ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2022Pandemiebekämpfung: Ethikrat zieht kritische Bilanz

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Pandemiebekämpfung: Ethikrat zieht kritische Bilanz

Richter-Kuhlmann, Eva

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Der Deutsche Ethikrat hat in einer Stellungnahme Fehler und Missstände beim Management der Coronapandemie benannt und Empfehlungen für einen künftigen Umgang mit Pandemien vorgelegt. Den Fokus legte er dabei auf Kinder und Jugendliche sowie ältere Menschen.

Kinder und Jugendliche haben in den vergangenen zwei Jahren besonders unter den Einschränkungen ihres Soziallebens durch die Pandemiemaßnahmen gelitten. Foto: JasonDoiy/iStock
Kinder und Jugendliche haben in den vergangenen zwei Jahren besonders unter den Einschränkungen ihres Soziallebens durch die Pandemiemaßnahmen gelitten. Foto: JasonDoiy/iStock

Mit Flatterband abgesperrte Spielplätze und isolierte Kinder, verwaiste Begegnungsräume in Pflegeheimen und vereinsamte ältere Menschen – die Pandemie hatte viele traurige Gesichter. Nicht immer konnten Entscheidungskonflikte gut gelöst und unterschiedliche moralische Güter optimal gegeneinander abgewogen werden, konstatiert der Deutsche Ethikrat in seiner Stellungnahme „Vulnerabilität und Resilienz in der Krise – Ethische Kriterien für Entscheidungen in einer Pandemie“, die er am 4. April in Berlin der Öffentlichkeit vorstellte.

Zwar seien Fehler und Fehlentscheidungen in einer Krise weltgeschichtlichen Ausmaßes unvermeidlich, betont der Rat. Es bedürfe nun aber der Aufarbeitung. „Die Missstände sollten zum Anlass für eine kritische Analyse systemischer Mängel, dysfunktionaler Organisationsformen und ungeeigneter Verfahren genommen werden, um so eine nachhaltige Strategie zur Bewältigung zukünftiger Pandemien zu entwickeln“, sagt Ethikratmitglied Prof. Dr. rer. nat. Dr. phil. Sigrid Graumann, unter deren Federführung das 160-seitige Papier erstellt wurde. „Institutionen der Daseinsvorsorge in Deutschland müssen krisenfester werden“, fordert sie (Interview).

Fehler bei der Pandemiebekämpfung werden deutlich

Generell skizziert die aktuelle Stellungnahme die Fehler, die bei der Krisenbewältigung in den vergangenen zwei Jahren gemacht worden sind, und gibt gleichzeitig Empfehlungen für künftige Bewältigungsstrategien. Die Bedürfnisse von vulnerablen Gruppen seien vielfach unzureichend beachtet worden, meint der Deutsche Ethikrat. Vor allem Institutionen, wie Gesundheitsämter, Pflegeheime und Schulen, seien nur unzureichend auf eine Pandemie vorbereitet gewesen.

Die Krisenfestigkeit von Institutionen erweist sich Graumann zufolge daran, wie gut es gelinge, durch geeignete Anpassungen den Infektionsschutz mit der Erfüllung ihres jeweiligen gesellschaftlichen Auftrags in Einklang zu bringen. „Darüber hinaus sollten es Institutionen auch in Krisenzeiten vermeiden, zur Verschärfung sozialer Benachteiligungen beizutragen“, mahnt die Humangenetikerin und Ethikerin sowie Rektorin der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum.

Zwar würden die Folgen der Pandemie und ihre Bewältigung grundsätzlich alle Bevölkerungsgruppen betreffen, aber nicht alle in gleicher Weise, erläutert die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Prof. Dr. med. Alena Buyx. „Menschen, Gruppen, aber auch Institutionen sind unterschiedlich verletzlich und unterschiedlich widerstandsfähig“, betont sie. Deutlich geworden sei dies beispielsweise in den Einrichtungen der Langzeitpflege und der Behindertenhilfe, wo es unter den dort Versorgten extrem hohe Krankheits- und Sterblichkeitszahlen gegeben hätte, aber auch viel Einsamkeit und teilweise menschenunwürdige Zustände.

Ältere Menschen benötigen trotz Pandemie soziale Kontakte

Bereits Ende 2020 warnte der Deutsche Ethikrat mit einer Ad-hoc-Empfehlung davor, während der Pandemie mit ihren notwendigen Kontaktbeschränkungen die Bedürfnisse von Pflegebedürftigen aus den Augen zu verlieren. Das Gremium appellierte an Politik und Gesellschaft, den in Einrichtungen der Langzeitpflege lebenden Menschen trotz der damals gebotenen Infektionsschutzmaßnahmen aufgrund des noch fehlenden Impfstoffs ein Mindestmaß an sozialen Kontakten zu gewähren. Dies müsse nicht nur umgesetzt, sondern auch kontrolliert werden, forderte der Rat und schlug vor, auch Formen des virtuellen Kontakts anzubieten und aktiv zu unterstützen.

Die Kontaktbeschränkungen trafen viele ältere Menschen in Einrichtungen hart und führten zu Vereinsamung. Foto: wanderluster/iStock
Die Kontaktbeschränkungen trafen viele ältere Menschen in Einrichtungen hart und führten zu Vereinsamung. Foto: wanderluster/iStock

Neben den Älteren hätten im Verlauf der Pandemie aber auch die Jüngeren sehr gelitten, betont das Gremium jetzt. Je länger die Schulen und Kindergärten vom Lockdown betroffen gewesen wären, desto stärker vulnerabel wäre die junge Generation geworden, erläutert die Vorsitzende des Rats, die selbst Mutter zweier Kinder ist. Trotzdem seien die Folgen der Coronamaßnahmen im Bildungsbereich für jüngere Menschen nicht ausreichend berücksichtigt und gesehen worden, kritisiert sie. Kinder und Jugendliche hätten besonders unter den Einschränkungen ihres Soziallebens gelitten.

Hohe psychosoziale Belastungen bei der jungen Generation

In seiner Stellungnahme ist sich der Rat sicher, dass keine Personengruppe völlig unbehelligt durch die Pandemie gekommen sein dürfte. „Wir alle sind verletzlich und aufeinander angewiesen. Aber gibt es gute Gründe, in der Krise einer Pandemie einzelne Menschen oder bestimmte Personengruppen als besonders vulnerabel einzustufen“, sagt Prof. Dr. theol. Andreas Lob-Hüdepohl, stellvertretender Arbeitsgruppensprecher. Daraus könne dann ein Anspruch auf spezielle Solidarität abgeleitet werden.

Das Begriffspaar Vulnerabilität und Resilienz habe dabei besondere Bedeutung. „Der Ethikrat entfaltet ein differenziertes Verständnis von Vulnerabilität. Dieses erkennt als Erstes an, dass Verwundbarkeit und Verletzlichkeit zur Grundverfassung der menschlichen Existenz schlechthin gehören“, betont der Theologe. Wenn Menschen nicht besonders verletzbar durch die Krankheit selbst seien, würden sie möglicherweise besonders durch die negativen Folgen der zur Eindämmung der Pandemie ergriffenen Maßnahmen verletzt, beispielsweise Kinder, Jugendliche, Auszubildende und Studierende. Die Beachtung der unterschiedlichen Formen von Vulnerabilität könnte hier zukünftig auch eine gezieltere Förderung von Resilienz ermöglichen.

Aufarbeitung der Krise als Fundament für die Zukunft

Und noch mehr müsse aufgearbeitet werden: Kriterien für die gerechte Verteilung von knappen Impfstoffen oder intensivmedizinischen Ressourcen seien ebenso wichtig wie Maßnahmen der Kompensation für besondere pandemiebedingte Belastungen, so Buyx. Auch Fragen der internationalen Gerechtigkeit sollten einbezogen werden, wenn es etwa darum geht, welche Solidarität wohlhabendere Länder weniger wohlhabenden bei der Bewältigung der Pandemie schulden.

Für künftige Pandemien fordert der Rat gleichzeitig deutlich verbesserte Kommunikations- und Informationsstrategien sowie die Einbeziehung von Menschen mit eingeschränkten Partizipationsmöglichkeiten in die sie betreffenden Entscheidungen. „Es ist notwendig, als Gesellschaft besser darin zu werden, in öffentlichen Debatten mit Ungewissheit umzugehen, unterschiedliche Positionen nicht nur auszuhalten, sondern die Vielfalt von Ansichten zum Erkenntnisgewinn zu nutzen, so Buyx. Nötig sei eine Förderung von Eigenverantwortung, Solidarität und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Was ist die wichtigste Lehre?

Foto: privat
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Die Pandemie hat gravierende Präventionsdefizite im deutschen Gesundheitssystem offengelegt. Aus epidemiologischer Sicht war und ist die grundlegende Datenbasis unzureichend und teilweise nicht valide. Modellierungen haben sich meist als irreführend erwiesen, viele allgemeine Lockdown-Schwellenwerte waren nicht sinnvoll, die Antigenschnelltests wurden längere Zeit nicht konsequent für den Schutz vulnerabler Personen eingesetzt und die Impfprogramme haben wichtige Zielgruppen nicht ausreichend erreicht. Aus sozialmedizinischer Sicht wurden die möglichen Vorteile und Schäden von Lockdown-Maßnahmen nicht genügend abgewogen. Leidtragende waren vor allem Kinder und Jugendliche, die insgesamt nur gering durch COVID-19 gefährdet sind. Zudem war das große menschliche Elend durch Vereinsamung vieler alter Menschen eine bedrückende gesellschaftliche Erfahrung.

Prof. Dr. med. Stefan Willich, Sozialmedizin und Epidemiologie, Universitätsmedizin Berlin

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Für mich ist die wichtigste Lehre, dass Pandemiebekämpfung mehr ist als die Bekämpfung einer Infektionskrankheit. Die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen brauchen das Zusammenwirken vieler Fachrichtungen, von der Infektionsmedizin und Epidemiologie über die Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Kommunikationswissenschaften bis hin zu Recht und Ethik. Paradigmatisch zeigt sich dieser ganzheitliche Bedarf am Umgang mit Kindern und Jugendlichen in der Pandemie. Sie waren von der primären Krankheitslast weniger betroffen. Dennoch haben sie übermäßig starke Einschränkungen in ihrer sozialen Teilhabe, körperlichen und künstlerischen Aktivitäten oder institutionellen Bildung erfahren, die spätestens ab der dritten Welle nicht mehr angemessen waren. Hätte man die UN-Kinderrechtskonvention im Blick gehabt, hätten viele politische Entscheidungen anders ausfallen müssen.

Prof. Dr. med. Reinhard Berner, Kinder- und Jugendmedizin, Universität Dresden

Foto: privat
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Die Pandemie hat in vielen Bereichen wie ein Brennglas auf bestehende Missstände gewirkt. Für Kinder und Jugendliche besonders bezogen auf Bildung, psychosozialer Versorgung und ihre gesellschaftliche Stellung. Es ist erschreckend, wie träge unser Land auf die Beseitigung dieser Missstände reagiert. Auch die Kommunikation des Pandemiemanagements für Familien muss unbedingt transparenter werden. Aus meiner Sicht wurde das Wohl von Kindern, Jugendlichen und Familien zu selten in den Vordergrund politischer Entscheidungen gestellt. Viele Kinder und Jugendliche sind psychisch krank geworden, finden aber keine Hilfsangebote. Wir brauchen dringend und kurzfristig niedrigschwellige Versorgungsstrukturen an Schulen sowie mehr Kassensitze. Psychosoziale Teilhabe und Infektionsschutz müssen endlich gemeinsam gedacht und umgesetzt werden. Risikogruppen gehören in den Fokus.

Prof. Dr. Julian Schmitz, Kinder- und Jugendpsychologie, Universität Leipzig


3 Fragen an . . .

Prof. Dr. rer. nat. Dr. phil. Sigrid Graumann, Mitglied des Deutschen Ethikrates

Foto: Deutscher Ethikrat
Foto: Deutscher Ethikrat

Der Ethikrat übt Kritik am Pandemiemanagement. Welche Institutionen waren besonders schlecht auf die Pandemie vorbereitet?

Die Institutionen des Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesens waren generell nicht gut auf eine Krise wie die Pandemie vorbereitet. Dies hat dazu geführt, dass besonders vulnerable Personen unzureichend geschützt werden konnten. In der Langzeitpflege hatten wir extrem hohe Krankheits- und Sterblichkeitsraten, aber auch die Pflegefachkräfte waren sehr hohen Infektionsrisiken ausgesetzt. Mit Ausgangs- und Besuchsverboten wurde versucht, das Infektionsgeschehen einzuschränken – mit enormen Belastungen für die davon betroffenen Menschen. Dies galt nicht nur für die Langzeitpflege, sondern auch für Einrichtungen der Behindertenhilfe. Die wirkungsvollste Pandemieschutzmaßnahme wäre gewesen, kleine Gruppen zu bilden, die von festen Teams betreut werden.

Sie sprechen von „enormen Belastungen“. Ist aus Ihrer Sicht teilweise sogar die Menschenwürde verletzt worden?

Vor allem zu Beginn war das der Fall, als Menschen in Pflegeheimen völlig von sozialer Teilhabe ausgeschlossen waren und viele sogar alleine, ohne Begleitung durch nahestehende Personen, sterben mussten. Grundsätzlich gilt, dass bei allen Pandemieschutzmaßnahmen die Achtung der Menschenwürde und des Kerns der Grund- und Menschenrechte gewahrt sein müssen. Dieser ist etwa betroffen, wenn Menschen in Gemeinschaftseinrichtungen von sozialer Teilhabe ausgeschlossen sind, wenn Kinder und Jugendliche ihr Recht auf Bildung nicht wahrnehmen können oder wenn Menschen in existenziellen Notlagen essenzielle Hilfen verwehrt werden. Bei allen Maßnahmen der Pandemiebekämpfung müssen soziale Dienste, Anlaufstellen und Schutzräume für Menschen in Notsituationen funktionsfähig bleiben. Besonders betonen möchte ich, dass Menschen in Gemeinschaftseinrichtungen nicht durch Kollektivquarantäne vermeidbaren Gesundheitsgefährdungen ausgesetzt werden dürfen.

Sehen Sie diesbezüglich Nachholbedarf in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Gesundheitspersonal?

Bedarf an Aus-, Fort- und Weiterbildung für Ärztinnen und Ärzte und Pflegefachkräfte sehe ich zunächst in der Vorbereitung auf Priorisierungsentscheidungen. Das betrifft die sogenannte Triage, geht aber darüber hinaus. Das Bundesverfassungsgericht fordert, dass Menschen mit Behinderung nicht diskriminiert werden dürfen, wenn etwa die Erfolgsaussicht als wesentliches Entscheidungskriterium herangezogen wird. Dies setzt eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem medizinischen Modell von Behinderung voraus.

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