ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2022Medizinische Leitlinien: Nationale Strategie gefordert

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Medizinische Leitlinien: Nationale Strategie gefordert

Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: Modella stock.adobe.com
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Leitlinienwissen muss nach Ansicht der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) den Patientinnen und Patienten künftig schneller zugutekommen. Notwendig sei dazu eine nationale Strategie, unter anderem zur Digitalisierung der Leitlinien.

Wie unersetzlich aktuelle und verlässliche medizinisch-wissenschaftliche fundierte Informationen sind, ist vielen Menschen während der Pandemie besonders bewusst geworden. Ärztinnen und Ärzte müssen jedoch auch die von ihren Fachgesellschaften erstellten Leitlinien und Handlungsempfehlungen schnell abrufen können, am besten auf Knopfdruck und nicht durch Nachschlagen in einer Blattsammlung.

Integration in die Versorgung

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), der Zusammenschluss von 180 medizinischen Fachgesellschaften, fordert daher, das im interdisziplinären, strukturierten und evidenzbasierten Konsensprozess erarbeitete Leitlinienwissen verstärkt in digitale Versorgungsstrukturen zu implementieren. Es brauche eine nationale Strategie, um evidenzbasiertes Wissen in digitalen Gesundheitsanwendungen, Patienteninformationen oder Arztinformationssystemen zu integrieren, so die AWMF anlässlich ihres Berliner Forums Ende April.

Der Anfang ist gemacht: Die AWMF arbeitet derzeit intensiv daran, das ihr Leitlinienregister, über das die von den Fachgesellschaften entwickelten Leitlinien kostenfrei zur Verfügung gestellt werden, in eine digitale Softwarestruktur zu überführen. Im Rahmen des Digitale-Versorgung-Gesetzes wurde in der vergangenen Legislaturperiode bereits begonnen, die Erstellung der Leitlinien finanziell und operational zu unterstützen.

„In der neuen Legislaturperiode muss diese Förderung intensiviert und verstetigt werden“, betonte Prof. Dr. med. Rolf-Detlef Treede, Präsident der AWMF, am 26. April in Berlin. Es sei eine nationale Strategie notwendig, um neben der Förderung der Leitlinienentstehung die Digitalisierung der Leitlinien voranzutreiben. Nur so könne Wissen für unterschiedliche Akteure im Gesundheitswesen jederzeit und ortsunabhängig unmittelbar in der Krankenversorgung verfügbar gemacht werden. Wichtig sei dabei eine unabhängige Finanzierung.

Für diese setzt sich auch Josef Hecken, Unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), ein. Gewährleisten könne sie der Innovationsfonds, sagte er. „Diese Finanzierung nimmt natürlich keinen Einfluss auf die fachlichen Inhalte der Leitlinien“, betonte Hecken. Daher sei der Zweck einer Förderung über den Innovationsfonds klar zu umreißen: Es gelte, Vertrauenswürdigkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit von Leitlinien auszubauen und in Therapiegebiete vorzustoßen, in denen heute keine oder nur Leitlinien mit niedriger methodischer Legitimation existierten, so der G-BA-Vorsitzende. „Leitlinien enthalten Empfehlungen zur Verbesserung der Versorgungsqualität und basieren auf einer systematischen Sichtung der Evidenz und der Abwägung von Nutzen und Schaden alternativer Vorgehensweisen“, sagte Hecken. Der G-BA bewillige deshalb jährlich etwa fünf Millionen Euro aus dem Innovationsfonds, um die Fachgesellschaften zu unterstützen. Aktuell würden 18 neue Projekte zur Entwicklung oder Aktualisierung medizinischer Leitlinien gefördert. Der Innovationsausschuss hätte bei der Auswahl Empfehlungen aus einem Expertenpool sowie von der AWMF berücksichtigt, so Hecken.

Hürdenabbau für Forschung

Die Basis für die Leitlinien und damit für eine hochwertige und evidenzbasierte medizinische Versorgung bildeten jedoch die medizinische Forschung und deren Erkenntnisse, betonte Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Henning Schliephake, stellvertretender Präsident der AWMF. Um diese zu fördern, erhoffe sich die AWMF einen Abbau der Hürden für die klinische Forschung. Diese seien derzeit so hoch, dass die Gefahr „riesiger Datenfriedhöfe“ bestünde. „Ein großes Potenzial für die Gesundheitsforschung bleibt dann ungenutzt“, mahnte Schliephake.

Die AWMF fordert die Politik deshalb ferner auf, die Nutzung von Gesundheitsdaten für die Forschung klar zu regeln und den Zugang zu diesen Daten zu erleichtern. Zudem ist es aus ihrer Sicht unerlässlich, den medizinischen Nachwuchs mehr als bisher zu fördern. Hierzu brauche es beispielsweise Angebote für Karriere-Coachings für wissenschaftlich tätige Ärztinnen und Ärzte sowie medizinische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und eine entsprechende Finanzierung solcher Angebote. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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