ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2022Kommerzialisierung: Der Druck ist enorm

POLITIK

Kommerzialisierung: Der Druck ist enorm

Osterloh, Falk; Blum, Matthias

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Mehr als 1 000 Ärztinnen und Ärzte haben sich an einer Umfrage des Deutschen Ärzteblatts zur Kommerzialisierung im Gesundheitswesen beteiligt. Im Ergebnis zeigt sich unter anderem: Fast jeder spürt den wirtschaftlichen Druck im System; junge Ärzte spüren ihn am meisten.

Foto: picture alliance/Westend61/Eva Blanco
Foto: picture alliance/Westend61/Eva Blanco

Dass eine gute Patientenversorgung nur möglich sein kann, wenn Ärztinnen und Ärzte die Therapie allein auf der Basis medizinischer Erkenntnisse festlegen können, dürfte jedem im deutschen Gesundheitswesen klar sein – zumindest in der Theorie. Im Alltag hingegen haben sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mehr und mehr ökonomische Zwänge ausgebreitet, die die ärztliche Arbeit mitbestimmen. Seit Jahren warnt die Bundesärztekammer vor den Auswirkungen der Kommerzialisierung auf die Arbeitsbedingungen von Ärztinnen und Ärzten – und damit zwangsläufig auch auf die Qualität der Patientenversorgung.

In der Ärzteschaft ist das Thema emotional stark aufgeladen. Viele Ärztinnen und Ärzte leiden unter dem wirtschaftlichen Druck, den sie jeden Tag spüren. Das haben die zahlreichen Leserbriefe gezeigt, die das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) in Reaktion auf einen Artikel erhalten hat, in dem unter anderem junge Ärztinnen und Ärzte die Folgen der Kommerzialisierung auf ihren Arbeitsalltag beschreiben (DÄ, 6/2022). Viele Mediziner haben sich zudem an einer Online-Umfrage des DÄ zu den Auswirkungen der Kommerzialisierung beteiligt. Aus den Antworten lässt sich ableiten, dass die Kommerzialisierung beträchtlichen Druck auf Ärztinnen und Ärzte ausübt, dass der Druck in den vergangenen fünf Jahren zugenommen hat und ärztliches Handeln negativ beeinflusst. So gaben zum Beispiel nur zwei Prozent der Teilnehmenden an, bei ihrem Handeln keinen wirtschaftlichen Druck zu empfinden. 18 Prozent erklärten hingegen, dass sich wirtschaftlicher Druck häufig negativ auf ihre ärztlichen Entscheidungen auswirke.

Grundsätzliche Trends

Dabei lassen sich aus den Antworten grundsätzliche Trends ableiten. So nehmen insbesondere jüngere Ärztinnen und Ärzte den wirtschaftlichen Druck in ihrem Alltag wahr. Je älter die Teilnehmenden sind, desto weniger stark spüren sie den Druck. Die Kommerzialisierung wird im Krankenhaus häufiger wahrgenommen als im ambulanten Bereich oder in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Und mehr Ärztinnen berichteten von den negativen Auswirkungen des wirtschaftlichen Drucks als ihre männlichen Kollegen. Zudem wird der Druck umso stärker empfunden, je höher die Wochenarbeitszeit ist.

An der Umfrage konnten Ärztinnen und Ärzte auf die Internetseite des teilnehmen. 1 046 machten von dieser Möglichkeit Gebrauch. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden beträgt 50 Jahre. 56,1 Prozent sind männlich, 43,5 Prozent weiblich und 0,4 Prozent divers. 48,9 Prozent der Teilnehmenden arbeiten in einem Krankenhaus, 39,6 Prozent in einer Praxis, 5,7 in einem MVZ, 1,2 Prozent im Öffentlichen Gesundheitsdienst, 0,5 Prozent in der Industrie und 4,1 Prozent in anderen Bereichen. 66,2 Prozent sind angestellt. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte beträgt 47 Stunden. Der durchschnittliche Anteil bürokratischer Tätigkeiten an der Arbeitszeit liegt bei 38 Prozent.

Der Frage „Nimmt wirtschaftlicher Druck wesentlichen Einfluss auf Ihre Zeit für die unmittelbare Patientenbehandlung?“ stimmten 88 Prozent der Teilnehmenden zu. Bei Klinikärztinnen und -ärzten lag der Anteil höher: bei 91 Prozent. Beschäftigte in Praxen stimmten der Frage zu 84 Prozent zu, Beschäftigte in MVZ zu 85 Prozent. Auffällig ist der Zusammenhang zwischen dem Alter und der Zustimmung zu der Frage: Ältere Ärztinnen und Ärzte stimmten seltener zu als jüngere (Grafik 1). Einen Zusammenhang gibt es zudem zwischen der Wochenarbeitszeit und dem empfundenen wirtschaftlichen Druck. Während 91 Prozent der Ärztinnen und Ärzte mit einer Wochenarbeitszeit von über 40 Stunden der Frage zustimmten, waren es 82 Prozent mit einer Wochenarbeitszeit von 20 bis 40 Stunden und 73 Prozent mit einer Wochenarbeitszeit von weniger als 20 Stunden (Grafik 2). Zudem stimmten der Frage mehr Ärztinnen zu (91 Prozent) als Ärzte (85 Prozent) – obwohl Ärztinnen häufiger in Teilzeit arbeiten: Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren 39 Prozent der Krankenhausärztinnen im Jahr 2020 teilzeitbeschäftigt, im Vergleich zu 18,3 Prozent der Krankenhausärzte.

„Nimmt wirtschaftlicher Druck wesentlichen Einfluss auf Ihre Zeit für die unmittelbare Patientenbehandlung?“
Grafik 1
„Nimmt wirtschaftlicher Druck wesentlichen Einfluss auf Ihre Zeit für die unmittelbare Patientenbehandlung?“
„Nimmt wirtschaftlicher Druck wesentlichen Einfluss auf Ihre Zeit für die unmittelbare Patientenbehandlung?“
Grafik 2
„Nimmt wirtschaftlicher Druck wesentlichen Einfluss auf Ihre Zeit für die unmittelbare Patientenbehandlung?“

Der Frage „Hat der wirtschaftliche Druck in den vergangenen fünf Jahren zugenommen?“ stimmten 90 Prozent der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte zu. Auch hier war die Zustimmung unter Klinikärzten mit 94 Prozent am höchsten. Bei MVZ-Ärzten lag sie bei 90 Prozent, bei ambulant tätigen Ärzten bei 86 Prozent. Die Wochenarbeitszeit steht auch bei dieser Frage im Zusammenhang mit der gegebenen Antwort. Ärztinnen und Ärzte mit einer Wochenarbeitszeit von über 40 Stunden stimmten der Frage zu 92 Prozent zu. Bei einer Wochenarbeitszeit zwischen 20 und 40 Stunden lag die Zustimmung bei 87 Prozent, bei einer Arbeitszeit von unter 20 Stunden pro Woche bei 82 Prozent. Ärztinnen bejahten die Fragen zu 94 Prozent, Ärzte zu 88 Prozent.

Auf die Frage: „Wie stark beeinflusst der wirtschaftliche Druck Ihr ärztliches Handeln in Ihrem beruflichen Alltag?“ standen vier Antwortmöglichkeiten zur Auswahl: von 1 (es besteht kein wirtschaftlicher Druck, der das ärztliche Handeln beeinflusst) bis 4 (es besteht ein starker wirtschaftlicher Druck, der das ärztliche Handeln beeinflusst). Nur zwei Prozent der Befragten gaben an, bei ihrem ärztlichen Handeln keinen wirtschaftlichen Druck zu empfinden. Knapp ein Drittel (31 Prozent) verspürt einen starken wirtschaftlichen Druck (Grafik 3). Auch hier lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Alter der Teilnehmenden und der Antwort feststellen. Altersgruppen bis 49 Jahre berichten am häufigsten von starkem Druck. Altersgruppen ab 50 Jahre am seltensten (Grafik 4).

„Wie stark beeinflusst der wirtschaftliche Druck Ihr ärztliches Handeln in Ihrem beruflichen Alltag?
Grafik 3
„Wie stark beeinflusst der wirtschaftliche Druck Ihr ärztliches Handeln in Ihrem beruflichen Alltag?
„Wie stark beeinflusst der wirtschaftliche Druck Ihr ärztliches Handeln in Ihrem beruflichen Alltag?“
Grafik 4
„Wie stark beeinflusst der wirtschaftliche Druck Ihr ärztliches Handeln in Ihrem beruflichen Alltag?“

Auf die Frage „Wie häufig wirkt sich die Kommerzialisierung negativ auf Ihre ärztliche Entscheidung aus?“ standen ebenfalls die Antwortkategorien 1 (niemals) bis 4 (häufig) zur Auswahl. Mit 45 Prozent gab der Großteil der Teilnehmenden an, dass sich die Kommerzialisierung selten negativ auf ihre ärztliche Entscheidung auswirke. Zehn Prozent berichteten, dass dies niemals und rund 18 Prozent, dass es häufig der Fall sei (Grafik 5). Dabei gaben acht Prozent der Krankenhausärzte an, die Kommerzialisierung wirke sich niemals negativ auf ihre ärztliche Entscheidung aus. Zwölf Prozent der Praxisärzte machten diese Angabe und 17 Prozent der MVZ-Ärzte (Grafik 6). Die Wochenarbeitszeit steht hier wiederum in einem Zusammenhang mit den negativen Auswirkungen der Kommerzialisierung auf ärztliche Entscheidungen: Je höher die Wochenarbeitszeit ist, desto eher spüren Ärztinnen und Ärzte negative Auswirkungen auf ihr Handeln.

„Wie häufig wirkt sich die Kommerzialisierung negativ auf Ihre ärztliche Entscheidung aus?“
Grafik 5
„Wie häufig wirkt sich die Kommerzialisierung negativ auf Ihre ärztliche Entscheidung aus?“
„Wie häufig wirkt sich die Kommerzialisierung negativ auf Ihre ärztliche Entscheidung aus?“
Grafik 6
„Wie häufig wirkt sich die Kommerzialisierung negativ auf Ihre ärztliche Entscheidung aus?“

Den Druck reduzieren

Die Auswirkungen der Kommerzialisierung auf die ärztliche Berufsausübung sind unübersehbar, wie die Ergebnisse dieser – und verschiedener anderer – Umfragen unter Ärztinnen und Ärzten zeigen. Sie wiegen umso schwerer, je weiter sich der demografische Wandel im Verlauf dieses Jahrzehnts vollziehen wird, sowohl in der Gesellschaft als auch in der Ärzteschaft selbst. Als einer der Treiber der Kommerzialisierung ist seit Langem die deutsche Ausgestaltung des DRG-Systems benannt, im Verbund mit der unzureichenden Investitionskostenfinanzierung der Bundesländer. Schon 2014 betonte der 117. Deutsche Ärztetag in Freiburg, dass die finanzielle Misere vieler Krankenhäuser, die die Grundlage des wirtschaftlichen Drucks auf die Ärzte ist, im Wesentlichen zwei Ursachen habe: die mangelnde Investitionsfinanzierung und das G-DRG-System, das zu einer Unterfinanzierung der Kliniken führe.

In diversen Reformen wurde die Krankenhausfinanzierung seither vom Gesetzgeber verändert. Den Mut und die Kraft, das Problem bei der Wurzel zu fassen, brachte die Politik darin nicht auf. Vor wenigen Tagen nun hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) die Mitglieder der Regierungskommission benannt, die die Krankenhausreform dieser Legislaturperiode auf streng wissenschaftlicher Basis vorbereiten soll. Ihre Aufgabe ist es unter anderem, Empfehlungen für eine Weiterentwicklung der Krankenhausfinanzierung vorzulegen, die das bisherige System um ein nach Versorgungsstufen differenziertes System erlösunabhängiger Vorhaltepauschalen ergänzt.

Die Basis einer guten Patientenversorgung ist es, Ärztinnen und Ärzte von wirtschaftlichem Druck zu befreien, damit sie ihre Patienten allein aufgrund medizinischer Erkenntnisse therapieren können. Selten stand eine Bundesregierung so in der Pflicht, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, wie heute. Falk Osterloh, Dr. rer. pol. Matthias Blum

„Nimmt wirtschaftlicher Druck wesentlichen Einfluss auf Ihre Zeit für die unmittelbare Patientenbehandlung?“
Grafik 1
„Nimmt wirtschaftlicher Druck wesentlichen Einfluss auf Ihre Zeit für die unmittelbare Patientenbehandlung?“
„Nimmt wirtschaftlicher Druck wesentlichen Einfluss auf Ihre Zeit für die unmittelbare Patientenbehandlung?“
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„Nimmt wirtschaftlicher Druck wesentlichen Einfluss auf Ihre Zeit für die unmittelbare Patientenbehandlung?“
„Wie stark beeinflusst der wirtschaftliche Druck Ihr ärztliches Handeln in Ihrem beruflichen Alltag?
Grafik 3
„Wie stark beeinflusst der wirtschaftliche Druck Ihr ärztliches Handeln in Ihrem beruflichen Alltag?
„Wie stark beeinflusst der wirtschaftliche Druck Ihr ärztliches Handeln in Ihrem beruflichen Alltag?“
Grafik 4
„Wie stark beeinflusst der wirtschaftliche Druck Ihr ärztliches Handeln in Ihrem beruflichen Alltag?“
„Wie häufig wirkt sich die Kommerzialisierung negativ auf Ihre ärztliche Entscheidung aus?“
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„Wie häufig wirkt sich die Kommerzialisierung negativ auf Ihre ärztliche Entscheidung aus?“
„Wie häufig wirkt sich die Kommerzialisierung negativ auf Ihre ärztliche Entscheidung aus?“
Grafik 6
„Wie häufig wirkt sich die Kommerzialisierung negativ auf Ihre ärztliche Entscheidung aus?“

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