ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2022Krankenhausplanung: Ruf nach mehr Effizienz

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Krankenhausplanung: Ruf nach mehr Effizienz

Osterloh, Falk

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Die Krankenhäuser müssen sich darauf einstellen, dass niedrige Fallzahlen ebenso wie der Mangel an Fachkräften von Dauer sein werden. Die Versorgung von morgen wird von mehr Kooperationen und effizienteren Abläufen geprägt sein. Die Krankenhausplanung muss den Rahmen dafür setzen.

tock Über Telekonsile können Maximalversorger mit Grundversorgern kooperieren. Foto: AnnaStills/iStock
tock Über Telekonsile können Maximalversorger mit Grundversorgern kooperieren. Foto: AnnaStills/iStock

Die deutsche Krankenhauslandschaft steht vor einer tiefgreifenden Umwandlung. Die Ursachen sind in erster Linie der Fachkräftemangel und der Rückgang der Fallzahlen. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass der Fachkräftemangel infolge des demografischen Wandels nicht wieder verschwinden wird“, sagte der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Halle (UKH), Prof. Dr. med. Thomas Moesta, Ende April auf der Fachtagung „Zukunft der Gesundheitsversorgung“ des Beratungsunternehmens WMC Healthcare in Berlin. „Er wird in den nächsten Jahren sogar weiter zunehmen, weil noch mehr Babyboomer in Rente gehen und deutlich weniger junge Menschen nachkommen werden.“ Dieses Problem lasse sich nur durch mehr Effizienz und mehr Kooperationen lösen.

„Wir müssen uns darauf einstellen, dass der Fachkräftemangel infolge des demografischen Wandels nicht wieder verschwinden wird.“ Thomas Moesta, Universitätsklinikum Halle. Foto: Fotostelle UKH
„Wir müssen uns darauf einstellen, dass der Fachkräftemangel infolge des demografischen Wandels nicht wieder verschwinden wird.“ Thomas Moesta, Universitätsklinikum Halle. Foto: Fotostelle UKH

Moesta berichtete von den Kooperationen, die die Krankenhäuser in Sachsen-Anhalt während der Coronapandemie eingegangen sind. „Wir haben zum Beispiel Helfer- und Materialportale gebildet“, sagte er. „So konnten die Krankenhäuser untereinander Material tauschen, das ihnen fehlte. Das hat gut funktioniert.“ Auch in der Intensivmedizin sei eine gute Vernetzung entstanden. „Die Experten der Uniklinik können auf die Patientendaten in sechs umliegenden Krankenhäusern schauen“, erklärte Moesta. „So kann die Expertise des Maximalversorgers auch in den kleineren Häusern genutzt werden.“

Alle müssen profitieren

Wichtig sei bei Kooperationen, dass alle Krankenhäuser – vom Uniklinikum bis zum Grundversorger – von der Zusammenarbeit profitierten. „Wir haben den Grundversorgern zum Beispiel hochkomplexe ECMO-Patienten abgenommen, während die Grundversorger uns in der Versorgung weniger komplexer Fälle unterstützen“, so Moesta. „Wir haben aber auch gelernt, dass die Kooperationsbereitschaft im System mit der COVID-19-Inzidenz korreliert. Wenn wir die Kooperationsbereitschaft aufrechterhalten wollen, müssen wir auch nach der Pandemie sicherstellen, dass alle Partner keine Nachteile von einer gestuften Versorgung entsprechend der Versorgungsstufen haben werden.“

Die Krankenhausplanung der Bundesländer müsse noch mehr auf Effizienz im System ausgerichtet werden. Und hier seien Effizienz und Qualität kein Widerspruch, sondern bedingten sich gegenseitig. „Die Krankenhausplanung ist heute die Fortschreibung einer Adressliste“, sagte der Ärztliche Direktor des UKH. „Weil das Leistungsrecht das Planungsrecht schlägt, haben die Bundesländer nicht die Möglichkeit, Krankenhäuser zu schließen, die nicht geschlossen werden wollen.“ Und die Krankenhäuser seien gezwungen, auskömmlich zu wirtschaften, was nur durch ein gewisses DRG-Leistungsportfolio möglich ist. „Das Ergebnis ist, dass sich die Kliniken in einer Region nicht abstimmen, wer welche Leistung erbringt“, sagte Moesta. „Allein in Halle gibt es fünf Krankenhäuser, wodurch Leistungsangebote in fast allen Bereichen doppelt und dreifach vorgehalten werden. Das ist das Gegenteil von Effizienz. Bei zunehmendem Fachkräftemangel werden wir uns das künftig nicht mehr leisten können.“

Auch der Geschäftsführer von WMC Healthcare, Dr. med. Reinhard Wichels, betonte, dass die Krankenhäuser nicht so weitermachen könnten wie bisher. „Seit 2017 gehen die Ergebnisse der Häuser dramatisch zurück“, sagte Wichels. „Und die Coronapandemie hat diese Entwicklung noch deutlich beschleunigt.“ Die Fallzahlen seien um 14 Prozent im Vergleich zu 2019 eingebrochen, während die Fixkosten der Häuser weitgehend konstant geblieben seien. Und die Patienten würden nicht wieder zurückkehren. „Für die Krankenhäuser ist das ein Drama“, betonte Wichels. „Und jedes Haus muss sich nun klarmachen: Mit Wachstum kann man nicht mehr überleben.“

Die Situation beinhalte jedoch auch eine große Chance. Denn in diesen Zeiten würden die Träger eher akzeptieren, wenn strukturelle Veränderungen vorgenommen würden. „Krankenhäuser müssen jetzt ihren stabilen Kern definieren“, meinte Wichels. Das sei der Teil der stationären Leistung, der für die Versorgung der Patienten wirklich benötigt werde, den man sicher personell besetzen könne und der auch ökonomisch auskömmlich sei. „Dadurch wird Infrastruktur frei, die die Krankenhäuser nutzen sollten, um selbst komplexe ambulante Leistungen anzubieten oder mit Vertragsärzten zu kooperieren, die in diesen Räumen ambulante Leistungen anbieten“, so Wichels.

Verpflichtende Kooperation

Um die Krankenhauslandschaft effizienter zu gestalten, schlägt auch der Marburger Bund (MB) die Einführung eines Versorgungsstufenmodells vor, bei dem die Krankenhäuser drei Versorgungsstufen zugeordnet werden: regionalen Versorgern, überregionalen Versorgern und Maximalversorgern, zu denen auch die Universitätskliniken gehören. Jeder Stufe sind bestimmte Mindestanforderungen zugeordnet. Krankenhäuser der regionalen Versorgung sollen zum Beispiel mindestens eine Fachabteilung für Innere Medizin und eine für Chirurgie vorhalten, zudem bei Bedarf eine Gynäkologie oder eine Pädiatrie. Sie sollen die vom Gemeinsamen Bundesausschuss festgelegten Kriterien für die Notfallstufe 1 erfüllen und mindestens drei Fachärzte pro Abteilung vorhalten. Jedes regionale Krankenhaus soll zudem mit nahe gelegenen überregionalen oder Maximalversorgern über eine Kooperationsvereinbarung strukturiert kooperieren.

Die 1. Vorsitzende des MB, Dr. med. Susanne Johna, kritisierte, dass die Bundesländer keine aktive Krankenhausplanung betrieben. „Bislang findet eher ein Fortschreiben der bisherigen Pläne statt einer Umsetzung neuer Strukturen statt“, sagte Johna Ende April in Berlin. Wichtig sei es, dass die künftigen Strukturen vom Patienten aus gedacht würden. „Dafür brauchen wir bundesweit dieselben Vorgaben“, betonte sie. „Schließlich haben die Patienten überall dieselben Bedarfe.“ Die MB-Vorsitzende forderte, dass eine Reform der Krankenhausplanung zusammen mit einer Reform der Finanzierung gedacht werden müsse. „Zuerst muss klar sein, welche Krankenhäuser wir für die Versorgung brauchen, damit wir keine Häuser finanzieren, die wir gar nicht vorhalten wollen“, sagte sie. „Und wenn wir die Finanzierung nicht umstellen, können sich manche Krankenhäuser nicht finanzieren, die wir brauchen. Deshalb muss beides zusammen angegangen werden.“

Das bisherige erlösorientierte DRG-System müsse durch ein kombiniertes Vergütungssystem aus krankenhausindividuellen Personalausgaben und Vorhaltekosten sowie der Abrechnung landeseinheitlicher pauschalierter Sach- und Betriebskosten abgelöst werden. „In der Pandemie haben wir gesehen, dass die Kooperation zwischen Krankenhäusern erheblich erleichtert wurde, als der Finanzierungsdruck ein Stück weit von den Häusern genommen worden ist“, betonte Johna. Diese Kooperationen müssten auch nach der Pandemie fortgeführt werden. „Unserem Konzept zufolge wird den Kliniken verbindlich vorgegeben, dass sie mit anderen Kliniken kooperieren müssen“, sagte Johna. „Mit wem sie kooperieren wollen, können die Häuser selbst entscheiden.“

Zeit für Veränderungen

Dem MB zufolge kann eine Neuausrichtung der Krankenhausplanung auch dabei helfen, den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen zu bekämpfen. Der Fachkräftemangel werde das entscheidende Thema der nächsten zehn Jahre sein, betonte Johna. Deshalb sei es richtig, sich die Frage zu stellen, welche Versorgung die Patienten tatsächlich dauerhaft bräuchten – und welche nicht. „Es gibt Krankenhäuser, die dauerhaft nicht bedarfsnotwendig sind“, stellte die MB-Vorsitzende klar. Vor diesem Hintergrund sei es nicht sinnvoll, wenn Fachkräfte in Zeiten eines Fachkräftemangels eine Patientenversorgung vornähmen, die die Patienten gar nicht brauchen.

„Jetzt ist die Zeit, in der wir uns Veränderungen vornehmen müssen“, betonte Thomas Moesta vom UKH. „Wenn wir es nicht tun, wird es in den kommenden Jahren weiterhin einen kalten Strukturwandel geben.“ Die Krankenhäuser selbst müssten den Veränderungsprozess aus einer gemeinsamen Verantwortung für das System und für die Patienten heraus initiieren. „Wenn wir jetzt nicht reagieren“, so Moesta, „werden wir auch zahlreiche Krankenhäuser verlieren, die wir für die Versorgung der Menschen brauchen.“ Falk Osterloh

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