ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2022Stationsapotheker: Die Medikation überprüfen

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Stationsapotheker: Die Medikation überprüfen

Lau, Tobias; Osterloh, Falk

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Seit Anfang des Jahres müssen niedersächsische Krankenhäuser Stationsapotheker beschäftigen, die die Arzneigabe in den Abteilungen prüfen. Eine erste Bilanz fällt positiv aus: Zwar müssen die Krankenhäuser die Kosten selbst tragen. Doch die Arzneimitteltherapiesicherheit erhöht sich.

Foto: Jacob Lund/stock.adobe.com
Foto: Jacob Lund/stock.adobe.com

Es war die wahrscheinlich größte Mordserie der bundesdeutschen Kriminalgeschichte: Zwischen 1999 und 2005 ermordete der Krankenpfleger Niels Högel mehr als hundert Patientinnen und Patienten aus niederen Beweggründen. Dabei setzte er Arzneimittel wie das Antiarrhythmikum Gilurytmal ein. Bei der juristischen und politischen Aufarbeitung seiner Taten stand die Frage im Mittelpunkt, wie eine solche Mordserie in deutschen Krankenhäusern möglich gewesen sein konnte.

Anfang 2015 setzte der Niedersächsische Landtag den Sonderausschuss „Stärkung der Patientensicherheit und des Patientenschutzes“ ein. Der Ausschuss sollte „die vorhandenen Kontrollmechanismen im Gesundheitswesen grundlegend kritisch durchleuchten“ und rechtspolitische Empfehlungen erarbeiten, mit denen die Patientensicherheit erhöht werden kann, wie das Niedersächsische Gesundheitsministerium gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) erklärt. Eine zentrale Erkenntnis war: „Die Krankenhausmorde in Delmenhorst und Oldenburg haben deutlich gemacht, dass eine mangelnde interdisziplinäre Kommunikation auf den Stationen die Arzneimitteltherapiesicherheit beeinträchtigen kann“, so das Ministerium.

Drei Jahre Vorlauf

„Wir bekommen regelmäßig Anrufe und werden angesprochen, wenn es Unklarheiten bei der Medikation gibt.“ Carina Helfst, Stationsapothekerin. Foto: privat
„Wir bekommen regelmäßig Anrufe und werden angesprochen, wenn es Unklarheiten bei der Medikation gibt.“ Carina Helfst, Stationsapothekerin. Foto: privat

Der Landtag griff die Empfehlungen in der Novelle des Niedersächsischen Krankenhausgesetzes (NKHG) auf, die Anfang 2019 in Kraft trat. Eine der Kernvorgaben lautete, dass alle Krankenhäuser des Landes ab dem 1. Januar 2022 mindestens eine Apothekerin oder einen Apotheker als Beratungsperson auf den Stationen einsetzen müssen. Drei Jahre Vorlauf also – so lange wie die Gebietsweiterbildung zum Fachapotheker für klinische Pharmazie dauert. „Unsere Aufgabe besteht in erster Linie darin, die Medikation der Patientinnen und Patienten auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zu überprüfen“, erklärt Carina Helfst, Stationsapothekerin am KRH Robert Koch Klinikum Gehrden, einem Krankenhaus mit neun Abteilungen und 349 Betten südöstlich von Hannover, gegenüber dem . „Dafür setzen wir uns meist mit den Ärztinnen und Ärzten zusammen und gehen die Medikation durch. Vormittags nehmen wir je nach Wunsch des Arztes auch an den Visiten teil.“ Das nehme mehr Zeit in Anspruch, aber hier könnten direkt Fragen zur Auswahl und Dosierung beantwortet werden, die sich insbesondere beim Neuansetzen von Medikamenten ergeben.

„Bei den neuen Patienten überprüfen wir grundsätzlich die gesamte Medikation mithilfe unserer elektronischen Patientenakte“, berichtet Helfst. „Das ist insbesondere bei geriatrischen Patienten wichtig, denen oft mehrere Arzneimittel verordnet wurden. Wenn uns Medikationsfehler auffallen, verständigen wir den zuständigen Arzt, der die Medikation dann anpasst.“

Teil des Teams

Und wie haben die Ärztinnen und Ärzte auf die Anwesenheit von Stationsapothekern reagiert? „Wir waren eines der ersten Krankenhäuser in Niedersachsen, das Stationsapotheker eingestellt hat“, erzählt Helfst. „Insofern haben sich die Ärztinnen und Ärzte an uns gewöhnt. Wir wurden offen aufgenommen und mittlerweile gehören wir auch richtig mit zum Team. Die Ärzte und Pflegekräfte schätzen unsere Arbeit sehr. Wir bekommen regelmäßig Anrufe und werden angesprochen, wenn es Unklarheiten bei der Medikation gibt.“

Helfst ist eine von mehreren Hundert Stationsapothekern, die in Niedersachsen bereits ihren Dienst tun. Wie viele es genau sind, ist derzeit noch unklar. „Der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft (NKG) liegen zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine detaillierten Zahlen zum Umsetzungsstand und damit zur tatsächlichen Anzahl der Stationsapotheker in den niedersächsischen Krankenhäusern vor“, teilt die NKG dem mit. Auch das Niedersächsische Gesundheitsministerium kennt die genaue Zahl nicht. „Aufgrund der mit der Bewältigung der Coronapandemie verbundenen hohen Belastung der Krankenhäuser wurde bisher davon abgesehen, die Krankenhäuser flächendeckend auf die Einhaltung der Rechtspflicht zum Einsatz von Stationsapothekerinnen oder Stationsapothekern zu überprüfen“, heißt es aus dem Ministerium. Aus der Überwachung der übrigen Rechtspflichten aus dem NKHG sei aber bekannt, dass in vielen Krankenhäusern bereits Stationsapothekerinnen und -apotheker eingesetzt wurden, bevor deren Einsatz rechtlich verpflichtend geworden ist.

Der Apothekerkammer Niedersachsen zufolge haben zum 31. Dezember des vergangenen Jahren 212 Apothekerinnen und Apotheker in Niedersachsen die Weiterbildung für klinische Pharmazie abgeschlossen. Weitere 131 befinden sich in der Regelweiterbildungszeit. Wie viele von ihnen als Stationsapotheker arbeiten, ist jedoch nicht klar. Zwar werde der Kammer neu eingestelltes Personal in Apotheken, also auch in Krankenhausapotheken, mitgeteilt. „Die Arbeitgeber sind jedoch nicht verpflichtet zu benennen, welche Aufgaben die Apotheker übernehmen werden“, erklärt eine Sprecherin der Apothekerkammer. Aus ersten Rückmeldungen wisse die Kammer jedoch, dass Apotheker auf Station bisher mehrheitlich in medikationsintensiven Bereichen wie der Chirurgie oder der Intensivstation eingesetzt werden. Hinzu kämen Bereiche mit kritischer Arzneimitteltherapie wie die Infektiologie, die Kardiologie oder die Geriatrie.

Auf Station seien sie zum größten Teil im Bereich des Antibiotic Stewardship, bei Kurvenvisiten und bei der Anamnese eingebunden. „Diese Tätigkeiten spiegeln die hohe Kompetenz auch für die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Klinik zusammen mit Mikrobiologen, Intensivmedizinern und Hygienefachkräften wider“, so die Sprecherin. Ein großer Teil der Krankenhaus- oder der krankenhausversorgenden Apotheken beschäftige schon seit mehr als zwei Jahren Stationsapothekerinnen und -apotheker, das gelte insbesondere für Krankenhäuser mit mehr als 500 Betten. Dennoch gibt es bis heute besonders von den Kliniken selbst Widerstand: „Aus Sicht der NKG ist die verbindliche Einführung von Stationsapothekern nach wie vor kritisch zu bewerten“, erklärt die Krankenhausgesellschaft. Denn mit der Verpflichtung sei der Gesetzgeber über das begrüßenswerte Ziel, die Patientensicherheit zu stärken, hinausgeschossen: Die Regelung habe eine einseitige Belastung der Betriebskosten der Krankenhäuser zur Folge. „Weder das Land noch der Bund stellen finanzielle Mittel zur Refinanzierung der Kosten infolge der gesetzlichen Vorgaben zur Verfügung“, beklagt die NKG. Auch die Verbände der Krankenkassen in Niedersachsen hätten sich diesbezüglich klar positioniert und eine Refinanzierung oder Beteiligung an den Kosten für die Stationsapotheker abgelehnt. Das sei bedauerlicherweise bis heute so.

Steigerung der Effizienz

Die Gesamtkosten für die Krankenhäuser seien nicht zu beziffern, da im Gesetz keine konkreten Vorgaben zur Anzahl der Stationsapotheker je Krankenhaus gemacht werden. Die Niedersächsische Landesregierung sei bei der Erarbeitung des Gesetzentwurfs aber von 60 000 Euro pro Stationsapotheker ausgegangen, erklärt das Gesundheitsministerium. Der Kritik der NKG kann es nicht folgen. „Die Kosten der Stationsapothekerin oder des Stationsapothekers sind Teil der betriebsnotwendigen Kosten eines Krankenhauses und tragen unmittelbar zu einer Steigerung der Kosteneffizienz bei“, meint das Ministerium. So würden Stationsapotheker beispielsweise die Kostenkontrolle erhöhen, indem sie die individuelle Therapie dahingehend optimieren, Wechselwirkungen zu vermieden und Arzneimittel effizienter einzusetzen. Auch die NKG will die Kritik an der fehlenden Kostenerstattung nicht als Kritik am System an sich verstanden wissen. „Die Krankenhäuser in Niedersachsen werden alles in ihrer Macht Stehende tun, um gesetzliche Vorgaben einzuhalten“, betont sie. „Wie das unter den anhaltend schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gelingt, ist weiter zu beobachten.“ Tobias Lau, Falk Osterloh

Das Interview mit Carina Helfst im Internet: http://daebl.de/WK41 oder über QR-Code

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