ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2022Akute respiratorische Insuffizienz bei Kindern: Hinweise auf eine leichte Intelligenzminderung nach invasiver Beatmung

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Akute respiratorische Insuffizienz bei Kindern: Hinweise auf eine leichte Intelligenzminderung nach invasiver Beatmung

Gerste, Ronald D.

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Foto: picture alliance/Ulrich Baumgarten
Foto: picture alliance/Ulrich Baumgarten

In den USA werden circa 23 000 Kinder pro Jahr jenseits der Neonatalperiode wegen akuter respiratorischer Insuffizienz auf Intensivstationen mechanisch beatmet. Meist steht die Symptomatik in Zusammenhang mit einer zu frühen Geburt. Die wochen- oder monatelange Unterstützung der unreifen Lungen erhöht das Risiko für Hirnentwicklungsstörungen. Wenig untersucht ist aber, ob eine solche invasive Ventilation bei Kindern ohne perinatale Probleme die neurokognitiven Fähigkeiten beeinflusst. In der Studie „Randomized Evaluation of Sedation Titration for Respiratory Failure (RESTORE)“ wurde die neurokognitive Funktion 3–8 Jahre nach Entlassung aus dem Krankenhaus nach künstlicher Beatmung wegen akuter respiratorischer Insuffizienz evaluiert und mit jener von gesunden Geschwistern verglichen. Es handelte sich um 121 ehemalige Patienten, die mehrheitlich (51 %) zum Zeitpunkt der Beatmung jünger als 1 Jahr waren (28 % waren 1–4 Jahre, 21 % 4–9 Jahre alt), und um 121 Geschwister; in 69 % der Fälle war das einst wegen akuter respiratorischer Insuffizienz behandelte Kind das jüngere der beiden. Bei 44 % war eine Bronchitis und bei 37 % eine Pneumonie Ursache des respiratorischen Versagens. Im Durchschnitt hatten die Patienten 8 Tage auf der Intensivstation verbracht.

Primärer Endpunkt war der geschätzte Intelligenzquotient (eIQ), erhoben über die Wortschatz- und Block-Design-Untertests des Hamburg-Wechsler-Intelligenztests.

Der eIQ war bei den früheren Intensivpatienten mit 101,5 vs. 104,3 um 2,8 Punkte geringer als bei den Geschwistern (95-%-Konfidenzintervall [–5,4; –0,2]). Bei 20 Patienten (17 %) war der eIQ sogar um ≥ 15 Punkte niedriger als bei den Geschwistern. Auch bei einigen sekundären Endpunkten schnitten die früheren Patienten insgesamt schlechter ab als ihre Geschwister. Das nichtverbale Gedächtnis (Score von 1–20) war mit einem Wert von 9,5 um 0,9 Punkte (–1,6; –0,3) schlechter, das räumliche Vorstellungsvermögen (Score von 1–19) mit durchschnittlich 9,7 ebenfalls um 0,9 geringer (–1,8; –0,1). Deutlich war auch die gegenüber den Geschwistern um –3,1 (–4,9; –1,4) mit 46,3 gegenüber 49,5 reduzierte Feinmotorik (Score 20–80). Keine Unterschiede fanden sich in der Aufmerksamkeit, dem verbalen Gedächtnis und dem Sprachausdruck.

Fazit: „Diese große Kohortenstudie mit gepaarten Geschwistern weist auf kognitive Entwicklungsprobleme nach respiratorischem Versagen bei Kindern im Alter von 0–8 Jahren hin, wobei Kinder bis zum vollendeten 1. Lebensjahr besonders betroffen zu sein scheinen“, erläutert Prof. Dr. med. Klaus-Peter Zimmer, Abteilungsleiter Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie am Universitätsklinikum Gießen. Ähnliche Effekte würden für die Narkose in dieser Altersgruppe diskutiert beziehungsweise infrage gestellt (2). „Die Fragen der neurologischen ‚Resilienz‘ im multifaktoriellen Geschehen des Lungenversagens sind mit dieser Studie nicht abschließend beantwortet. Die Ergebnisse zeigen zusätzlichen Handlungsbedarf auf, die beteiligten Faktoren weiter aufzulösen.“

Dr. med. Ronald D. Gerste

  1. Watson RS, Beers SR, Asaro lA, et al.: Association of acute respiratory failure in early childhood with long-term neurocognitive outcomes JAMA 2022; 327: 836–45.
  2. Schüttler C, Münster T, et al.: Narkosen in den ersten 36 Lebensmonaten. Untersuchungen zur kognitiven Leistungsfähigkeit bei Kindern im Alter von 7–11 Jahren (ANFOLKI-36). Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 835–41.

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