ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2022Gesundheitswesen: Vertrauen kann man nicht kaufen

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Gesundheitswesen: Vertrauen kann man nicht kaufen

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

Das Arzt-Patienten-Verhältnis ist ein Besonderes. Man vertraut sich mit seinen körperlichen und seelischen Nöten der Ärztin oder dem Arzt an. Die Schweigepflicht ist die Basis dieses Vertrauensverhältnisses. Bereits der Eid des Hippokrates enthält dafür die ärztliche Selbstverpflichtung. Daher stehen Ärztinnen und Ärzte wohl auch regelmäßig bei Umfragen zur Vertrauenswürdigkeit von Berufsgruppen an Spitzenpositionen neben Feuerwehrleuten und Pflegekräften – Politiker übrigens immer am Ende der Skala.

Nun sollte man meinen, dass gesetzliche Krankenkassen – auch wenn sie keine Berufsgruppe darstellen – einen ähnlich guten Leumund in der Bevölkerung besitzen. Schließlich bezahlen sie ja – meistens – die ärztliche Behandlung und die Therapien, die ihnen helfen sollen. Umso überraschender ist das Ergebnis einer Studie der Asklepios-Kliniken, die 1 200 gesetzlich Versicherte befragt hat. Ergebnis: 77 Prozent der Versicherten haben den Eindruck, von ihren Krankenkassen primär als wirtschaftlicher Faktor wahrgenommen zu werden. Nicht die Gesundheit stünde beim Kassen-Patienten-Verhältnis im Vordergrund, sondern die Kosten, ist der Eindruck der Befragten.

Offenbar kommen auch die sogenannten Satzungsleistungen, die nicht zum Leistungskatalog gehören und die Kassen nach eigenem Ermessen erstatten können, nicht immer gut an. Zumindest bei zweifelhaften Leistungen. Jeder Zweite meint, dass Behandlungen, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nicht belegt sind, grundsätzlich nicht mehr bezahlt werden sollten.

Weitere Kritikpunkte betreffen die Verständlichkeit der Informationen der Kassen und auch Angebote, die augenscheinlich der Werbung und dem Marketing dienen. Diese sollten eingeschränkt und gar gestrichen werden, fordern 70 Prozent der Befragten. Das Sponsoring von einzelnen Sportlern oder Mannschaften war in der Vergangenheit oft Anlass zur Kritik. Genauso wie fragwürdige Präventionskurse, die aber inzwischen eher der Vergangenheit angehören, seit es die Möglichkeit gibt, dass die zentrale Prüfstelle Prävention die Qualität der Kurse bewertet.

Dennoch sieht man eindeutig, wie fein die Antennen der Patientinnen und Patienten für ökonomisch getriebene Zusammenhänge im Gesundheitswesen sind. Das sollte jedem zu denken geben, der meint, allein aus wirtschaftlichen Gründen in der Patientenversorgung agieren zu wollen.

Darum ist es auch so bedenklich, dass immer mehr Private-Equity-Gesellschaften in die ambulante Versorgung einsteigen und Medizinische Versorgungszentren (MVZ) kaufen, worauf vergangene Woche eine Studie des IGES Instituts im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns wieder einmal hinwies. Auch wenn die besagten feinen Antennen der Kranken dies in den MVZ der Finanzinvestoren bemerken, besteht doch die Gefahr, dass darunter das Vertrauen in Ärztinnen und Ärzte leidet, auch wenn diese gar nicht für den potenziellen ökonomischen Zwang verantwortlich sind.

Die zunehmende Kommerzialisierung im Gesundheitswesen bedroht nicht nur die Qualität der Patientenversorgung und führt zu einer Überbelastung der Gesundheitsberufe, was schon schlimm genug ist. Sie bedroht auch das Vertrauen des Arzt-Patienten-Verhältnisses. Darum muss allen, insbesondere den Investoren und der Politik, klar sein: Vertrauen kann man nicht kaufen.

Michael Schmedt
Chefredakteur

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