ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2022Klimaschutz im Krankenhaus (II): Klimaneutralität ist erreichbar

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Klimaschutz im Krankenhaus (II): Klimaneutralität ist erreichbar

Osterloh, Falk

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Um weitgehende Klimaneutralität zu erreichen, listet ein neues Gutachten zehn Maßnahmen auf, die die Krankenhäuser ab sofort umsetzen können. Während manche Maßnahmen wenig kosten, brauchen die Häuser vor allem bei der Gebäudesanierung finanzielle Unterstützung.

Grünflächen und Photovoltaikanlagen sind Bestandteile nachhaltiger Krankenhäuser. Foto: Kplus Gruppe
Grünflächen und Photovoltaikanlagen sind Bestandteile nachhaltiger Krankenhäuser. Foto: Kplus Gruppe

Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, Deutschland bis 2045 klimaneutral zu machen. Im Bundesklimaschutzgesetz ist der Weg dorthin vorgezeichnet: Jedes Ressort muss in jedem Jahr die verantworteten Treibhausgasemissionen um einen bestimmten Wert reduzieren. Um das Ziel zu erreichen, muss jede Branche im selben Zeitraum die selbstverantworteten Emissionen ebenfalls auf Null senken. Die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (KGNW) – die auch am Projekt KLIK green beteiligt ist (siehe vorigen Artikel) – hat nun zwei renommierte Institute mit der Erarbeitung von Gutachten betraut, die zeigen, wie Krankenhäuser bis zum Jahr 2045 klimaneutral werden können – und was das kostet.

In seinem Gutachten „Zielbild: Klimaneutrales Krankenhaus“ hat das Wuppertal Institut zehn Maßnahmen identifiziert, die die Häuser umsetzen müssen, um bis 2045 weitgehende Klimaneutralität zu erreichen (Grafik). Zunächst müsse dafür ein Klimaschutzmanagement eingeführt werden, erklärte einer der Autoren des Gutachtens, Oliver Wagner vom Wuppertal Institut, Ende März in Düsseldorf: „Man braucht jemanden vor Ort, der das Projekt begleitet, der die Daten erhebt, Fördergelder akquiriert und der schaut, ob das Krankenhaus auf dem richtigen Weg ist.“

Beispiel eines Fahrplans zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen
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Beispiel eines Fahrplans zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen

LED-Leuchten und Narkosegase

Zeitnah umzusetzen seien die Implementierung einer LED-Beleuchtung sowie der Austausch beziehungsweise das Recyceln klimaschädlicher Narkosegase. Aufwendiger sei die Sanierung der Gebäudehülle. „Das ist ein großer Brocken“, betonte Wagner. „Viele Krankenhäuser haben heute energetisch nicht den allerbesten Standard, was die Wärmeverluste angeht.“ Weder die Gebäudehüllen noch das Dach seien vielfach gut gedämmt. Es müssten allerdings große Anstrengungen unternommen werden, um mehr Handwerker auszubilden, die die notwendigen Arbeiten vornehmen können. Denn derzeit sei es nicht so, dass ausreichend Handwerker für diese Aufgaben zur Verfügung stehen.

Zudem schlagen die Autoren des Gutachtens vor, Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) in den Krankenhäusern zu installieren. „Auf den Südfassaden könnten die PV-Elemente zugleich für Verschattung sorgen, um die Wärme im Krankenhaus zu reduzieren“, erklärte Wagner. Darüber hinaus könnten die Wärme- und Kälteerzeugung, die Wärmepumpen und die Lüftungsanlagen erneuert werden. „Neue Lüftungsanlagen können die Luftqualität verbessern und gleichzeitig Energie einsparen“, so Wagner. Und heute sei es in modernen Häusern möglich, den Wärmeverbrauch auf 30 kWh pro Quadratmeter und Jahr zu reduzieren. Derzeit liege dieser Wert noch bei 212 kWh.

Schließlich gehöre zu dem Maßnahmenkatalog ein Konzept, mit dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Krankenhaus ohne Auto erreichen. „Es gibt die Möglichkeit, mit dem Fahrrad oder dem E-Bike zu kommen“, sagte Wagner. „Dafür braucht man Unterstell- und Lademöglichkeiten. Zudem kann man ein Jobticket als Anreiz einführen, mit dem Öffentlichen Personennahverkehr zu kommen. Bei Mitarbeitenden, die auf ein Auto angewiesen sind, sollte die E-Mobilität das Mittel der Wahl sein.“ Dafür brauche man die notwendige Infrastruktur in den Häusern, um die Autos laden zu können. Abschließend betonte Wagner: „Das Ziel ist erreichbar.“ Besonders ambitionierte Krankenhäuser könnten es sogar schaffen, bis 2030 klimaneutral zu werden. Dafür müssten sie aber bereits Vorarbeiten geleistet haben.

Fonds für den Klimaschutz

„Wir wissen, was man tun kann, um Klimaneutralität im Krankenhaus zu erreichen“, betonte der Geschäftsführer des hcb – Institute for Healthcare Business, Prof. Dr. rer. pol. Boris Augurzky. „Nun ist die Frage, was es kostet, diese Maßnahmen umzusetzen.“ In einem zweiten Gutachten hat das hcb diese Frage beantwortet. „Der Investitionsbedarf liegt für die 315 Plankrankenhäuser von Nordrhein-Westfalen bei 7,1 Milliarden Euro, gestreckt auf sieben Jahre“, erklärte Augurzky. „Dabei fallen alleine 6,3 Milliarden Euro auf die Sanierung der Gebäudehüllen.“ 189 Millionen Euro kostet der Modellrechnung zufolge die Implementierung der Photovoltaik, 353 Millionen Euro der Umbau der Wärme- und Kälteerzeugung und 88 Millionen Euro der Ausbau der E-Mobilität. Neben diesen Investitionskosten müssten die Krankenhäuser jedes Jahr etwa 189 Millionen Euro für laufende Kosten veranschlagen, zum Beispiel für die Finanzierung der Vollzeitstelle eines Klimaschutzbeauftragten, so Augurzky.

Da die Bundesländer in der Vergangenheit nicht einmal die notwendigen Investitionsmittel zum Erhalt der Substanz der Krankenhäuser zur Verfügung gestellt hätten, schlug der Gesundheitsökonom vor, für die Finanzierung der Klimaschutzmaßnahmen einen Fonds aufzulegen, der von Bund und Ländern gemeinsam gefüllt wird. In jedem Fall hätten die Krankenhäuser aus eigener Kraft nicht die Möglichkeit, in Klimaschutzmaßnahmen zu investieren.

Dies betonte auch der Vizepräsident der KGNW, Sascha Klein. „Die nordrhein-westfälischen Krankenhäuser als zentraler Teil der Daseinsvorsorge sind bereit, ihren Beitrag auf dem Weg zum klimaneutralen Gesundheitswesen bis 2045 zu leisten“, sagte er. „Es muss aber allen klar sein, dass die Krankenhäuser keinerlei finanzielle Möglichkeiten haben, um Klimaneutralität zu erreichen.“ Die Verbindung von Klimaschutz und Daseinsvorsorge sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die die nächste Landesregierung bewältigen müsse. Die nächste Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen findet am 15. Mai dieses Jahres statt.

Augurzky bezeichnete die vom Wuppertal Institut vorgeschlagenen Maßnahmen als „Blaupause für alle Bundesländer“. Die Aufgabe, Klimaneutralität in den Krankenhäusern zu erreichen, sei groß – „und eigentlich nicht verhandelbar“.

Mehr Anreize einführen

Die Deutsche Allianz Klima und Gesundheit (KLUG) begrüßt die Initiative der Krankenhausgesellschaft. „Das Gutachten des Wuppertal Instituts zeigt die Richtung, wie Klimaneutralität der Krankenhäuser in Deutschland möglich wird“, sagte der Geschäftsführer von KLUG, Dr. med. Christian Schulz, dem Deutschen Ärzteblatt. Und das hcb-Gutachten sei wichtig, da es juristische Antworten auf die Frage präsentiere, wie Krankenhäuser kurzfristig an die benötigten Mittel kommen könnten. Zu wenig berücksichtigt werde allerdings, dass Krankenhäuser ihre Treibhausgasemissionen auch ohne jegliche Investitionsmittel stark reduzieren könnten. Manche Einrichtungen hätten ja schon gezeigt, dass dies funktioniere, zum Beispiel im Rahmen des KLIK-green-Projekts.

Mit Blick auf die aktuellen Erkenntnisse aus dem 6. Bericht des Weltklimarats betonte Schulz: „Aus medizinischer Sicht ist das 1,5 °C-Ziel nicht verhandelbar.“ Bereits jetzt seien die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels immens. Deshalb forderte er mehr Geschwindigkeit bei der Umstrukturierung des Gesundheitswesens zu mehr Nachhaltigkeit. „Wir müssen die Anreize für die Krankenhäuser erhöhen, klimaneutral zu werden“, so Schulz. „Deshalb müssen wir die Leistungsvergütung künftig auch an die Geschwindigkeit koppeln, mit der sich die Krankenhäuser auf den Weg zur Klimaneutralität machen.“ Falk Osterloh

Beispiel eines Fahrplans zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen
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Beispiel eines Fahrplans zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen

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