ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2022Medizinische Versorgungszentren: Ökonomische Ziele in der Kritik

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Medizinische Versorgungszentren: Ökonomische Ziele in der Kritik

Haserück, André

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Auf Basis eines Gutachtens zu Versorgungsanteilen und Honorarvolumen kritisiert die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns den Einfluss investorengetragener Medizinischer Versorgungszentren auf die solidarische Gesundheitsversorgung. Seitens der Politik müsse es klarere Vorgaben geben.

Foto: manusapon/stock.adobe.com
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Die Betriebsform des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) leistet in Bayern in einigen vertragsärztlichen Fachgruppen mittlerweile einen durchaus nennenswerten Versorgungsanteil. Dies geht aus einem jüngst vorgelegten Gutachten des IGES Institutes im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) hervor. Ende 2019 belief sich der Anteil der Behandlungsfälle in MVZ an der ambulanten Versorgung in Bayern demnach auf 8,9 Prozent.

Laut der IGES-Analyse fällt der Versorgungsanteil von MVZ in der Augenheilkunde (28,4 Prozent der Arztgruppenfälle in Q4 2019), im Bereich Orthopädie und (Unfall-)Chirurgie (21,6 Prozent) sowie bei Internisten der fachärztlichen Versorgung (20,2 Prozent) besonders stark aus. Im hausärztlichen Bereich wiesen MVZ einen Anteil von lediglich 4,2 Prozent am Fallvolumen auf. Anlässlich der Veröffentlichung des Gutachtens übte der – aus Dr. med. Wolfgang Krombholz, Dr. med. Pedro Schmelz und Dr. med. Claudia Ritter-Rupp bestehende – KVB-Vorstand Kritik an investorengetragenen Medizinischen Versorgungszentren (iMVZ). „Die Politik kann nicht länger tatenlos zusehen, wie der Einfluss von Kapitalinvestoren auf unser solidarisches Gesundheitswesen permanent wächst.“

Mehr Transparenz gefordert

Wichtig sei, dass klare Vorgaben in Bezug auf Transparenz der Gesellschafterstruktur, Zulassung und Gestaltung solcher iMVZ vom Gesetzgeber gemacht werden – eine marktbeherrschende Stellung von iMVZ müsse verhindert werden. Bislang sei diesbezüglich zu wenig passiert, so der KVB-Vorstand. Die KV Bayerns hat bereits mehrfach betont, die Kritik richte sich nicht gegen MVZ an sich. Diese hätten als Organisationsform eine ebensolche Daseinsberechtigung wie Einzel- und Gemeinschaftspraxen. Zu kritisieren sei aber der Einfluss von Kapitalinvestoren, die iMVZ als Renditeobjekte nutzen und sich insbesondere auf finanziell lukrative Eingriffe spezialisieren würden. Laut IGES-Gutachten befanden sich im vierten Quartal 2019 fast 10 Prozent aller bayerischen Praxisstandorte von MVZ im Eigentum von Private-Equity-Gesellschaften, welche auch etwa 10 Prozent der Behandlungsfälle aller MVZ erbrachten. Fachrichtungsübergreifend entfiel der Hauptanteil mit etwa 5,6 Millionen Arztgruppenfälle auf MVZ in vertragsärztlicher Trägerschaft (60 Prozent). Die restlichen 2,7 Millionen Arztgruppenfälle entfielen auf MVZ in Trägerschaft eines Krankenhauses, davon etwa ein Drittel auf private Krankenhausträger und zwei Drittel auf MVZ in Trägerschaft eines öffentlichen oder freigemeinnützigen Krankenhauses. Der Anteil der iMVZ am Gesamtleistungsgeschehen in Bayern ist mit knapp einem Prozent also eher gering – die Tendenz jedoch steigend. Zudem stellten die IGES-Experten fest, dass in MVZ im Eigentum von Private-Equity-Gesellschaften – bei gleicher Patientenstruktur, gleichen Vorerkrankungen und gleichen Behandlungsanlässen – höhere Honorarvolumina abgerechnet werden als in anderen MVZ und Einzelpraxen.

Demnach liegt das morbiditätsadjustierte Honorarvolumen je Fall bei MVZ im Eigentum von Private-Equity-Gesellschaften um 10,4 Prozent über dem von Einzelpraxen. Allerdings wurde auch festgestellt, dass alle MVZ zusammen in vier von sieben betrachteten Fachgruppen weniger Honorarvolumen abrechnen als die zum Vergleich auf den Referenzwert Eins gesetzte durchschnittliche Einzelpraxis.

Einwände der MVZ-Verbände

Das umfangreiche Gutachten des IGES-Institut müsse in Sorgfalt analysiert und bewertet werden, betonte der Bundesverband der Betreiber medizinischer Versorgungszentren (BBMV) – welcher bundesweit tätige haus- und fachärztliche MVZ-Gruppen mit Beteiligungskapital vertritt – gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Die KVB gibt an, mit dem Auftragsgutachten nachweisen zu können, dass MVZ-Gruppen mit Beteiligungskapital ein höheres Abrechnungsverhalten zeigen. Was jedoch direkt auffällig ist, dass die Zuordnungskriterien zu den sogenannten ,Private-Equity-Gesellschaften-MVZ‘ nicht offengelegt werden“, kommentierte die BBMV-Vorsitzende Sibylle Stauch-Eckmann kritisch.

Diese fehlende Transparenz in der Operationalisierung mache eine Bewertung des Gutachtens schwierig. Zudem lägen leider für diese MVZ durchgehend keine Daten nach untersuchten Fachgruppen vor, sondern nur als Mittelwert. Dies werde mit dem Datenschutz begründet, erschwere im Endeffekt aber die Diskussion der präsentierten Ergebnisse, so Stauch-Eckmann.

Auch der Bundesverband Medizinische Versorgungszentren – Gesundheitszentren – Integrierte Versorgung (BMVZ) bewertet das IGES-Gutachten eher zurückhaltend. Grundsätzlich sei der KV Bayerns dafür zu danken, dass mit der Versorgungsanalyse ein Datenschatz ans Licht gebracht wurde, der weiterführende Fragen geradezu provoziere. So sei demonstriert, dass diese Art der Detailanalyse von Abrechnungsdaten möglich ist und dass die KVen in der Lage sind, die dafür benötigten Daten strukturiert zur Verfügung zu stellen. Allerdings werfe die IGES-Analyse einige methodische Fragen auf und verenge die Perspektive auf weniger als ein Prozent der bayrischen Versorgungsrealität – dies münde in einer begrenzten Aussagekraft.

Die zentrale Schlussfolgerung des BMVZ aus dem Gutachten unterscheidet sich wesentlich von der der KVB: Die Trennlinien würden gemäß der Detailergebnisse nicht zwischen Vertragsärzten und anderen Inhabern verlaufen, sondern zwischen Einzelpraxen und allen anderen Versorgungsformen (wie MVZ oder Berufsausübungsgemeinschaften).

Versorgungsqualität sichern

Wesentlich sei aber ohnehin, dass es einen gesellschaftlichen Konsens gibt, welche Ziele beziehungsweise Ideale in der Gesundheitsversorgung anzustreben sind, so der Verband. Auf diesen Werten aufbauend müsse es entsprechende Kontrollmechanismen geben, um die Qualität der Breitenversorgung unabhängig von Trägerschaft und Praxisstruktur grundsätzlich sicherzustellen – an den Kriterien sollten sich dann alle Strukturen in gleichem Maße messen lassen müssen. Grundsätzlich würden MVZ mit ihrer typischen Aufspaltung der Leitungsverantwortung zwischen Ärzten und Nichtärzten sowie teils davon losgelösten Eigentümerstrukturen den „immanenten und als solchen auch nicht verhinderbaren Charakter eines jeden Praxisbetriebs als Unternehmen“ nur sichtbarer machen.

Der Vorstand der KV Bayerns warnte hingegen eindringlich vor den negativen Folgen der weiteren Durchdringung der medizinischen Versorgungsstrukturen mit Investorenkapital. Diese Entwicklung führe auch dazu, dass die Freiberuflichkeit massiv infrage gestellt werde. Zudem trage dies dazu bei, dass für jüngere Kolleginnen und Kollegen die Übernahme eines Vertragsarztsitzes finanziell nicht mehr zu stemmen sei. Seit vielen Jahren warne die Ärzteschaft sowie die Standesorganisationen vor einer solchen Entwicklung. „Passiert ist bislang allerdings viel zu wenig. Das muss sich jetzt ändern, weil konkrete Zahlen auf dem Tisch liegen“, so die KVB. André Haserück

Kerninhalte des IGES-Gutachtens

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Bayerns hatte das IGES Institut mit einer Analyse der Rolle der MVZ-Landschaft – und hier insbesondere MVZ im Eigentum von Finanzinvestoren – in der vertragsärztlichen Versorgung in Bayern beauftragt. Die Datengrundlage der Analysen besteht aus anonymisierten Abrechnungsdaten der KV Bayerns von circa 178 Millionen ambulanten Behandlungsfällen von knapp 12 Millionen Patienten aus dem Zeitraum 2018 bis 2019. Laut IGES Institut zeigen die Ergebnisse, dass das vom Gesetzgeber angestrebte Ziel, den Zugang von Finanzinvestoren in die ambulante vertragsärztliche Versorgung wirksam zu begrenzen, „klar verfehlt“ wird. Zudem zeige die Studie, dass unter sonst gleichen Bedingungen bei einer Versorgung in MVZ sowie insbesondere bei MVZ im Eigentum von Finanzinvestoren höhere Honorarumsätze anfallen – dies stütze die These einer stärkeren Ausrichtung an ökonomischen Motiven. Angesichts der vorhandenen Dynamik in diesem Bereich empfiehlt das IGES, bereits vorliegende gesundheitspolitische Vorschläge im Hinblick auf eine Anpassung der gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Zulassung und den Betrieb von MVZ in der laufenden Legislaturperiode aufzugreifen.

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