ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/1996Ich wollte immer Arzt werden . . .

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Ich wollte immer Arzt werden . . .

Schnur, Michael

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LNSLNS Letzte Woche habe ich es erreicht, das Ziel meiner Träume: Die volle Approbation wurde mir per Einschreiben zugeschickt. Ab jetzt darf ich selbständig handeln als Arzt. Ich bin Kinderchirurg – und 48 Jahre alt. Meine Biographie steht ganz unter dem glücklichen Stern der Medizin.
Wegen überdurchschnittlicher Begabung wurde ich schon mit fünf Jahren eingeschult. Man schrieb damals das Jahr 2000. Bereits nach der dreizehnten Klasse konnte ich das Gymnasium mit dem Abitur abschließen: Ich war Jahrgangsbester. So bekam ich über die Warteliste bald einen Studienplatz. Zwischenzeitlich leistete ich meinen Zivildienst ab, der damals noch 24 Monate dauerte.
Mein sechsjähriges Theoriestudium an der Medizinischen Fakultät der Horst-Seehofer-Universität zu Bonn absolvierte ich ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Wir waren ein nettes Semester. Obwohl wir zusammenhielten wie Pech und Schwefel, bestanden von meinen 1 249 Kommilitonen nur knapp die Hälfte ihr Abschlußexamen. Glücklicherweise war ich auch darunter und fand wegen guter Zeugnisse schon nach vier Monaten eine Stelle als Arzt im Praktikum (AiP) in der Psychiatrie.
Das "AiP" ging damals noch nicht drei, sondern nur zwei Jahre. Als ich es beendete, zählte ich gerade 29 Lenze. Mit der Teilapprobation in der Tasche bewarb ich mich um eine Stelle als Arzt in Weiterbildung (AiW). Obwohl ich Augenarzt werden wollte, war ich für den Posten in der Urologie sehr dankbar. Bis zum zweiten Jahr lief alles gut, dann ging mein Vater in Rente, und ich stand plötzlich mit einem Monatsgehalt von 430 DM brutto auf eigenen finanziellen Füßen.
Nach vier Jahren AiW-Zeit ergab sich zufällig die Möglichkeit, in der Nachbarabteilung als AiWW, das heißt "Arzt in weiterer Weiterbildung", übernommen zu werden. Einzige Bedingung: Ich würde kein Gehalt bekommen – wegen Geldknappheit im Gesundheitswesen. Da ich die fünf Jahre AiWW für die Approbation brauchte, blieb mir keine Wahl. Ich mußte den Job an der Pforte aufgeben und mich nebenberuflich als Grundstücksmakler einarbeiten.
Die Geriatrie sagte mir weniger zu, aber das spielte keine Rolle. Erstmals während meiner Aus- und Weiterbildung durfte ich im Nachtdienst kleine Platzwunden nähen und auch mal einen Venenzugang legen, wenn kein Anästhesiefacharzt erreichbar war, auch wenn das juristisch nicht ganz abgesichert war. Insgesamt hatte ich eine lehrreiche Zeit und war mächtig stolz auf mich, als ich mit 38 Jahren diese Klinik verließ.
Die Provisoriumsapprobation erlaubte mir fortan, selbständig Medikamente und Röntgenuntersuchungen anzuordnen. Für beides hatte ich auf Spezialkursen den Sachkundenachweis erbringen müssen. Der zweimonatige Röntgenkurs, der nur auf Sylt angeboten wurde, schlug allerdings eine breite Schneise in mein Jahresbudget, so daß die drei Urlaubswochen gerade ausreichten, um dieses Loch – am Fließband bei Daimler – wieder zu stopfen. An Ultraschall auf den Kanarischen Inseln war im Moment gar nicht zu denken.
Nahtlos schloß sich die Facharztweiterbildung in der Chirurgie an. Erstmals war ich in einer Steuerklasse und hatte meine 2 413 DM monatlich mit der Allgemeinheit zu teilen. In den sechs Jahren lernte ich allerlei Nützliches, und allmählich fand das im Studium Gelernte Anschluß an praktische Erfahrung. Da die Weiter­bildungs­ordnung eine Vollapprobation nur vorsieht, wenn man sich subspezialisiert, hatte ich noch eine dreijährige Endstrecke vor mir: Kehlkopf- oder Kinderchirurg. Diese beiden Möglichkeiten tat der Vermittler beim Arbeitsamt für mich auf. Ich entschied mich für letzteres, da die durchschnittliche Wartezeit nur fünfzehn Monate betrug. In dieser ernsten Phase meiner Karriereplanung konnte ich mich einigermaßen mit Zeitungsaustragen und Schnürsenkelverkauf an der Haustüre über Wasser halten. Da ich keine abgeschlossene Berufsausbildung nachweisen konnte, sahen die Wohlfahrtsbestimmungen keine Arbeitslosenunterstützung vor.
Unerwartet rasch kam der Tag, an dem ich auf der Abteilung für Kinderchirurgie begann. Um wieder in Übung zu kommen, belegte ich vorher bei der Volkshochschule einen Kurs "Strümpfestopfen für Hausmänner". Danach konnte ich wirklich nähen.
Inzwischen habe ich mich fast schon an den feudalen Lebensstil gewöhnt, den man sich nur vom PartialAssistenten aufwärts leisten kann: 2 800 DM wollen erst mal ausgegeben sein; bei zwölf Nachtdiensten je Monat und einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 95 Stunden kein Pappenstiel. Immerhin war ich im dritten Jahr allein für eine Station zuständig.
Das Fachexamen war schwierig, aber ich bestand es mit eins minus. Jetzt bin ich also – nach der Überweisung von drei Monatsgehältern an die zuständige Verwaltungsbehörde – im Besitz einer vollen Approbation.
Wenn ich mindestens vier Jahre als approbierter Arzt in meinem Fachbereich tätig war, kann ich die Niederlassung beantragen: eine verlockende Perspektive, die sich mir dann mit 52 Jahren noch auftut. Ob ich lieber in der Klinik durchhalten sollte bis 55 und dann in Frührente gehen? – Zuerst will ich mal eine Familie gründen, dann sehen wir weiter . . .
Michael Schnur, 58313 Herdecke
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