ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2022Vergiftungen durch Fruchtpflanzen in Deutschland
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Seit 1994 steht das Gemeinsame Giftinformationszentrum Erfurt (GGIZ) der Bevölkerung der Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern rund um die Uhr als Giftnotruf (Tel.: 0361–730730) zur Verfügung. Circa 27 000 Anfragen werden jährlich dort bearbeitet (1). Beratungen bei Pflanzenexpositionen stehen neben Anfragen zu Haushaltsprodukten und Medikamenten an vorderster Stelle (1).

Kinder stellen eine besondere Risikogruppe dar, wenn es um die Ingestion bestimmter Pflanzenteile geht. So besitzen Früchte (Beeren, Samen, Bohnen, Schoten, Hülsen, Zapfen, Kapseln, Nüsse, Stein- und Apfelfrüchte) eine anziehende optische Attraktivität, sie sehen bekannten Nahrungspflanzen des Alltags ähnlich und sind häufig leicht zugänglich (Spielplätze, Gärten).

Um das tatsächliche Risiko von Fruchtpflanzeningestionen bestimmen und Präventionsmaßnahmen ableiten zu können, wurde eine Analyse von realen Expositionsdaten am GGIZ durchgeführt („risk assessment“).

Methode

Der GGIZ-Kerndatensatz aus dem Zeitraum 2010–2019 für Pflanzenvergiftungen wurde statistisch ausgewertet nach Pflanzenart, Anfragehäufigkeit, Vergiftungsschwere und Patientenalter.

Die Symptomschwere wurde anhand des Poisoning Severity Score und in der Regel im Rahmen einer standardisierten Telefonberatung ermittelt (2). Maximaler Schweregrad und Behandlungsbedarf beziehen sich auf Fruchtpflanzen als Einzelnoxen (Kausalbetrachtung ohne definiertes Follow-up). Die Einteilung in Risikokategorien (RK) von 0 bis 3 folgt dabei der Neubewertung für Giftpflanzen durch den Ausschuss „Giftigkeit von Pflanzen“ des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) (3, 4):

  • RK 0 = ungiftig (keine Symptome erwartbar)
  • RK 1 = leicht giftig (leichte Symptome erwartbar)
  • RK 2 = mittelstark giftig (mittelschwere Symptome erwartbar)
  • RK 3 = sehr giftig (schwere Symptome erwartbar).

Um Fruchtpflanzen mit hohem realen Vergiftungsrisiko zu identifizieren, wurde zusätzlich ein modifizierter Risikofaktor nach Litovitz berechnet (Zahl der schweren und mittelschweren Vergiftungen pro 100 Expositionen). Relevante Fruchtpflanzen sind mit einem Cut-off von ≥ 30 Anfragen pro Analysezeitraum definiert und hochrelevante Fruchtpflanzen durch ≥ 300 Anfragen pro Analysezeitraum.

Ergebnisse

Bezogen auf 7 607 Anfragen zu 45 relevanten beziehungsweise 6 hochrelevanten Fruchtpflanzen gab es

  • 459 (6 %) Anfragen für Pflanzen aus RK 0
  • 3 645 (47,9 %) Anfragen für Pflanzen aus RK 1
  • 2 986 (39,3 %) Anfragen für Pflanzen aus RK 2
  • 517 (6,8 %) Anfragen für Pflanzen aus RK 3.

Kleinkinder (1 bis < 6 Jahre) waren mit 5 284 (69,5 %) Einzelexpositionen betroffen, Erwachsene (ab 18 Jahre) mit 1 091 Expositionen (14,3 %), Schulkinder (6 bis < 14 Jahren) mit 727 (9,6 %) Expositionen, Babys (bis 1 Jahr) mit 265 (3,5 %) und Jugendliche (14 bis < 18 Jahre) mit 83 Expositionsfällen (1,1 %).

Die Einzelexpositionen (n = 7 229) blieben in 80 % (5 746) aller Fälle symptomlos, bei 13 % (908) zeigten sich leichte, bei 2 % (170) mittelschwere und bei 0,28 % (20) schwere Symptome.

Schwere Vergiftungen wurden durch 7 Fruchtpflanzen verursacht (Tabelle): Europäische Eibe (n = 9), Herbstzeitlose (n = 4), Wunderbaum (n = 3), Engelstrompete (n = 3), Tollkirsche (n = 3), Stechapfel (n = 1) sowie Lebensbaum (n = 1). Das höchste reale Vergiftungsrisiko (Litovitz-Risikofaktor) ergab sich für Wunderbaum, Tollkirsche, Stechapfel und Engelstrompete (Tabelle).

Fruchtpflanzen, die bei Exposition im Zeitraum 2010–2019 zu schweren Vergiftungen geführt haben, sortiert nach absteigender Anfragehäufigkeit am Gemeinsamen Giftinformationszentrum Erfurt
Tabelle
Fruchtpflanzen, die bei Exposition im Zeitraum 2010–2019 zu schweren Vergiftungen geführt haben, sortiert nach absteigender Anfragehäufigkeit am Gemeinsamen Giftinformationszentrum Erfurt

Insgesamt wurden fünf Todesfälle, bei denen es sich sämtlich um Suizide handelte, durch 3 Pflanzenarten verursacht: Herbstzeitlose, Wunderbaum und Europäische Eibe (n = 3). Diese waren auch am häufigsten mit Suizidversuchen assoziiert (n = 121).

Diskussion

Etwa 150 der 3 000 heimischen Pflanzenarten haben ein relevantes Vergiftungspotenzial (5). Im Analysezeitraum der Studie waren Anfragen zu Pflanzenvergiftungen im Kindesalter am dritthäufigsten (15 %), wohingegen diese zahlenmäßig im Erwachsenenalter eher zu vernachlässigen sind (2 %). Das Ingestionsrisiko ist im Kindesalter per se höher: Kinder können Pflanzen und deren Giftpotenzial meist nicht einschätzen. Viele der Pflanzen, die am häufigsten zu Expositionen führten, haben attraktive Früchte (53,7 %), die auf Kinder anziehend wirken.

Die potenzielle Giftigkeit einzelner Pflanzen hängt ab von den tatsächlichen Inhaltsstoffen beziehungsweise dem Pflanzenalter und der Pflanzengenetik, dem Reifegrad der Früchte, dem Wachstumsstandort sowie dem Wetter und dem Klima. Auch spielen Ingestionsmenge (Dosis) und individuelle Faktoren wie die Empfindlichkeit des Organismus (zum Beispiel Enzymausstattung, Kompensationsmechanismen, Alter), Aufnahmewege (oral, dermal, inhalativ, okulär, intravasal) und Expositionsdauer (akut, chronisch) eine wesentliche Rolle für die Vergiftungsschwere nach Exposition.

Aufgrund hoher Anfragefrequenzen (hochrelevante Fruchtpflanzen) besteht bei Eibe, Liguster, Lampionblume/Blasenkirsche, Lorbeerkirsche, Maiglöckchen und Mahonie ein großer Informationsbedarf – wobei bemerkenswerterweise keine dieser Pflanzen der RK 3 angehört. Der Umfang des Informationsbedarfs korreliert offensichtlich nicht mit dem tatsächlichen Vergiftungsrisiko, sondern spiegelt mangelhaftes botanisch-toxikologisches Wissen und gegebenenfalls die optische Anziehungskraft einzelner Früchte wider. Nicht auszuschließen ist allerdings eine Überrepräsentation (beziehungsweise Unterrepräsentation) einzelner Fruchtpflanzenarten, die aufgrund geobotanischer/bioklimatischer Besonderheiten unterschiedlich häufig in den vier Bundesländern vorkommen. Auch lassen sich nicht immer alle Vergiftungen hinsichtlich Pflanzenart und Vergiftungsschwere im Rahmen eines Telefonates verifizieren.

Unsere Analyse zeigt, dass die Gefährdung der Bevölkerung durch potenziell giftige Fruchtpflanzen nicht nur isoliert von pflanzlichen Inhaltsstoffen her betrachtet werden sollte („hazard identification“). Um Präventionsmaßnahmen realistisch einschätzen und etablieren zu können, muss das tatsächliche Risiko mit Berücksichtigung valider Expositionsdaten beurteilt werden. Unter diesem Gesichtspunkt konnten 45 Fruchtpflanzen mit hoher beziehungsweise 6 mit höchster Relevanz für Deutschland identifiziert werden. Kleinkinder stellen eine besondere Risikogruppe dar.

Auch wenn lebensbedrohliche Vergiftungsfälle durch Fruchtpflanzen in Deutschland eher selten sind, besteht auf breiter Bevölkerungsebene zu den relevanten Arten und ihrem toxikologischen Potenzial ein hoher Informations- und Aufklärungsbedarf.

Sebastian Wendt, Dagmar Prasa, Christoph Lübbert, Kathrin Begemann, Heike Franke

Bereich Infektiologie und Tropenmedizin, Klinik und Poliklinik für Onkologie, Gastroenterologie, Hepatologie, Pneumologie und Infektiologie, Universitätsklinikum Leipzig (Wendt, Lübbert) Sebastian.Wendt@medizin.uni-leipzig.de

Interdisziplinäres Zentrum für Infektionsmedizin (ZINF), Universitätsklinikum Leipzig (Wendt, Lübbert)

Postgradualstudium Toxikologie und Umweltschutz, Universität Leipzig (Wendt, Franke)

Gemeinsames Giftinformationszentrum der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen c/o HELIOS Klinikum Erfurt (Prasa)

Klinik für Infektiologie/Tropenmedizin, Nephrologie und Rheumatologie, Klinikum St. Georg gGmbH, Leipzig (Lübbert)

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Abteilung Exposition, Berlin (Begemann)

Rudolf-Boehm-Institut für Pharmakologie und Toxikologie, Medizinische Fakultät, Universität Leipzig (Franke)

Interessenkonflikt
Die Autorinnen und Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 22. 10. 2021, revidierte Fassung angenommen: 13. 1. 2022

Zitierweise
Wendt S, Prasa D, Lübbert C, Begemann K, Franke H: Food poisoning from fruits in Germany—accidental exposures are common, but rarely symptomatic. Dtsch Arztebl Int 2022; 119: 333–4. DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0108

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Gemeinsames Giftinformationszentrum Erfurt (GGIZ): Anfragestatistik: Informationen zu Anfragen an das GGIZ. www.ggiz-erfurt.de/anfragestatistik.html (last accessed on 19 October 2021).
2.
Persson HE, Sjöberg GK, Haines JA, Pronczuk de Garbino J: Poisoning severity score. Grading of acute poisoning. J Toxicol Clin Toxicol 1998; 36: 205–13 CrossRef MEDLINE
3.
Hermanns-Clausen M, Andresen-Streichert H, Pietsch J, Acquarone D, Fuchs J, Begemann K: Risiko Pflanze – Ein neuer Ansatz zur Einschätzung des Vergiftungsrisikos für Kleinkinder. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2019; 62: 1336–45 CrossRef MEDLINE
4.
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Bekanntmachung einer Liste besonders giftiger Gartenpflanzen und einheimischer Pflanzen in der freien Natur. www.bundesanzeiger.de/pub/publication/cb9rFDxrsetJdU4RBZu/content/cb9rFDxrsetJdU4RBZu/BAnz%20AT%2002.07.2021%20B4.pdf?inline (last accessed on 17 August 2021).
5.
Haerkötter G, Haerkötter M: Giftpflanzen: Beschreibung, Wirkung, Geschichten. Köln: Anaconda 2018.
Fruchtpflanzen, die bei Exposition im Zeitraum 2010–2019 zu schweren Vergiftungen geführt haben, sortiert nach absteigender Anfragehäufigkeit am Gemeinsamen Giftinformationszentrum Erfurt
Tabelle
Fruchtpflanzen, die bei Exposition im Zeitraum 2010–2019 zu schweren Vergiftungen geführt haben, sortiert nach absteigender Anfragehäufigkeit am Gemeinsamen Giftinformationszentrum Erfurt
1.Gemeinsames Giftinformationszentrum Erfurt (GGIZ): Anfragestatistik: Informationen zu Anfragen an das GGIZ. www.ggiz-erfurt.de/anfragestatistik.html (last accessed on 19 October 2021).
2.Persson HE, Sjöberg GK, Haines JA, Pronczuk de Garbino J: Poisoning severity score. Grading of acute poisoning. J Toxicol Clin Toxicol 1998; 36: 205–13 CrossRef MEDLINE
3.Hermanns-Clausen M, Andresen-Streichert H, Pietsch J, Acquarone D, Fuchs J, Begemann K: Risiko Pflanze – Ein neuer Ansatz zur Einschätzung des Vergiftungsrisikos für Kleinkinder. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2019; 62: 1336–45 CrossRef MEDLINE
4.Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Bekanntmachung einer Liste besonders giftiger Gartenpflanzen und einheimischer Pflanzen in der freien Natur. www.bundesanzeiger.de/pub/publication/cb9rFDxrsetJdU4RBZu/content/cb9rFDxrsetJdU4RBZu/BAnz%20AT%2002.07.2021%20B4.pdf?inline (last accessed on 17 August 2021).
5.Haerkötter G, Haerkötter M: Giftpflanzen: Beschreibung, Wirkung, Geschichten. Köln: Anaconda 2018.

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