ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2022Digitalisierung des Gesundheitswesens: Strategie gesucht

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Digitalisierung des Gesundheitswesens: Strategie gesucht

Lau, Tobias

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Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) will neue Struktur in die Digitalisierung des Gesundheitswesens bringen. Hausherr Karl Lauterbach (SPD) kündigte auf der Digitalmesse DMEA an, „einen neuen Strategieprozess auszurollen“, an dem sich alle Stakeholder beteiligen sollen.

„Partizipativer Prozess“: Dr. Susanne Ozegowski (2. von links) kündigte bei der Messe DMEA eine neue Digitalisierungsstrategie an. Foto: Messe Berlin GmbH
„Partizipativer Prozess“: Dr. Susanne Ozegowski (2. von links) kündigte bei der Messe DMEA eine neue Digitalisierungsstrategie an. Foto: Messe Berlin GmbH

Die Digital-Health-Branche war hungrig: Zum ersten Mal seit 2019 konnte die größte Gesundheits-IT-Messe Europas als klassische Präsenzveranstaltung stattfinden und war entsprechend überlaufen. Grund, Bilanz zu ziehen, gab es zur Genüge: Nicht nur von den Krankenhäusern bis zu den Gesundheitsämtern habe die Coronapandemie dem Gesundheitswesen einen Digitalisierungsschub gegeben, betonte Lauterbach zur Eröffnung. Auch in der Bevölkerung sei das Thema nun angekommen. „Sehr viele Menschen sind mit der Digitalisierung erstmalig persönlich in Kontakt getreten, zum Beispiel über die Corona-Warn-App, über Impf-, Test- und Genesenenzertifikate, sehr viele Leute haben zum ersten Mal einen QR-Code selbst genutzt“, erklärte Lauterbach. „Somit ist die Digitalisierung für viele erst erlebbar geworden.“

So viel sich dabei getan hat, so wenig wirkte die Veränderung zuweilen koordiniert. Es gebe zum jetzigen Zeitpunkt „viel Taktik, viel Technik und viel Innovationen, aber keine übergreifende Strategie“, monierte Lauterbach – und kündigte an, das ändern zu wollen.

Beteiligungsverfahren

Bereits nach der parlamentarischen Sommerpause werde das BMG einen neuen Strategieprozess ausrollen, denn: „Wir haben aus meiner Sicht keine wirklich gute Strategie, wo wir wann sein wollen und was die Anwendungen sind, die dem Nutzer zuerst das Gefühl vermitteln, dass wir eine andere Medizin machen.“ Eine solche Strategie solle in diesem Jahr geschaffen werden, und zwar als „großes Beteiligungsverfahren“, in das sich alle Stakeholder im Gesundheitswesen einbringen können. Es werde „kein Schein-Miteinander, sondern ein echtes Miteinander“, beteuerte Lauterbach.

Das Verfahren wird eine der ersten großen Aufgaben von Dr. Susanne Ozegowski, die seit dem 1. April als Nachfolgerin von Gottfried Ludewig die für die Digitalisierung verantwortliche Abteilung 5 im BMG leitet. Es ist kein Neuland für sie: Ozegwoski war zuvor seit 2019 als Geschäftsbereichsleiterin der Unternehmensentwicklung bei der Techniker Krankenkasse (TK) für die dortige Strategieentwicklung und Digitalisierung der Kasse zuständig. Was sie im BMG vorhat, hatte Ozegowski bereits kurz zuvor erklärt: Ihre Aufgabe würden sich in drei Blöcke teilen. Erstens müsse das Gesundheitswesen auch digital besser für mögliche künftige Pandemien gerüstet sein, wobei vor allem der öffentliche Gesundheitsdienst eine Stärkung benötige. Zweitens müssten Digitalisierungsgroßprojekte wie die elektronische Patientenakte (ePA) oder das elektronische Rezept (eRezept) endlich auf den Weg gebracht und drittens der Blick in die Zukunft geschärft werden, insbesondere bei den Themen TI 2.0 und Datennutzung.

Ansprüche statt Strategien

Das alles in eine kongruente Gesamtstrategie zu gießen, könne keine Aufgabe für das BMG allein sein. „Was ganz klar ist: dass das ein partizipativer Prozess ist“, beteuerte Ozegowski. „Es macht keinen Sinn, sich im dunklen Kämmerlein einzuschließen und da etwas aufzuschreiben.“ Die Selbstverwaltung müsse dabei genauso ins Boot geholt werden wie die Pflegebranche, kündigte Ozegowski an.

Dass eine so umfassende Zusammenarbeit im Gesundheitswesen nicht selbstverständlich ist, lehrt nicht nur die Erfahrung, sondern betonen auch die Beteiligten jetzt bereits. Die Struktur der Selbstverwaltung mit ihren gewählten Mandaten in den jeweiligen Berufsgruppen führe dazu, dass in der Regel keine Strategien, sondern Ansprüche formuliert werden, erklärte Florian Fuhrmann, Geschäftsführer von kv.digital, einer Tochtergesellschaft der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die Plattform-, Web- und App-Lösungen für den sicheren Informationsaustausch unter Ärzten und Patienten bereitstellt.

Er unterstütze deshalb die Idee einer Gesamtstrategie, mahne aber zur richtigen Umsetzung, so Fuhrmann. „Wir müssen eine gemeinsame Vision entwickeln, aus der wir dann eine übergeordnete Strategie ableiten“, forderte er.

Die Partikularstrategien der einzelnen Stakeholder von der Ärzte- über die Apothekerschaft bis zu den Kassen müssten sich dann an der Gesamtstrategie ausrichten. Dabei, so räumte er auf Nachfrage ein, müssten zur Not auch alle Register gezogen werden – also auch Standesorganisationen sanktioniert werden können, wenn sie sich im Prozess querstellen.

Dabei sind nicht einmal alle Beteiligten auf diese Weise organisiert. Das ist das nächste Problem, wie die Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler, betonte. „Wir brauchen Selbstverwaltungsstrukturen in der Pflege“, forderte sie. Das sei Aufgabe der Politik. Und nur dann könne die Umsetzung einer Digitalstrategie auch in der Pflege Sinn ergeben. Denn die Unübersichtlichkeit in der Pflege mache ein konzertiertes Vorgehen unmöglich: „Das Problem ist, dass wir mittlerweile vor einem riesigen Berg stehen, einem System, das niemand mehr richtig versteht.“ Welchen Nutzen digitale Anwendungen in der Pflege haben könnten, müsse allerdings in strukturierten Prozessen eruiert werden, die ein entsprechendes Organisationsniveau erfordern.

Der Nutzen: Damit stehen und fallen alle digitalen Anwendungen, war in fast allen Keynotes und Panels der Messe zu hören. Das Beispiel der elektronischen Patientenakte (ePA) verdeutlicht das. Für Lauterbach ist sie die „Kernanwendung“ im digitalen Gesundheitswesen, doch obwohl sie theoretisch schon großflächig verfügbar ist, will sie einfach nicht durchstarten. Rund 453 000 ePA gab es laut gematik zur Zeit der DMEA. Läuft das Wachstum mit der Geschwindigkeit weiter, in der es sich die vergangenen Wochen und Monate abgespielt hat, würde es noch mehr als 200 Jahre dauern, bis alle GKV-Versicherten eine eigene ePA haben, erklärte Carsten Fehlen, Vice President Product Management bei der Compugroup Medical (CGM). Sowohl regulativ wie operativ fehle es an den richtigen Maßnahmen, um die ePA fest in der Versorgung zu verankern: Es gebe keine Werbung, der Nutzen werde nicht kommuniziert, das Opt-in-System mit seinen Vertrauensniveaus sei zu kompliziert für viele Patienten. Die Leistungserbringer seien außerdem nicht zur Nutzung verpflichtet. Angesichts der – zumindest wahrgenommenen – fehlenden Rechtssicherheit dämpfe das die ePA-Nutzung noch weiter. Fehlen erklärte die Unsicherheit an einem Beispiel: Ein Patient kommt mit unvollständigen oder falschen Eintragungen in der ePA, der Arzt trifft auf deren Grundlage falsche Entscheidungen. Die Frage sei, wer dann haftet. Und das sei nicht immer so eindeutig zu beantworten, wie es im ersten Moment scheint. Hinzu komme ein klassisches Huhn-Ei-Problem, wie Dr. Dominik Bindl, Projektleiter beim Praxissoftwareanbieter Medatixx, erklärte: Die ePA werde kaum verwendet, weil die wenigsten ihren Nutzen kennen. Und weil den viele nicht kennen, würden sie die ePA nicht nutzen.

Kaum ePA, kaum E-Rezepte

Ein anderes Beispiel ist das E-Rezept: Statt eines rosa Zettels einen weißen mit QR-Code zu erhalten, hat keinen spürbaren Zusatznutzen für Ärzte und Patienten. Für ein komplett digitales Verfahren braucht es eine GK mit NFC-Funktion plus PIN, was nur wenige 10 000 Versicherte haben. Ohne ein deutlich vereinfachtes Verfahren wird es aber kaum gelingen, tatsächlich ein voll digitales E-Rezept in die Breite zu bringen. Die Krankenkassen sollen zwar laut Gesetz ein Alternativverfahren entwickeln. Wann genau damit zu rechnen ist und wie es aussehen wird, konnte Hannes Neumann, Leiter der dortigen E-Rezept-Abteilung, noch nicht verkünden.

Stattdessen kündigte er eine weitere Ausbaustufe an: Ab Herbst sollen elektronische Mehrfachverordnungen verfügbar sein. Das werde nicht nur Chronikern eine Zeitersparnis bringen, sondern auch den Arbeitsaufwand in Arztpraxen verringern. Das wird auch notwendig sein, denn außer mehr Arbeit haben die Praxen bisher nichts vom E-Rezept, betonte Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer. Auch deshalb sieht es beim E-Rezept nicht besser aus als bei der ePA: 30 000 Verordnungen lautet die Zielmarke vor dem Roll-out. So viele Rezepte werden derzeit analog alle zehn Minuten ausgestellt, erklärte Bodendieck. Tobias Lau

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