ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2022Akutes Lungenversagen durch COVID-19: Sterblichkeit bei extrakorporaler Membranoxygenierung in Deutschland sehr hoch

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Akutes Lungenversagen durch COVID-19: Sterblichkeit bei extrakorporaler Membranoxygenierung in Deutschland sehr hoch

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: picture alliance/dpa Fabian Strauch
Foto: picture alliance/dpa Fabian Strauch

Bei schwerem COVID-19 kann sich ein akutes respiratorisches Distress-Syndrom (ARDS) entwickeln. Ist der Gasaustausch erheblich gestört, wird eine extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) erforderlich. Eine internationale Studie an 349 Zentren in 42 Ländern mit mehreren Tausend COVID-19-Patienten hatte ergeben, dass die Mortalität (bis 90 Tage nach Beginn der ECMO) im Verlauf der Pandemie von 37 % vor Mai 2020 auf 52 % in den Monaten Mai bis Dezember 2020 anstieg (1). Offenbar gab es Veränderungen in der Pandemie, die die Sterblichkeit beeinflussten. Ein Team unter Federführung von Intensivmedizinern der Goethe-Universität Frankfurt hat die Situation für Deutschland untersucht und Daten des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) verwendet (2).

Im Zeitraum vom 1. Januar 2020 bis 30. September 2021 gab es 4 279 COVID-19-Fälle mit ECMO-Therapie in deutschen Kliniken. Davon wurde in 404 Fällen eine veno-arterielle ECMO (VA-ECMO) angewendet und in 3 875 Fällen eine veno-venöse ECMO (VV-ECMO). 43,2 % der Patienten (n = 1 848) waren älter als 60 Jahre. Die Krankenhaussterblichkeit variierte in den Beobachtungszeiträumen, und zwar von 48,1–84,4 %. Im März 2020 zum Beispiel lag sie bei 59,2 % und im September 2021 bei 78,4 %.

Für die VA-ECMO betrug die Krankenhaussterblichkeit über die gesamte Zeit 72,0 % und für die VV-ECMO 65,9 %. In der Altersgruppe der Patienten > 60 Jahre lag die Mortalität bei 72,7 % für die VA-ECMO und bei 77,6 % für die VV-ECMO.

Nur 37,3 % der VV-ECMO-Patienten waren jünger als 54 Jahre. In dieser Untergruppe betrug die Sterblichkeit 52,9 %. Eine Herz-Lungen-Wiederbelebung erfolgte bei 44,1 % der Patienten mit VA-ECMO und bei 16,4 % der Patienten mit VV-ECMO, zerebrale Hämorrhagien traten bei 12,3 % in der VV-ECMO-Gruppe auf und bei 2,2 % in der VA-ECMO-Gruppe.

Zu den Faktoren, die signifikant mit einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko assoziiert waren, gehörten ein höheres Alter bei VV-ECMO, Herzstillstand bei beiden ECMO-Verfahren und eine Dialysetherapie, ebenfalls bei beiden Verfahren.

Fazit: „Die Zahl der Patienten, die in Deutschland bei schwersten COVID-19-Infektionen an ECMO versterben, ist im internationalen Vergleich erschreckend hoch“, erläutert Prof. Dr. med. Thomas Müller, Leiter der Intensivmedizin der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Regensburg. „Ursächlich dürfte einerseits eine extensivere Indikationsstellung mit weniger strikten Ausschlusskriterien sein. Andererseits bedingt die breit gestreute Anwendung in Deutschland, dass oft eine ausreichende Erfahrung mit diesen komplexen Verfahren fehlt. Die Einführung von verbindlichen Qualitätskriterien, die bei Anwendung der ECMO erfüllt sein müssen, würde die Behandlung dieser kritisch kranken Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit verbessern.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Barbaro RP MG, Boonstra PS, Combes A, et al.: Extracorporeal Life Support Organization. Extracorporeal membrane oxygenation for COVID-19: Evolving outcomes from the international Extracorporeal Life Support Organization Registry. Lancet 2021; 398: 1230–8.
  2. Friedrichson B, Kloka JA, Neef V, et al.: Extracorporeal membrane oxygenation in coronavirus disease 2019. A nationwide cohort analysis of 4279 runs from Germany. Eur J Anaesthesiol 2022; 39: 1–7.

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