen leidet, wenn sich zu viele Hilfesuchende im Behandlungsvorgang befinden und damit Wartezeiten anwachsen. Dieser Patientenstau führe laut Studien statistisch zu einem Anstieg vermeidbarer Todesfälle in der Notfallversorgung. „Dem kann durch stringentes Management entgegengewirkt werden.“

Das gestufte Steuerungsverfahren könne ein Teil davon werden – insgesamt könnten die positiven Ergebnisse der Studie durchaus im Rahmen einer weitergehenden Reform der Notfallversorgung vom Gesetzgeber aufgegriffen werden.

„Um die Schnittstellenproblematik in der Notfallversorgung schnell und sicher zu lösen, braucht es Kooperationen vor Ort zwischen Kliniken und Praxen. Ein bundeseinheitlicher Rahmen sollte jeder KV vor allem ermöglichen, die Kooperationskonzepte zu erarbeiten, die zu der jeweiligen Versorgungsstruktur am besten passen“, betonte der KVB-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Wolfgang Krombholz.

Die KV Bayerns wolle auf Basis der Ergebnisse der Machbarkeitsstudie ihr bereits seit zehn Jahren erfolgreiches Netz mit 135 Bereitschaftspraxen (davon befinden sich 119 an Kliniken) und dem ärztlichen Bereitschaftsdienst zu einer noch engeren Kooperation mit den Kliniken weiterentwickeln, so Krombholz. Ein mögliches Ziel wäre, vertragsärztlich behandelbare Patienten regelhaft direkt in verfügbare und gut erreichbare Arztpraxen zu vermitteln oder vorab zur Ersteinschätzung ein Videogespräch mit einer Arztpraxis zu vereinbaren.

Gesetzgeber bei Sicherung der Finanzierung gefragt

Der KVB-Vorstandsvorsitzende richtete zugleich einen Appell an den Gesetzgeber, dass für solche Angebote eine angemessene Finanzierungsgrundlage geschaffen werden müsse. Die Machbarkeitsstudie werde im Jahr 2022 fortgeführt, um unter Ausnutzung des identifizierten Verbesserungspotenzials noch bessere Ergebnisse zu liefern. Gemeinsam halten die Beteiligten diesen Weg der Kooperation für einen pragmatischen Lösungsweg für die Fragen der Notfallreform. Es komme demnach darauf an, maßgeschneiderte Lösungen zu entwerfen, mit denen die unterschiedlichen Gegebenheiten an den Notaufnahmen und in der vertragsärztlichen Versorgung der Region sowie tageszeitliche Inanspruchnahmeschwankungen angemessen und effizient berücksichtigt werden könnten. André Haserück

Das Patientensteuerungsmodell des Klinikums Rosenheim
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Das Patientensteuerungsmodell des Klinikums Rosenheim

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