ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2022Abschätzung der Progressionsrisiken des Mammakarzinoms infolge des COVID-19-Lockdowns
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Während der COVID-19-Pandemie wurde ein Lockdown initiiert, durch den das Brustkrebsscreening in Deutschland für fünf Wochen ausgesetzt wurde. Aufgrund dieser Maßnahme wuchsen die nicht diagnostizierten Mammakarzinome durchschnittlich fünf Wochen länger, wenn die Teilnehmerinnen das Screening direkt im Anschluss an den Lockdown nachgeholt hätten. Durch ein Screening werden prävalente Tumoren in einem früheren Stadium diagnostiziert, in dem sich im Durchschnitt weniger Metastasen abgesiedelt haben als in späteren Krankheitsstadien. Ziel der Arbeit ist es abzuschätzen, wie viele Patientinnen aufgrund der fünfwöchigen Screeningpause Metastasen entwickelt haben könnten und wie viele zusätzliche Sterbefälle zu erwarten sind.

Effekt des Screenings

Nach den aktuellen Daten der Kooperationsgemeinschaft Mammographie (1) wurden im Jahr 2018 insgesamt 13 414 invasive Mammakarzinome diagnostiziert, in fünf Wochen anteilig circa 1 315 (Tabelle). In Deutschland werden jährlich etwa 70 000 invasive Mammakarzinome primär behandelt, in fünf Wochen demnach 6 730.

Anzahl der Mammakarzinome
Tabelle
Anzahl der Mammakarzinome

Die früh entdeckten Mammakarzinome werden nach den TNM-Kategorien unterteilt in pT1a–b/pT1c/≥ pT2 mit einem mittlerem Tumordurchmesser von 6,5/15/28 mm und einem Anteil von 33,8 %/46,0 %/18,7 %. Diese Tumoren wachsen mit einer Volumenverdopplungszeit von 99 Tagen (2) weiter und erreichen nach 5 Wochen (35 Tage) einen Durchmesser von 7,05/16,28/30,38 mm. Diese Zunahme errechnet sich über das Volumen eines Rundherds V ≈ 4/3 × π × (d/2)3 . Eine Verdopplung des Durchmessers ergibt das 8-fache Volumen, ein d × 1,26 Durchmesser (1,26 = Kubikwurzel aus 2) das 2-fache Volumen. Nach 35 Tagen ergeben sich mit d × 1,2635/99 die genannten Durchmesser. Mit der Gompertzfunktion wird der Zusammenhang zwischen dem Tumordurchmesser und dem Überleben nach 15 Jahren (3) beschrieben: 15 Jahre überleben – (%) = 100–58,4 × exp(−4,46 × exp[−0,071 × d] [1 ≤d ≤50 mm]). Hieraus ergibt sich für die genannten TNM-Kategorien ein Mortalitätsanstieg von 0,4 %/1,8 %/3,2 % beziehungsweise 21 zusätzliche Sterbefälle, wenn alle 1 315 Mammakarzinome mit fünf Wochen Verzögerung entdeckt worden wären.

Auswirkungen der Primäroperation

Die Folgen von verschobenen Primäroperationen können ebenfalls abgeschätzt werden. Nach den Daten des Tumorregisters München sind etwa 7 % der Patientinnen primär metastasiert und 18 % werden neoadjuvant behandelt – also 53 400 werden primär operiert. In fünf Wochen sind das anteilsmäßig 5 130 Operationen. Aufgrund des demografischen Wandels beträgt der Altersmittelwert dieses Kollektivs allerdings 65 Jahre. Die Volumenverdopplungszeit wird in diesem Alter auf 143 Tage geschätzt (2). Die TNM-Kategorien pT1/pT2–4 haben hier einen Anteil von 60 %/40 % mit einem Tumordurchmesser von 12/28 mm und einem 15 Jahre-Überleben von 91,3/68,3 %. Eine bundesweite Verschiebung der Operationen um fünf Wochen würde für die 3 080 Patientinnen mit pT1-Tumor und den 2 050 Patientinnen mit pT2–4-Tumor 26 (0,84 %) beziehungsweise 45 (2,2 %) zusätzliche Sterbefälle verursachen.

Hieraus folgt, dass im Versorgungsalltag der zeitliche Abstand zwischen Stanzbiopsie und Primäroperation von der Größe des Primärtumors abhängen sollte. Bei 53 400 Primäroperationen und einer Differenz von nur 14 Tagen wäre mit 290 Sterbefällen zu rechnen, die nur zu einem geringen Anteil durch adjuvante Therapien verhindert werden können. Tatsächlich ist die Latenz bis zur Operation aber noch größer.

Folgen der adjuvanten Therapie

Metastasen von hormonrezeptornegativen Tumoren wachsen circa 2,5-fach schneller als hormonrezeptorpositive Tumoren. Deshalb erreichte die kumulative Inzidenz der Metastasierung bei hormonrezeptornegativen Tumoren in den Kontroll-/Behandlungsgruppen von Studien zur adjuvanten Therapie bereits 42,9 %/33,3 % nach fünf Jahren (4). Die Inzidenz steigt anfangs linear. Bei hormonrezeptorpositiven Tumoren erreicht die Metastasierung nach fünf Jahren 26,5 %/15,1 % (4). In Deutschland sind jährlich 6 500 hormonrezeptornegative und 58 600 -positive Tumoren zu erwarten.

Würden die innerhalb von fünf Wochen zu behandelnden 630 hormonrezeptornegativen und 5 650 -positiven Mammakarzinome fünf Wochen später behandelt, so würden zusätzlich vier beziehungsweise 13 Metastasen nach 15 Jahren auftreten, weil sie in den fünf Wochen nicht eradiziert wurden (Tabelle). Die Effekte sind klein und vermindern das 15-Jahre-Überleben nur gering. Zudem kann bei hormonrezeptorpositiven Tumoren wegen der langen Prävalenzdauer von Metastasen eine Therapie auch nach zwei und mehr Jahren begonnen werden.

Schlussfolgerungen

Die Folgen eines Lockdowns sind überschaubar. Unbekannt ist, wie die Pandemie das Verhalten der Patientinnen beeinflusst und Versorgungsabläufe verzögert hat (5). Verzögerungen können sich summieren und die Prognose weiter verschlechtern. Bei verzögerter neoadjuvanter Therapie kann der Primärtumor weiter streuen, und prävalente Metastasen könnten nicht eradiziert werden. Simultane Therapien erzielen bessere Ergebnisse, weil damit Verschiebungen von Therapiekomponenten vermieden werden. In Bezug auf den Versorgungsalltag ist zu berücksichtigen, dass das Metastasierungsrisiko von der Tumorgröße abhängt und deshalb insbesondere bei größeren Tumoren die Zeit von der Diagnosesicherung bis zur Operation minimiert werden sollte. Dieses zeitnahe Handeln ist bei allen Tumorentitäten angezeigt, die zum Teil um ein Vielfaches schneller als Brust- und Prostatakrebs wachsen.

Dieter Hölzel, Gabriele Schubert-Fritschle, Jutta Engel

Interessenkonflikt
Die Autorinnen und der Autor erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 14.10.2021, revidierte Fassung angenommen: 10.03.2022

Zitierweise
Hölzel D, Schubert-Fritschle G, Engel J: Estimation of the risk of progression of breast cancer after the COVID-19 lockdown. Dtsch Arztebl Int 2022; 119: 368–9. DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0165

Dieser Beitrag erschien online am 04.05.2022 (online first) unter www.aerzteblatt.de.

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Mammographie K: Mammoreport Februar 2021: Daten und Fakten zum deutschen Mammographie-Screening-Programm. 2021: 1–4.
2.
Weedon-Fekjaer H, Lindqvist BH, Vatten LJ, Aalen OO, Tretli S: Breast cancer tumor growth estimated through mammography screening data. Breast Cancer Res 2008; 10: R41 CrossRef MEDLINE CrossRef
3.
Engel J, Weichert W, Jung A, Emeny R, Hölzel D: Lymph node infiltration, parallel metastasis and treatment success in breast cancer. Breast (Edinburgh, Scotland) 2019; 48: 1–6 CrossRef MEDLINE
4.
Early Breast Cancer Trialists’ Collaborative Group: Effects of chemotherapy and hormonal therapy for early breast cancer on recurrence and 15-year survival: an overview of the randomised trials. Lancet 2005; 365: 1687–717 CrossRef MEDLINE
5.
Kaufman HW, Chen Z, Niles JK, Fesko YA: Changes in newly identified cancer among US patients from before COVID-19 through the first full year of the pandemic. JAMA Netw Open 2021; 4: e2125681 CrossRef MEDLINE PubMed Central
Tumorregister München (TRM), Institut für medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie (IBE), Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, hoe@ibe.med.uni-muenchen.de
Anzahl der Mammakarzinome
Tabelle
Anzahl der Mammakarzinome
1.Mammographie K: Mammoreport Februar 2021: Daten und Fakten zum deutschen Mammographie-Screening-Programm. 2021: 1–4.
2.Weedon-Fekjaer H, Lindqvist BH, Vatten LJ, Aalen OO, Tretli S: Breast cancer tumor growth estimated through mammography screening data. Breast Cancer Res 2008; 10: R41 CrossRef MEDLINE CrossRef
3.Engel J, Weichert W, Jung A, Emeny R, Hölzel D: Lymph node infiltration, parallel metastasis and treatment success in breast cancer. Breast (Edinburgh, Scotland) 2019; 48: 1–6 CrossRef MEDLINE
4.Early Breast Cancer Trialists’ Collaborative Group: Effects of chemotherapy and hormonal therapy for early breast cancer on recurrence and 15-year survival: an overview of the randomised trials. Lancet 2005; 365: 1687–717 CrossRef MEDLINE
5.Kaufman HW, Chen Z, Niles JK, Fesko YA: Changes in newly identified cancer among US patients from before COVID-19 through the first full year of the pandemic. JAMA Netw Open 2021; 4: e2125681 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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