ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2022Ärztestatistik: Aktive Nachwuchsförderung dringend notwendig

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Ärztestatistik: Aktive Nachwuchsförderung dringend notwendig

Blum, Matthias

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Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte nimmt nur langsam zu. Auch die zunehmende Zahl an Medizinern ohne ärztliche Tätigkeit setzt die Versorgungslandschaft durch eine Reduktion der verfügbaren ärztlichen Arbeitszeit unter Druck.

Foto: Mikey/Man/iStock
Foto: Mikey/Man/iStock

Auch im zweiten Jahr der SARS-CoV-2-Pandemie blieb die Entwicklung der Zahl der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland hinter den Erwartungen zurück. Dies legt eine Auswertung Ergebnisse der Ärztestatistik zum 31. Dezember 2021 nahe. Demnach stieg zwar die Zahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte wie bereits im Vorjahr um 1,7 Prozent beziehungsweise rund 7 000 Personen, jedoch bleibt diese Wachstumsrate unter der Wachstumsrate von 2019 (+2,5 Prozent) und hinter dem langfristigen Trend zurück. Ob dieser Anstieg den Trend zu geringeren Arbeitszeiten ausgleichen und dem drohenden altersbedingten Ausscheiden einer großen Zahl von Ärztinnen und Ärzten aus geburtenstarken Jahrgängen ausgleichen kann, bleibt damit unklar.

Während sich das Wachstum der ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte mit einem Plus von rund 2 400 Personen nahezu erholte (+1,5 Prozent nach +1 Prozent im Vorjahr), fiel das Wachstum der stationär tätigen Ärztinnen und Ärzten mit einem Plus von knapp 3 000 Personen (+1,4 Prozent nach 2,3 Prozent im Vorjahr) eher enttäuschend aus.

Starkes Wachstum im Öffentlichen Gesundheitsdienst

Dies könnte mit der geringeren Zahl an Absolventen medizinischer Fakultäten zusammenhängen. Denn auch die Zahl der Erstmeldungen von Ärztinnen und Ärzten bei Landesärztekammern ist im zweiten Jahr in Folge rückläufig – ein Zeichen für pandemiebedingt verlangsamte Studienfortschritte an medizinischen Fakultäten. 2021 sank die Zahl an Erstmeldungen von deutschen Staatsbürgern um 0,6 Prozent, während 2019 noch ein Plus von 8,1 Prozent zu verzeichnen war. Stark rückläufig war die Zahl von Erstmeldungen von ausländischen Staatsbürgern von rund 4 400 Personen auf rund 3 900 Personen (-10,6 Prozent); 2019 war noch ein Anstieg von 16,1 Prozent zu verzeichnen.

Die Zahl der Facharztanerkennungen erholte sich leicht und wuchs 2021 um 1,9 Prozent auf rund 14 000. Allerdings blieb das Wachstum der Jahre vor Ausbruch der Pandemie (+3,3 Prozent in 2019) bisher unerreicht.

Der Öffentliche Gesundheitsdienst verzeichnete im zweiten Pandemiejahr ein starkes Wachstum an berufstätigen Ärztinnen und Ärzten. Diese Zahl stieg um rund 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr an, jedoch fiel diese Entwicklung je nach Bundesland sehr unterschiedlich aus. Während einige Bundesländer zweistellige Zuwachsraten verzeichneten (zum Beispiel Hamburg, Hessen) waren anderenorts die Zahl der Ärztinnen und Ärzte im ÖGD rückläufig (Mecklenburg-Vorpommern, Saarland, Sachsen und Thüringen).

Zuwächse der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland
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Zuwächse der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland

Auch Migrationsströme von Ärztinnen und Ärzten waren seit Ausbruch der Pandemie Änderungen unterworfen. Die Nettozuwanderung von ausländischen Ärztinnen und Ärzten – in den vergangenen Jahren ein entlastender Faktor für die medizinische Versorgung – verlangsamte sich bereits in 2020. Im Jahre 2021 stieg die Zahl um rund 1 100 auf rund 57 200 Ärztinnen und Ärzte. Dies entspricht einem Anstieg von lediglich 1,9 Prozent (nach Wachstumsraten von 7 bis 8 Prozent in den Vorjahren). Zudem stieg die Zahl der ins Ausland abgewanderten Ärztinnen und Ärzten nach einem Einbruch in 2020 wieder an und erreichte mit rund 1 900 Abwanderungen das Niveau der Vorjahre.

Reduktion der ärztlichen Arbeitszeit nimmt zu

Aber auch die zunehmende Zahl an Ärztinnen und Ärzten ohne ärztliche Tätigkeit setzt die Versorgungslandschaft durch eine Reduktion der verfügbaren ärztlichen Arbeitszeit unter Druck. Primär ist dies demografischen Faktoren geschuldet, denn die Zahl an Ärztinnen und Ärzten im Ruhestand stieg in 2021 um rund 3 300 Personen (+3,6 Prozent), nachdem bereits diese Zahl bereits in 2020 um rund 3 500 Personen (+4,0 Prozent) anstieg. Zudem verabschiedeten sich deutlich mehr Ärztinnen und Ärzte in Elternzeit (+7,7 Prozent). Insgesamt sind rund 128 000 Ärztinnen und Ärzte ohne ärztliche Tätigkeit, davon sind rund 90 000 im Ruhestand.

Nach wie vor ist ein anhaltender Trend zur Teilzeitarbeit beziehungsweise dem Wunsch nach geringerer Belastung durch Überstunden zu beobachten. Durch ausgewogenere Arbeitszeiten nimmt die Zahl der Ärztinnen und Ärzte zu, welche benötigt werden, um Stellen in der medizinischen Versorgung besetzen zu können. Zudem konkurrieren Gesundheitsämter zunehmend mit der Versorgung um ärztliches Personal. Diese Faktoren sowie Herausforderungen durch den demografischen Wandel machen ein Mindestmaß an Wachstum notwendig, um die zur Verfügung stehenden Arztstunden konstant zu halten.

Fakten zur Ärztestatistik 2021
Tabelle
Fakten zur Ärztestatistik 2021

Die enorme Belastung durch die Behandlung und Betreuung von COVID-19-Patienten sowie die andauernde Impfkampagne hat in 2021 eine hohe Arbeitsintensität gefordert – zusätzlich zur ohnehin angespannten Personalsituation in Kliniken und Praxen.

Die Ärztestatistik 2021 führt erneut vor Augen, dass eine ausreichende ärztliche Versorgung ohne aktive Nachwuchsförderung in der Zukunft nicht als gesichert gelten kann. Trotz leicht steigenden Ausbildungskapazitäten an Deutschlands medizinischen Fakultäten darf bezweifelt werden, ob das deutsche Bildungssystem eine ausreichende Zahl an Ärztinnen und Ärzten hervorbringt, damit auch die der medizinischen Versorgung zur Verfügung stehende Arbeitszeit von Ärztinnen und Ärzten in Zukunft ausreichen wird.

Wachstum liegt nur bei rund 4 Prozent

Denn im Zeitraum zwischen 2015 und 2019 stieg die Zahl an berufstätigen Ärztinnen und Ärzten zwar um rund 30 000 beziehungsweise rund 8 Prozent. Rechnet man die netto zugewanderten Mediziner mit ausländischer Staatsangehörigkeit heraus, welche überwiegend nicht in Deutschland ausgebildet wurden, bleibt nur noch ein Wachstum von rund 4 Prozent. Zudem profitiert das deutsche Gesundheitssystem von jährlich mehr als 1 000 deutschen Absolventen an medizinischen Fakultäten im europäischen Ausland. Geht man davon aus, dass ein großer Teil dieser Personen nach Studienabschluss eine berufliche Tätigkeit in Deutschland aufnimmt, schmilzt das oben errechnete Plus weiter zusammen.

Ob das deutsche Ausbildungssystem angesichts des ungebrochenen Trends zu geringerer Belastung durch Überstunden und Teilzeittätigkeit am Ende in der Lage ist, die ärztliche Arbeitszeit konstant zu halten, darf angesichts dieser Zahlen bezweifelt werden.

Dr. rer. pol. Matthias Blum,

Bundesärztekammer

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