ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2022Ambulante Versorgung: Pandemie setzt den Praxen zu

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Ambulante Versorgung: Pandemie setzt den Praxen zu

Lau, Tobias

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Die vergangenen beiden Jahre haben die Arztpraxen spürbar in Mitleidenschaft gezogen. Zu diesem Schluss kommt eine Mitgliederbefragung der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin zu den Auswirkungen der Coronapandemie. Fast ein Drittel der Praxen hat Personal verloren.

Foto: picture alliance/dpa/Hans Wiedl
Foto: picture alliance/dpa/Hans Wiedl

Die Pandemie wirke wie ein Brennglas, sie lege die Bruchstellen im System offen, erklärte Dr. med. Thomas Götz, Staatssekretär für Gesundheit und Pflege beim Berliner Senat, jüngst in der Familienpraxis Karlshorst. Dorthin hatte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) geladen, um die Ergebnisse einer aktuellen Mitgliederbefragung unter 1 600 Niedergelassenen vorzustellen. Diese fielen eindeutig aus: 89 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Arbeitsbelastung in den zurückliegenden beiden Jahren gestiegen sei, bei
63 Prozent sogar deutlich. Vor allem zusätzliche Aufgaben wie Coronaimpfungen oder -tests steigerten demnach das Belastungsniveau, aber auch das veränderte Patientenverhalten und erratisches Vorgehen der Politik.

63 Prozent empfanden einen enormen Anstieg der Anfragen von Patienten in den Praxen als Belastung und 53 Prozent deren hohe, teils nicht erfüllbare Erwartungshaltungen. Mehr als ein Drittel der Befragten gab zudem an, unter aggressivem Verhalten von Patienten gelitten zu haben. „Da steckt sehr viel Frustration dahinter und trotzdem haben sie ihre Arbeit gemacht“, sagte der KV-Vorsitzende Dr. med. Burkhard Ruppert. „Neben alldem die ambulante Versorgung aufrechterhalten zu haben, ist das große Verdienst der Kolleginnen und Kollegen.“

Schwierige Beschaffung

Probleme gab es nicht nur im Umgang mit den Patienten, auch die materiellen Bedingungen waren besonders zu Beginn der Pandemie schwierig: 41 Prozent gaben an, die Beschaffung von Schutzmaterialien als Belastung empfunden zu haben. Selbst für die KV sei es sehr schwierig gewesen, Schutzausrüstung zu organisieren, erklärte Ruppert.

Daraus ergebe sich eine Erkenntnis, die die Politik nicht vergessen dürfe: „Früher nannten wir das Senatsreserve, so etwas brauchen wir heute wieder“, forderte er. Es müsse nicht nur Material vorgehalten werden, sondern auch Kompetenzen und Strukturen in Krisenstäben dauerhaft konzentriert werden. „Da sollten wir keine Kosten scheuen, denn sonst wird es am Ende noch viel teurer.“ Das Beispiel der vom Bund beschafften viel zu teuren Masken habe das gezeigt.

Auch die Politik habe die Niedergelassenen in den vergangenen zwei Jahren viele Nerven gekostet, betonte Praxisinhaber Dr. med. Hanns Iblher. „Der entscheidende Punkt ist die Kommunikation.“
70 Prozent der Befragten hatten angegeben, dass ständige Regeländerungen sie im Praxisalltag belastet hätten. Nicht selten hätten Patienten aus den Medien noch vor dem Praxispersonal über neue Maßnahmen Bescheid gewusst, beklagte Iblher. Künftig dürfe nicht mehr „Presse vor Praxis“ gelten.

Ruppert ging noch weiter: „Was die Politik in weiten Teilen nicht verstanden hat, ist, dass die ambulante Versorgung ein subsidiäres System ist“, beklagte er. Die KV könne den Praxen nicht vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Das müssten die politisch Verantwortlichen verstehen und danach handeln.

Besorgniserregend ist aus Sicht der KV insbesondere die Tatsache, dass etwa ein Drittel der Befragten angab, in den vergangenen zwei Jahren Personal verloren zu haben. Viele Mitarbeitende hätten die Praxen aufgrund der Pandemie verlassen. Hinzu kommen bei einem Drittel wirtschaftliche Sorgen wegen fernbleibender Patienten. Das Instrument des Rettungsschirms hingegen halten rund 80 Prozent für nicht relevant – für die wirtschaftliche Absicherung der Praxis habe es keine Rolle gespielt. Tobias Lau

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