ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2022Klimaschutz im Krankenhaus (I): Kliniken reduzieren Emissionen

THEMEN DER ZEIT

Klimaschutz im Krankenhaus (I): Kliniken reduzieren Emissionen

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Etwa 250 Krankenhäuser und Rehakliniken haben über das Projekt KLIK green Klimamanager ausbilden lassen, die in den Einrichtungen nun verschiedene Maßnahmen zur Einsparung von Treibhausgasemissionen umsetzen. Das Projekt zeigt: Das Reduzieren von Emissionen im Alltag ist möglich – und manches ist überhaupt nicht teuer.

Mit dem Rad zur Arbeit, Bäume pflanzen, das Menü umstellen: Drei von 187 Klimamanagerinnen und -managern zeigen, wie aktiver Klimaschutz funktioniert. Fotos: Frederic Schweizer; Klinikum am Weissenhof; Reha-Zentrum Seehof Teltow
Mit dem Rad zur Arbeit, Bäume pflanzen, das Menü umstellen: Drei von 187 Klimamanagerinnen und -managern zeigen, wie aktiver Klimaschutz funktioniert. Fotos: Frederic Schweizer; Klinikum am Weissenhof; Reha-Zentrum Seehof Teltow

Der 6. Bericht des Weltklimarats macht es sehr deutlich: Um die Erderwärmung noch auf 2 °C im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen – oder gar auf 1,5 °C –, müssen in allen Branchen sehr schnell einschneidende Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgase ergriffen werden – auch im Gesundheitswesen.

Krankenhäuser und Rehakliniken stoßen besonders viele Treibhausgase aus. Um ihre Emissionen zu senken, haben sich seit 2019 etwa 250 von ihnen in dem Projekt KLIK green zusammengefunden, in dem Experten Mitarbeitende der Einrichtungen zu Klimamanagerinnen und -manager ausgebildet haben. Vermittelt wurden dabei zahlreiche Maßnahmen, wie die Emissionen reduziert werden können. Begleitet wurde das Projekt vom BUND Berlin, der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen und dem Universitätsklinikum Jena.

In einem Abschlussbericht haben die Initiatoren nun analysiert, wie viele CO2-Äquivalente (CO2Ä) die teilnehmenden Einrichtungen einsparen konnten. Als CO2Ä werden alle Treibhausgase bezeichnet: neben Kohlenstoffdioxid vor allem Methan, Distickstoffmonoxid und fluorierte Treibhausgase.

Zahlreiche Maßnahmen

Deutschland hat im Jahr 2021 dem Umweltbundesamt zufolge 762 Millionen Tonnen CO2Ä emittiert. Der Gesamtausstoß des deutschen Gesundheitswesens liegt je nach Quelle zwischen 40 und 70 Millionen Tonnen pro Jahr. Durch KLIK-green-Projekte können Krankenhäuser und Rehakliniken voraussichtlich 200 000 Tonnen CO2Ä einsparen, wie aus dem Abschlussbericht hervorgeht. Insgesamt wurden im Rahmen des durch die Nationale Klimaschutzinitiative geförderten Projekts seit November 2019 187 Klimamanagerinnen und -manager ausgebildet, die in ihren Einrichtungen bis zum Ablauf des Projekts am 30. April 2022 genau 1 640 unterschiedliche Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen umgesetzt beziehungsweise auf den Weg gebracht haben werden. Sämtliche Maßnahmen werden bis Ende April in den teilnehmenden Einrichtungen implementiert sein. Die dadurch erreichte Reduktion von Treibhausgasemissionen wirkt dabei auch in die Zukunft hinein – zum Beispiel durch die Sanierung der Gebäudehüllen oder durch eine Umstellung der Küche auf weniger Fleisch- und mehr vegetarische Gerichte. So werden die eingesparten Gesamtemissionen auch auf ihre zukünftige Wirkdauer bezogen. Ursprüngliches Ziel war es gewesen, in 250 Krankenhäusern und Rehakliniken Klimamanager auszubilden und dadurch 100 000 Tonnen CO2Ä einzusparen.

Wie die Projektleiterin Annegret Dickhoff vom BUND Berlin Ende März bei der Vorstellung des Abschlussberichts erklärte, konnten die Krankenhäuser die größten CO2Ä-Reduktionen im Bereich Energie erreichen (Grafiken). Durch 338 Maßnahmen, die sich auf die Beleuchtung oder die Belüftung beziehen, können voraussichtlich 80 000 Tonnen CO2Ä eingespart werden. 188 Maßnahmen zur Umstellung der Stromerzeugung auf erneuerbare Energien können 68 000 Tonnen CO2Ä einsparen. In 84 Maßnahmen wurde die Ernährung umgestellt. Dadurch werden 8 500 CO2Ä eingespart.

Bilanzierte CO2Ä-Reduktion nach Bereichen
Grafik 1
Bilanzierte CO2Ä-Reduktion nach Bereichen
Bilanzierte CO2Ä-Reduktion im Bereich Energie
Grafik 2
Bilanzierte CO2Ä-Reduktion im Bereich Energie

An KLIK green nahmen in erster Linie Klinikbeschäftigte aus der Technik teil, aber auch aus der Ärzteschaft, aus der Pflege und aus der Verwaltung. Eine der beteiligten Ärztinnen ist Dr. med. Stephanie Snyder-Ramos, Fachärztin für Anästhesie am Krankenhaus Salem in Heidelberg. „Ausgerechnet das Gesundheitswesen verstärkt durch seine Treibhausgasemissionen den Klimawandel und somit den Hitzestress, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten und die Zahl von Herzinfarkten“, sagte sie. „Wir dürfen unsere Aufgabe, kranken Menschen zu helfen, nicht durch Klimakollateralschäden in das Gegenteil verkehren. Und das Zeitfenster, in dem wir das Ausmaß des Klimawandels noch beeinflussen können, schließt sich schneller, als wir es lange gedacht haben.“

Bei KLIK green seien zahlreiche Maßnahmen vermittelt worden, um Treibhausgasemissionen im Krankenhaus zu reduzieren. Die Datenbank des Projekts enthalte viele Praxisbeispiele und Ansprechpartner sowie Maßnahmen, die sich auf die eigene Einrichtung übertragen ließen. „Angeregt durch KLIK green haben wir Filter in unseren sieben OP-Sälen implementiert, mit denen die Narkosegase aufgefangen, aufbereitet und wiederverwendet werden“, sagte Snyder-Ramos. Dadurch könnten im Krankenhaus Salem jedes Jahr 300 Tonnen CO2-Äquivalente eingespart werden (weitere Projekte werden auf den folgenden Seiten vorgestellt).

Dickhoff erklärte, dass von den 1 600 Maßnahmen fast 30 Prozent in die Kategorie „nicht investiv“ fallen und 40 Prozent in die Kategorie „gering investiv“. In weiteren 30 Prozent der Fälle mussten die Krankenhäuser investieren, um Treibhausgasemissionen reduzieren zu können. Bei der Analyse der Maßnahmen zeigte sich, dass die investiven Maßnahmen die größte Reduktion von Emissionen ermöglichten: Mehr als 60 Prozent der Gesamtreduktion wurden durch Maßnahmen erreicht, in die die Krankenhäuser investieren mussten. Dies zeige, dass eine Investition in den Klimaschutz notwendig sei, betonte Dickhoff. Die Bundesländer kämen ihrer Verpflichtung aber nicht nach, genügend Mittel zur Verfügung zu stellen. Deshalb müsse die Politik jetzt dringend eine Alternative für die derzeitige Investitionsfinanzierung finden.

„Die Zahlen zeigen aber auch, dass knapp 40 Prozent der Reduktionen durch Maßnahmen erreicht werden können, die kein oder wenig Geld kosten“, so Dickhoff weiter. Zu den nicht investiven Maßnahmen zähle dabei, das klimaschädliche Narkosegas Desfluran nicht mehr zu verwenden. Zu den gering investiven Maßnahmen zähle die Einführung eines Jobtickets. Alle Krankenhäuser und Rehaeinrichtungen, die noch nicht damit begonnen haben, rief Dickhoff dazu auf, mit der Reduktion von Treibhausgasemissionen zu beginnen. Falk Osterloh

Diensträder für die Mitarbeitenden

Foto: Klinik Fallingbostel
Foto: Klinik Fallingbostel

In der Klinik Fallingbostel, einer Rehaklinik in der Lüneburger Heide, hat sich der stellvertretende Geschäftsführer und Verwaltungsleiter Tobias Schuchhardt (im Bild in der Mitte) selbst zum Klimamanager ausbilden lassen. Seither bietet die Klinik ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Dienstfahrräder an. Auf diese Weise spart sie acht Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr ein.

Einen weiteren Schwerpunkt legt die Klinik darauf, Lebensmittel nicht zu verschwenden. Deshalb nimmt sie zugleich an der Aktion „Zu gut für die Tonne“ teil. Das Ziel ist in diesem Bereich, die Themen Nachhaltigkeit und Kostenminimierung ohne Einschränkung der Versorgungs- und Essensqualität zu vereinbaren. Die Patientinnen und Patienten werden zu Beginn ihres Aufenthalts in Ernährungs- und Einführungsvorträgen über die Kampagne informiert. Dabei erhalten sie drei Hinweise: „Satt werden“, „Lieber einmal mehr zum Büfett gehen“ und „Nur leere Teller zurückzustellen“. Durch die ergriffenen Maßnahmen haben sich die Speiseabfälle um ein Drittel reduziert. Zudem ist es Schuchhardt wichtig, regionale Produkte in der Küche zu verwenden. Denn „die richtige Ernährung hat Auswirkungen auf die Gesundheit“, sagt er.


Abschaffung des Narkosegases Desfluran

Foto: privat
Foto: privat

Das Universitätsklinikum Augsburg (UKA) senkt seine Emissionen unter anderem durch einen Austausch der Anästhesiegase Desfluran durch Sevofluran (Bild). Da Sevofluran deutlich weniger treibhausgaswirksam ist, kann das Klinikum pro Jahr 260 Tonnen CO2-Äquivalente einsparen. Über die gesamte Wirkdauer der Maßnahme sind es 2 078 Tonnen. Als Teil des Projekts „University Medicine Augsburg goes green“ (UMAGG) wird am Uniklinikum seit Mitte 2021 nur noch Sevofluran verwendet. Dabei konnten keine relevanten pharmakokinetischen Nachteile durch den Austausch beobachtet werden, wie der Klimamanager des Klinikums, Dr. med. Daniel Bolkenius, betont (DÄ 51-52/2021).

Der Facharzt für Anästhesie weist darauf hin, dass Anästhetika zudem mit Aktivkohle-Auffangsystemen direkt am Narkosegerät aufgefangen, anschließend desorbiert und schließlich bei einer Recovery-Rate von circa 95 Prozent wiederverwendet werden können. Einen großen Einfluss auf den Verbrauch und die Freisetzung inhalativer Anästhetika in die Umwelt hat Bolkenius zufolge auch der Frischgasfluss. Dabei bewirkt eine Verdopplung des Frischgasflusses eine Verdopplung der freigesetzten Inhalationsanästhetika.


Austausch der Lüftungsanlage

Foto: vladdeep/stock.adobe.com
Foto: vladdeep/stock.adobe.com

Das Klinikum Westfalen besteht aus vier Standorten mit insgesamt 1 154 Betten. Mit Unterstützung von Klimamanagerin Monique Moch-Lasok wurde die alte Lüftungsanlage ersetzt und die neuen Lüftungsgeräte (Bild) und -kanäle gedämmt. Auch die Mess-, Steuer- und Regelungstechnik wurde erneuert. So spart das Klinikum 193 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr ein. Auf die gesamte Wirkdauer gerechnet sind es 2 896 Tonnen.

Das Klinikum ist bereits seit 2019 Teil des KLIK-green-Projekts und hat seither zwei Klimamanager qualifiziert. Neben der Erneuerung der Lüftungsanlage hat es unter anderem die vorhandenen Leuchtstoffröhren gegen LED-Leuchten ausgetauscht und Bewegungsmelder in geeigneten Räumen installiert. Es hat die Fenster erneuert, um den Wärmeeinsatz zu reduzieren und energieeffizientere Brenner und Kessel eingebaut, um weniger Erdgas zu verbrauchen. Insgesamt belaufen sich die Einsparungen dem Klinikum zufolge auf 950 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr. Als besonders effektiv habe sich der Austausch der Leuchtstoffröhren durch LED-Leuchten erwiesen. Allein dadurch könne das Klinikum Westfalen pro Jahr 232 Tonnen CO2-Äquivalente einsparen.


Recyceln von Zigarettenkippen

Foto: Danuvius Klinik
Foto: Danuvius Klinik

Zur Danuvius Kliniken GmbH mit Sitz in Ingolstadt gehören drei psychiatrische Fachkliniken in Pfaffenhofen, Neuburg und Ingolstadt. Klimamanagerin Sonja Tworek (Bild) schult Beschäftigte und Patienten im Klimaschutz, gibt Nachhaltigkeitstipps über das Intranet und in einem Newsletter, zu denen zum Beispiel Reminder zum Ausschalten des Lichts oder der Computer gehören. Pro Jahr spart das Unternehmen auf diese Weise 23 Tonnen CO2-Äquivalente ein. Über die Wirkdauer der Maßnahmen sind es voraussichtlich 46 Tonnen.

Einen besonderen Fokus legt Tworek auf das Einsammeln von weggeworfenen Zigarettenkippen. Denn diese enthalten zahlreiche Giftstoffe, die sich auflösen, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen. Auf diese Weise geraten sie in das Grundwasser und in die Meere und töten Wassertiere. Schätzungen zufolge gelangen 80 Prozent der weltweit anfallenden Zigarettenkippen in der Umwelt. In Zusammenarbeit mit dem Kölner Verein TobaCycle haben die Danuvius Kliniken spezielle Sammelbehältnisse für Kippen auf den Klinikgeländen aufgestellt. Der Verein recycelt die Kippen und stellt daraus neue Behälter für das eigene Sammelsystem her, sodass eine Kreislaufwirtschaft entsteht.


Mehr vegetarische Gerichte

Foto: Medical Park Berlin Humboldtmühle
Foto: Medical Park Berlin Humboldtmühle

In der Rehaklinik Medical Park Humboldtmühle in Berlin-Tegel hat Klimamanagerin Dr. med. Lena Karoline Zerbe (links im Bild) eine Umstellung des Kantinenangebots auf den Weg gebracht. Heute sind zwei von drei angebotenen Gerichten vegetarisch. Zudem wurde die Reihenfolge der Menüs geändert, sodass das Fleischgericht an letzter Position steht. „Sonst kommt immer das Fleischgericht zuerst. Womöglich wird es manchmal aus Gewohnheit bestellt“, vermutet Zerbe. Durch die Umstellung spart die Rehaklinik 60 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr ein. Hochgerechnet auf die gesamte Wirkdauer werden Einsparungen von 481 Tonnen CO2-Äquivalenten erwartet.

Zerbe hat sich auch dafür eingesetzt, dass in der Speisenversorgung weniger Plastik zum Einsatz kommt. Nach und nach wurden die Einwegschälchen aus Plastik, die es gerade zu Beginn der COVID-19-Pandemie vielfach gab, durch Mehrweggeschirr aus Keramik und Glas ersetzt. Auf diese Weise spart die Klinik etwa 2 500 Kilogramm Plastik pro Jahr ein. Die notwendige Investition wird der Klinik zufolge jedoch ausgeglichen, weil im Beschaffungsprozess und bei der Entsorgung weniger Verpackungsmaterial zusammenkommt.


Abschaffung von Einwegverpackungen

Foto: Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel
Foto: Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel

Das Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel ist ein Krankenhaus der Schwerpunktversorgung mit 492 Betten. Es ist einer der vier Campi der Medizinischen Hochschule Brandenburg. Klimamanager Torsten Bölke (Bild) hat es sich zum Ziel gesetzt, dass am Klinikum weniger Müll produziert und der anfallende Müll besser recycelt wird. So wurde in der Cafeteria Mehrweggeschirr eingeführt. 300 Einwegverpackungen pro Woche können dadurch eingespart werden. Auf den Monat hochgerechnet, vermeidet die Einführung von Mehrweggeschirr mindestens 72 Kilogramm Abfälle von Verpackungsmaterialien. Zudem werden Leichtverpackungen nun getrennt gesammelt. Auf diese Weise spart das Klinikum vier Tonnen CO2-Äquivalente ein. Über die gesamte Wirkdauer der Maßnahme werden es voraussichtlich 25 Tonnen sein.

Das Universitätsklinikum Brandenburg trat dem KLIK-green-Netzwerk im März 2021 bei. Schon zuvor setzte die Einrichtung auf einen abfallarmen Klinikbetrieb. „Vier bis fünf Mitarbeiter sterilisieren täglich 2 000 OP-Instrumente zur Wiederverwendung“, sagt Bölke. „Davon profitieren auch Praxen aus dem Umfeld, die ihre gebrauchten Instrumente abgeben und sterilisiert zurückerhalten.“

Bilanzierte CO2Ä-Reduktion nach Bereichen
Grafik 1
Bilanzierte CO2Ä-Reduktion nach Bereichen
Bilanzierte CO2Ä-Reduktion im Bereich Energie
Grafik 2
Bilanzierte CO2Ä-Reduktion im Bereich Energie

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote