ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2022Organspende: Drastischer Einbruch

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Organspende: Drastischer Einbruch

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die Zahl der Organspender ist im ersten Quartal des Jahres massiv eingebrochen. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) sieht einen Zusammenhang zu den hohen Infektionszahlen in dieser Phase der Pandemie. Handlungsempfehlungen der Bundesärztekammer sollen folgen.

Eine Organspende war in jüngster Zeit vermehrt nicht möglich, weil es vor der Feststellung des Hirntodes zu einem Zusammenbruch der Herz-Kreislauf-Funktion kam. Foto: picture alliance/ANP/lex van lieshout fotografie
Eine Organspende war in jüngster Zeit vermehrt nicht möglich, weil es vor der Feststellung des Hirntodes zu einem Zusammenbruch der Herz-Kreislauf-Funktion kam. Foto: picture alliance/ANP/lex van lieshout fotografie

Der Einbruch kam unverhofft: Nachdem Deutschland bisher – im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Ländern – während der Pandemie keinen gravierenden Rückgang der Organspendezahlen zu verzeichnen hatte, ging im ersten Quartal dieses Jahres die Zahl der Organspender massiv zurück, und zwar um 29 Prozent. Gleichzeitig sank nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) die Anzahl der in Deutschland postmortal entnommenen Organe um 28 Prozent und die Zahl der vorgenommenen Transplantationen um 24 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Für Dr. med. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO, ist das eine „dramatische Entwicklung“. Die Gründe dafür könnten einerseits bei der Arbeitsüberlastung in den Kliniken und einem erhöhten Personalausfall auf den Intensivstationen liegen, meint er. Andererseits zeigten die Statistiken: Die Ablehnungen einer Organspende in der Akutsituation stieg um elf Prozent. „Während üblicherweise etwa ein Drittel aller organspendebezogenen Kontakte mit der DSO letztlich zu einer realisierten Organspende führen, traf dies im ersten Quartal 2022 nur in 21,5 Prozent der Fälle zu“, erläutert Rahmel dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Dieser Rückgang sei fast ausschließlich auf eine Zunahme der Abbrüche des Organspendeprozesses vor Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls zurückzuführen. Problematisch könnten die medizinischen Kontraindikationen durch SARS-CoV-2 gewesen sein, die um elf Prozent zugenommen haben.

Zusammenhang mit Corona

Diese Zunahme steht der DSO zufolge in direkter Relation zu der gestiegenen SARS-CoV-2-Infektionsrate durch die Omikron-Variante. Im Falle eines positiven Befundes seien mögliche Spender noch bis vor Kurzem von einer Organentnahme ausgeschlossen worden, so Rahmel. „Im vierten Quartal 2021 waren 22 Abbrüche auf SARS-CoV-2 positive Spender zurückzuführen“, erörtert er. Im ersten Quartal 2022 seien 44 – also doppelt so viele – Spenderinnen und Spender SARS-CoV-2 positiv gewesen, jedoch seien sie prozentual weniger schwer erkrankt gewesen. „Dies erklärt den erheblichen Rückgang der Zahl der Organspenden zwar nicht hinreichend, dennoch stellen diese möglichen Spenderinnen und Spender ein bislang ungenutztes Potenzial für die Organspende dar.“

In der Literatur sind bislang nur einzelne Übertragungen des Coronavirus vom Spender auf den Empfänger im Rahmen einer Organtransplantation beschrieben worden, und zwar ausschließlich im Rahmen von Lungentransplantationen. „Verschiedene internationale Beobachtungsstudien zeigen, dass Organe von Spenderinnen und Spendern selbst mit aktuellem Nachweis von SARS-CoV-2 in der PCR ohne schwere COVID-19-Erkrankung unter sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiko transplantiert werden können“, so Rahmel. Die Entscheidung erfolge im Transplantationszentrum.

Die Achtsamkeit dort für potenzielle Organspender sei nicht gefährdet. Die Anzahl der DSO-Kontakte sei unverändert, erklärt Prof. Dr. med. Felix Braun, Leiter der Klinischen Transplantationsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, und Federführender der Arbeitsgruppe „Transplantationsbeauftragter“ der Bundesärztekammer, dem . „Vielmehr scheint sich das Bild potenzieller Spender gewandelt zu haben.“ Eine schwere kardiovaskuläre Komorbidität stehe derzeit im Vordergrund. Zum Umgang mit dem COVID-Status wolle die Bundesärztekammer zeitnah eine Handlungsempfehlung herausgeben. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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