ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2022Lieferengpässe: Das fragile System der Arzneiversorgung

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Lieferengpässe: Das fragile System der Arzneiversorgung

Lau, Tobias; Osterloh, Falk

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Das Brustkrebsmedikament Tamoxifen war zu Beginn des Jahres nicht mehr für alle Patienten erhältlich. Der Engpass wirft ein Schlaglicht auf die instabilen Strukturen bei der Herstellung von Generika.

Die 20-mg-Tablette von Tamoxifen war von dem Lieferengpass insbesondere betroffen. Foto: Science Photo Library/Dr. P. Marazzi
Die 20-mg-Tablette von Tamoxifen war von dem Lieferengpass insbesondere betroffen. Foto: Science Photo Library/Dr. P. Marazzi

Am 28. Januar 2022 informierte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Fachkreise darüber, dass die Hersteller von Tamoxifen Lieferschwierigkeiten gemeldet haben. Tamoxifen ist ein selektiver Estrogenrezeptormodulator, der insbesondere bei der Behandlung von Brustkrebs zum Einsatz kommt. Die Fachgesellschaften reagierten umgehend. Das Medikament sei „ein unverzichtbarer Bestandteil der Therapie von Patientinnen und Patienten mit Hormonrezeptor-positivem Mammakarzinom, sowohl in der kurativen als auch in der palliativen Behandlungssituation“, heißt es in einer Empfehlung vom 9. Februar. „Es müssen kurzfristig alle erforderlichen Maßnahmen getroffen werden, um den Lieferengpass bei Tamoxifen zu beenden und einen Versorgungsengpass zu verhindern.“ Denn die Zahl der betroffenen Patienten sei hoch. Das vom BfArM koordinierte Engpassmanagement lief zügig an. Dennoch gelang es nicht, einen Versorgungsengpass zu verhindern. Da von dem Engpass circa 85 Prozent des Marktes betroffen waren, stand Tamoxifen nicht mehr für alle der etwa 120 000 bis 130 000 Patientinnen und Patienten zur Verfügung.

Große Auswirkungen

„Die Auswirkungen dieses Versorgungsengpasses auf die Patientinnen und Patient sind groß“, sagt die Geschäftsführende Ärztliche Direktorin des Departments für Frauengesundheit am Universitätsklinikum Tübingen, Prof. Dr. med. Sara Yvonne Brucker, dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). „Tamoxifen ist eines der wichtigsten und am häufigsten eingesetzten Medikamente beim Mammakarzinom.“ Patientinnen hätten teilweise viele Apotheken anfragen müssen, ob irgendwo noch Tamoxifen zu bekommen ist. „Zum Teil wurde auf Tabletten in anderer Dosierung ausgewichen oder auf andere Therapien, die aber in der Regel mehr Nebenwirkungen verursachen“, so Brucker, die auch Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Senologie ist. „Viele Patientinnen haben die Einnahme auch in der Hoffnung ausgesetzt, dass der Engpass schnell vorüber sein würde.“

Die medizinischen Konsequenzen des Engpasses seien schwer einzuschätzen. „Da Tamoxifen hauptsächlich in der Adjuvanz eingesetzt wird, wirkt sich der Versorgungsengpass natürlich nicht direkt auf die Gesundheit aus“, sagt Brucker. „Ich denke, dass ein kurzfristiges Absetzen von mehreren Wochen auch nicht zu einer relevanten Zunahme an Rückfällen führen wird.“ Falls der Engpass noch deutlich länger dauern würde, würde das aber passieren. Nicht unterschätzt werden dürften in jedem Fall die Ängste, die die Patientinnen infolge des Versorgungsengpasses ausständen.

Diese Ängste erlebt Thomas Preis hautnah. Im Durchschnitt seien pro Apotheke zwei Patientinnen von dem Versorgungsengpass betroffen, erklärt der Vorsitzende des Apothekerverbands Nordrhein und Inhaber der Alpha-Apotheke in Köln. „Da ist man als Apotheker natürlich mit einer sehr großen menschlichen und emotionalen Betroffenheit konfrontiert. Es ist oft nicht leicht, damit umzugehen“, sagt er. Aber beispielsweise auch bei nicht lieferbaren Kinderarzneimitteln sei die Betroffenheit oft sehr groß. „Wenn beispielsweise Eltern ihren kranken Kindern nicht sofort das passende Medikament geben können, ist das für alle Beteiligten schlimm“, berichtet Preis.

Lieferengpässe von Arzneimitteln treten in Deutschland seit etwas mehr als zehn Jahren verstärkt auf. Ein Lieferengpass ist dem BfArM zufolge eine über voraussichtlich zwei Wochen hinausgehende Unterbrechung einer Auslieferung im üblichen Umfang oder eine deutlich vermehrte Nachfrage, der nicht angemessen nachgekommen werden kann. Das Institut führt auf seiner Webseite eine Liste mit Arzneimitteln, für die die Hersteller einen Lieferengpass gemeldet haben. Am 4. Mai enthielt sie 268 Wirkstoffe – von denen manche allerdings mehrfach aufgeführt sind, wenn Lieferengpässe für unterschiedliche Dosierungen vorliegen. Insgesamt gibt es dem BfArM zufolge dabei etwa 100 000 verkehrsfähige Humanarzneimittel, die in der Zuständigkeit des Instituts liegen.

Wie ausgeprägt sind nun die Auswirkungen, die durch Lieferengpässe in den verschiedenen Fachrichtungen entstehen? „Der Umgang mit Lieferengpässen ist zum Alltag geworden“, sagt der Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Gastroenterologie der Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach, Prof. Dr. med. Ullrich Graeven, dem DÄ. „Die meiste Arbeit haben aber unsere Krankenhausapotheker. Sie sind beständig gefordert, Alternativen für Arzneimittel beziehungsweise für Dosierungseinheiten zu finden, für die es einen Lieferengpass gibt. Da es diese Alternativen in den meisten Fällen gibt, kommt das Problem bei uns nur selten an.“

„Für wirklich versorgungsrelevante Arzneimittel müssen gesonderte Vorgaben gelten.“ Ullrich Graeven, Hämatologe und Onkologe. Foto: privat
„Für wirklich versorgungsrelevante Arzneimittel müssen gesonderte Vorgaben gelten.“ Ullrich Graeven, Hämatologe und Onkologe. Foto: privat

Vielleicht einmal im Monat telefoniert er mit der Apotheke seines Hauses, weil ein Arzneimittel nicht lieferbar ist, das er benötigt. „Dann müssen wir die Therapie umstellen“, sagt Graeven, der auch Vorstandsmitglied der Deutschen Krebsgesellschaft ist. Vor Kurzem sei zum Beispiel Cytarabin nicht lieferbar gewesen, ein Zytostatikum zur Behandlung der akuten myeloischen Leukämie. Mittlerweile vergewissere er sich bei einem wichtigen Arzneimittel frühzeitig, ob es auch vorhanden ist, bevor er eine Behandlung plant. „Da geht es dann nicht mehr, das Arzneimittel zwei Tage vor dem Zeitpunkt zu bestellen, an dem wir es brauchen – so wie wir es früher gemacht haben“, sagt Graeven.

„In der Psychiatrie sind Lieferengpässe von Arzneimitteln kein Massenphänomen, aber sie können ein reales und durchaus ernst zu nehmendes Problem darstellen“, sagt Prof. Dr. med Tom Bschor dem DÄ. Bschor war von 2010 bis 2020 als Chefarzt in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Schlosspark-Klinik Charlottenburg in Berlin tätig. In der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) leitet er die Arbeitsgruppe „Arzneimitteltherapie in der Psychiatrie“. Sehr akut sei das Problem zum Beispiel bei Lithiumpräparaten, die in der Therapie bipolarer Störungen eingesetzt werden. „Nach und nach sind in den letzten Jahren diverse Lithiumpräparate vom Markt verschwunden“, erklärt Bschor. Dabei seien sie das Mittel der Wahl in der Therapie bipolarer Störungen – zum Beispiel, um Suizide zu verhindern. Für eine leitliniengerechte Versorgung müssten sie zum Einsatz kommen. Eine alternative Therapie gibt es nicht.

„Die Patienten sind verunsichert, wenn sie ein anderes Medikament einnehmen müssen.“ Anne Richter-Scheer, Allgemeinmedizinerin. Foto: Georg Lopata/axentis
„Die Patienten sind verunsichert, wenn sie ein anderes Medikament einnehmen müssen.“ Anne Richter-Scheer, Allgemeinmedizinerin. Foto: Georg Lopata/axentis

„Heute gibt es nur noch drei Präparate auf dem Markt“, erklärt Bschor. Ganz verschwunden seien jedoch bereits diverse Dosierungen. „Gerade bei Lithiumpräparaten benötigt man die Möglichkeit, fein dosieren zu können, damit der Blutspiegel nicht entgleitet“, sagt der Psychiater. „Heute müssen sich die Patienten ihre Dosis selbst zusammenbauen, zum Beispiel, indem sie ihre Tabletten dritteln.“

Eine Besonderheit bei Lithiumpräparaten ist Bschor zufolge, dass die Hersteller, die heute noch am Markt sind, einen Aufpreis auf den Festbetrag fordern, den die Patienten selbst bezahlen müssen – zusätzlich zu der vom GKV-Spitzenverband festgelegten Zuzahlung. „Weil es keine Alternativen für die Therapie gibt und weil die Lithiumpräparate so relevant für die Versorgung sind, bleibt den Patienten nichts anderes übrig, als den Aufpreis zu bezahlen“, sagt Bschor. Viele ärgerten sich darüber, andere seien in Sorge, weil es nur noch so wenige Hersteller ihres Arzneimittels gibt. „Nachdem sich schon verschiedene Hersteller vom Markt zurückgezogen haben, ist es natürlich denkbar, dass auch die verbliebenen die Produktion irgendwann einstellen“, meint Bschor. „Das wäre dann ein wirklich ernstes Problem für die Patienten.“

Anke Richter-Scheer arbeitet als niedergelassene Hausärztin in Bad Oeynhausen. Zudem ist sie die Erste Vorsitzende des Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe und Mitglied im Vorstand des Deutschen Hausärzteverbandes. „In den vergangenen Monaten kam es im hausärztlichen Bereich glücklicherweise nur sehr vereinzelt zu Lieferengpässen“, sagt sie dem . „Ein Medikament, das in den vergangenen Monaten schwierig zu bekommen war, ist Urapidil, ein Bluthochdrucksenker.“ Das mache die Versorgung der Patientinnen und Patienten spürbar komplizierter, denn gerade bei schwer einstellbarem Bluthochdruck gebe es nicht allzu viele Alternativen.

„Die Folge des Lieferengpasses ist, dass der Medikationsplan umgestellt werden muss“, sagt Richter-Scheer. Die Patienten seien häufig verunsichert, wenn sie auf einmal ein anderes Medikament einnehmen müssten, obwohl das alte gut gewirkt habe. Das gelte insbesondere, wenn durch die Medikamenteneinstellung symptomatische Beschwerden durch Bluthochdruckschwankungen auftreten. „Hier hilft dann meistens ein ausführliches Arzt-Patient-Gespräch, das dann aber natürlich auch viel Zeit kostet“, so Richter-Scheer.

Auch in der Intensivmedizin ist das Problem bekannt. „Es gibt immer mal wieder Lieferengpässe für einzelne Medikamente“, erklärt Prof. Dr. med. Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, gegenüber dem DÄ. „Eine Patientengefährdung ist mir deshalb aber nicht bewusst.“

Stärker als in der ärztlichen Versorgung treten die Folgen von Lieferengpässen in den Apotheken zutage. „Das Thema beschäftigt uns seit mindestens einem Jahrzehnt“, sagt Thomas Preis von der Alpha-Apotheke in Köln. „Und die Situation spitzt sich zu: Waren früher nur einzelne Arzneimittel betroffen, geht es heute in die Hunderte. Eine durchschnittliche Apotheke hat ungefähr 100 Defekte, also Positionen, die nicht lieferfähig sind. Das zu managen, kostet im Schnitt zehn Prozent der Arbeitszeit.“ Denn Lieferengpass bedeute meist vor allem eines: Diskussionen mit Patienten, Ärzten, Großhändlern und Kassen.

Unterschiedliche Ursachen

Die Ursachen der Lieferengpässe können dem BfArM zufolge unterschiedlich sein. „Häufig sind Produktionsprobleme der Auslöser für einen Lieferengpass, zum Beispiel, wenn Herstellungsprozesse umgestellt werden, aufgrund von Qualitätsproblemen Ware nicht freigegeben werden kann oder wegen einer gestiegenen Nachfrage die Kapazitäten erhöht werden müssen“, erklärt das Institut. „Vor allem, wenn beispielsweise für einen Wirkstoff oder ein Zwischenprodukt nur wenige Hersteller vorhanden sind, besteht ein erhöhtes Risiko, dass sich ein Lieferengpass zu einem Versorgungsengpass entwickeln kann.“

Von Lieferengpässen sind insbesondere Generika betroffen. Der Verband Pro Generika sieht eine Hauptursache für die Engpässe im Kostendruck, der seit Jahren in der Branche herrscht. Ein Instrument, das die Preise für Generika senkt, sind die Rabattverträge, die Krankenkassen in Deutschland mit den Herstellern abschließen – und die der gesetzlichen Krankenversicherung mittlerweile fünf Milliarden Euro an Einsparungen einbringen. „Die bisherige Vorgabe der Politik an die Krankenkassen ist: Nur wer alle anderen unterbietet, bekommt den Versorgungsauftrag“, sagte der Geschäftsführer des Verbandes, Bork Bretthauer, Ende April bei einem „Brennpunkt Onkologie“ der Deutschen Krebsgesellschaft. Keine Chance in den Ausschreibungen hätten hingegen Unternehmen, die in robuste Lieferketten investierten, einen zweiten Zulieferer unter Vertrag nähmen oder eine zweite Produktionsstätte betrieben.

„Bei den Generika ist das Hauptproblem, dass Vorprodukte und auch Endprodukte immer zentraler auf der Welt hergestellt werden“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR), Prof. Dr. rer. pol. Wolfgang Greiner, dem . „Wir mögen 40 verschiedene Generikamarken für einen Wirkstoff haben, aber wenn die Hälfte davon aus der gleichen Fabrik kommt oder ein wichtiges Vorprodukt aus nur zwei Bezugsquellen auf der Welt, dann ist der Markt sehr anfällig für Lieferschwierigkeiten.“

In einem Gutachten für Pro Generika hat der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Sarticon, Dr. jur. Martin Schwarz, die komplexen Lieferketten von Generika dargestellt (Grafik 1) – ebenso wie die Anfälligkeiten, denen das System ausgesetzt ist (Grafik 2). „Nach meiner Erfahrung sind Lieferengpässe Ereignisse, die sich selbst verstärken“, sagt Schwarz dem DÄ. „Wenn bei einem marktrelevanten Unternehmen ein Lieferengpass auftritt, müssen die anderen Marktteilnehmer dessen Mengen zusätzlich bedienen und bekommen in der Folge meist ebenfalls Lieferprobleme.“ Es dauere einige Zeit, bis sich der Markt wieder eingependelt habe, da die Vorlaufzeiten in der Arzneimittelproduktion beträchtlich seien: typischerweise vier bis neun Monate, teilweise über ein Jahr.

Beispiel Generikum: Tablette in fester Form
Grafik 1
Beispiel Generikum: Tablette in fester Form
Verschiedene Risiken können sich jederzeit und an verschiedenen Orten realisieren
Grafik 2
Verschiedene Risiken können sich jederzeit und an verschiedenen Orten realisieren

Auch bei Tamoxifen hat eine Marktverengung den Versorgungsengpass ausgelöst. Haben in den 1990er-Jahren noch 20 Unternehmen das Medikament produziert, sind es im Jahr 2022 noch sechs – wobei drei Unternehmen heute 96 Prozent des Marktes abdecken. Diese Firmen beziehen die Rohstoffe von wenigen Zulieferern, von denen sich Pro Generika zufolge vor Kurzem mehrere aus der Produktion zurückgezogen haben, da sie für sie wirtschaftlich nicht mehr darstellbar gewesen sei.

Geringer Preis

„Der Preis für generische Arzneimittel ist oft so gering, dass die Produktion zum Verlustgeschäft werden kann“, sagte Bretthauer beim „Brennpunkt Onkologie“. Das gelte selbst für lebenswichtige Generika wie Tamoxifen. „Die Hersteller von Tamoxifen erhalten für eine dreimonatige Versorgung der Patientinnen von den Krankenkassen einen Festbetrag von 8,80 Euro“, so Bretthauer. Und von diesem Preis seien die Preisnachlässe aus den Rabattverträgen noch gar nicht abgezogen. Kaum ein anderes europäisches Land gebe so wenig Geld für dieses Medikament aus. Deshalb habe der Versorgungsengpass auch insbesondere in Deutschland bestanden.

Aus Bretthauers Sicht sind die Arzneimittelpreise in Deutschland falsch aufgeteilt. „Generikahersteller stemmen fast 80 Prozent der Versorgung und verursachen dabei gut acht Prozent der Kosten, die die gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel aufwenden“, sagte er. „Im Jahr 2011 waren es noch gut 70 Prozent der Versorgung und mehr als 15 Prozent der Kosten.“ Die Schere zwischen Versorgung und Kosten gehe demnach immer weiter auseinander. Das könne auf Dauer nicht gut gehen. Die Politik müsse deshalb dafür sorgen, dass die Grundversorgung ausreichend finanziert sei.

Ein Ungleichgewicht bei den Preisen beschreibt auch der Vorsitzende der AkdÄ, Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig. Bei den patentgeschützten Arzneimitteln gebe es in der Onkologie derzeit eine Kostenexplosion, sagte er bei dem „Brennpunkt Onkologie“: „Die Preise gehen durch die Decke.“ Dabei korreliere der Preis in keiner Weise mit dem Nutzen des Präparats. Demgegenüber ist der Nutzen von Generika wie Tamoxifen seit Langem belegt.

Dichtes Engpassmanagement

Der Gesetzgeber hat in den vergangenen Jahren die Voraussetzungen für ein engmaschiges Engpassmanagement in Deutschland geschaffen. So wurde im Juli 2020 zum Beispiel ein Beirat beim BfArM gegründet, der in Zusammenarbeit mit allen relevanten Akteuren bei Bedarf zeitnah Maßnahmen zur Eindämmung eines Engpasses in die Wege leiten kann. Bei Tamoxifen hat ein anderer Hersteller in der Folge die Produktion des Medikaments vorgezogen, um den Engpass zu reduzieren.

Auf ein anderes Element des Engpassmanagements weist Apotheker Preis hin. „Für 90 Prozent der Arzneimittel gibt es Rabattverträge“, sagt er. „Wenn die laut Rabattvertrag abzugebenden Arzneimittel nicht lieferbar sind, fangen die Probleme an.“ Dann müsse man auf dem Rezept vermerken, dass man ein anderes als das Rabattarzneimittel abgibt, und hoffen, dass die Kasse das akzeptiert. Damit gehe ein großer Dokumentationsaufwand einher und die Apotheke laufe Gefahr, von der Kasse auf null retaxiert zu werden – dann erhält sie nicht einmal den Einkaufspreis des Präparats erstattet. In vielen Fällen müsse er den Austausch auch mit dem behandelnden Arzt abstimmen und gleichzeitig dem Patienten erklären, dass und warum er ein vermeintlich anderes Medikament erhält. Außerdem versuche er oft beim Großhandel herauszufinden, ob und wann das Arzneimittel wieder lieferfähig ist. „Zu oft müssen wir bei Lieferproblemen bei der Versorgung der Patienten auf weniger geeignete Präparate zurückgreifen“, sagt Preis. „Dazu gehören weniger geeignete Darreichungsformen oder andere Arzneistoffe.“

Spürbare Erleichterung habe dabei die SARS-CoV-2-Arzneimittelversorgungsverordnung gebracht. Zur Abfederung von Engpässen gibt es seit April 2020 die Möglichkeit, ein wirkstoffgleiches Arzneimittel abzugeben, falls das laut Rabattvertrag abzugebende Arzneimittel nicht lieferbar ist. „Wir haben in der Pandemie gute Erfahrungen mit diesen Regelungen gemacht, die dazu führen, dass wir Patienten schneller und unterbrechungsfreier versorgen können“, sagt Preis. „Allerdings sollen sie am 30. Juni auslaufen. Deshalb gehen wir davon aus, dass sich die Situation bald wieder zuspitzt.“

Oligopolistische Strukturen

Das Grundproblem der anfälligen Lieferketten ist durch ein funktionierendes Engpassmanagement jedoch nicht gelöst. Aus Sicht von Pro Generika ist es daher nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Versorgungsengpass in Deutschland entsteht. „Derzeit sind – Gott sei Dank – keine Versorgungsengpässe bei wichtigen Arzneimitteln absehbar“, sagt Bretthauer. „Trotzdem gibt es Medikamente, bei denen der Erstattungspreis so niedrig ist, dass sich oligopolistische Strukturen entwickelt haben. Hier führt der Ausfall eines dominierenden Herstellers fast automatisch zu einem Versorgungsengpass.“ Als Beispiel nennt er die Situation bei Paracetamol-Fiebersäften für Kindern: „Da gab es zuletzt nur noch zwei Hauptanbieter, von denen einer jetzt ausgestiegen ist – in einer Situation, in der es bereits Lieferengpässe gibt.“ Eine ähnliche Situation gebe es bei dem weit verbreiteten Narkotikum Propofol, das auch nur noch von zwei Anbietern vertrieben werde – zu einem ausgesprochen niedrigen Preis. „Pro Dosis bekommen die Hersteller nur einen Euro“, sagt Bretthauer und fordert: „Wir müssen die Strukturen ändern und den Kostendruck bei kritischen Arzneimitteln reduzieren.“ Dafür müssten die Rahmenbedingungen für die Rabattverträge geändert werden. „Es muss sich einfach die Logik ändern“, meint Bretthauer. „Nicht derjenige, der alle anderen unterbietet, sollte den Zuschlag erhalten. Sondern vielmehr derjenige, der in robuste Lieferketten und diversifizierte Produktion investiert.“

Um künftig Versorgungsengpässe von essenziellen Arzneimitteln zu verhindern, fordert der AkdÄ-Vorsitzende Ludwig, eine Liste zu erstellen, auf der alle versorgungsrelevanten Arzneimittel enthalten sind. Schon heute verfügt das BfArM über eine „Liste der versorgungsrelevanten Arzneimittel“, auf der auch Tamoxifen steht. Diese Liste sei jedoch zu umfangreich und daher nicht hilfreich, meint Ludwig. Notwendig sei eine Liste, die die Medikamente umfasse, die für die Versorgung wirklich relevant seien. Die Politik müsse dann sicherstellen, dass diese Arzneimittel zu jeder Zeit in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen.

Mehrere Bezugsquellen

Ullrich Graeven von den Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach befürwortet den Vorschlag. „Für wirklich versorgungsrelevante Arzneimittel müssen gesonderte Vorgaben gelten, zum Beispiel eine umfangreichere Bevorratung im Sinne einer Grundsicherung oder auch eine Preisgestaltung, die sicherstellt, dass das Präparat am Markt Bestand hat“, fordert er. „Zudem fordere die Deutsche Krebsgesellschaft ein Frühwarnsystem zur Abwendung von Versorgungsengpässen. Dabei müsse das BfArM zum Beispiel einen besseren Überblick darüber erhalten, wo Arzneimittelhersteller von wenigen Zulieferern oder Standorten abhängig seien.“

Sara Yvonne Brucker vom Universitätsklinikum Tübingen spricht sich zudem dafür aus, die wichtigsten Arzneimittel – zu denen sie auch Tamoxifen zählt – in Deutschland beziehungsweise in Europa herstellen zu können oder zumindest mehrere Bezugsquellen für sie zu haben. In jedem Fall dürfe die Preispolitik nicht dazu führen, dass Deutschland bei einem Lieferengpass als erstes Land nicht mehr beliefert werde.

Mit den Lieferengpässen von Arzneimitteln befasst sich zurzeit auch der SVR. Um Engpässe künftig zu vermeiden, müsse die gesamte Produktionskette in unterschiedlicher Weise eingebunden werden, sagt Greiner. „Wir brauchen zeitnahe Informationen von den Produktionsstandorten, wir brauchen dezentralere Lieferanten, gegebenenfalls auch neue Produktionsstätten in Europa.“ Gefragt seien aber auch Krankenhausapotheken, öffentliche Apotheken und Praxen, die sich bei wichtigen Arzneimitteln nicht auf Just-in-Time-Lieferungen verlassen dürften.

Für Tamoxifen ist der akute Versorgungsengpass mittlerweile vorüber. Er hat jedoch verdeutlicht, wie instabil das System der Arzneiversorgung sein kann. Leidtragende sind Menschen, deren Gesundheit von den betroffenen Arzneimitteln abhängt. „Die psychische Belastung der Tamoxifen-Patienten während des Versorgungsengpasses kann man sich kaum vorstellen“, resümierte Ludwig beim „Brennpunkt Onkologie“. „Es ist nicht zu akzeptieren, dass so etwas auftritt.“

Tobias Lau, Falk Osterloh

Beispiel Generikum: Tablette in fester Form
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