ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2022Organspende: Nebendiagnose Corona

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Organspende: Nebendiagnose Corona

Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: Science Photo Library/Will & Deni McIntyre
Foto: Science Photo Library/Will & Deni McIntyre

Unter welchen Umständen Organe von SARS-CoV-2-positiven postmortalen Organspendern akzeptiert werden können, stellt die Bundesärztekammer in ihren aktuellen Empfehlungen klar.

Dass Deutschland nun doch im Verlauf der Pandemie einen starken Einbruch der Organspendezahlen zu verzeichnen hat, ist ein herber Schlag für die Transplantationsmedizin und erregt bei vielen Menschen Besorgnis. Die Anzahl der postmortalen Organspender sank im ersten Quartal dieses Jahres um fast 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (Grafik 1). „Vor dem Hintergrund, dass jedes einzelne Organ zählt und Leben retten kann, ist das eine dramatische Entwicklung für die rund 8 500 Patienten auf den Wartelisten“, bestätigt Dr. med. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Postmortale Organspender in Deutschland
Grafik 1
Postmortale Organspender in Deutschland

Zwar zeichne sich in den letzten Wochen eine leichte Entspannung ab, doch generell sei nicht mit einem baldigen Ende der SARS-CoV-2-Infektionen zu rechnen. „Wir müssen lernen, mit den Infektionen und auch mit SARS-CoV-2-positiven potenziellen Spenderinnen und Spendern umzugehen“, betont er. Im April seien beispielsweise zehn von 55 Organspendern in Deutschland positiv getestet worden, also 18 Prozent. Angesichts der Mutationshäufigkeit des Coronavirus seien zudem neue Virusvarianten und damit auch künftig vermehrt potenzielle Organspender mit der Nebendiagnose Corona zu erwarten.

Keine Kontraindikation

Eine gute Nachricht jedoch ist: Mittlerweile gibt es ermutigende internationale Forschungsergebnisse, die zeigen, dass ein positiver SARS-CoV-2-Nachweis bei Organspenderinnen und Organspendern alleine keine Kontraindikation zur Organspende ist. „Ein positiver SARS-CoV-2-Test bei einem potenziellen Spender schließt eine Meldung an die DSO nicht aus. Um dann die Organspenden tatsächlich zu realisieren, sind jedoch eine gute Spendercharakterisierung und Befundinterpretation sowie eine Risikoabwägung notwendig“, erläutert Rahmel.

Um diese zu gewährleisten, hat sich die Bundesärztekammer (BÄK) in den letzten Wochen ausführlich mit dieser Thematik beschäftigt. Sie erarbeitete in enger Absprache mit der Deutschen Transplantationsgesellschaft und der DSO detaillierte Empfehlungen zum Umgang mit Organen potenzieller Spender, die positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Die Empfehlungen, die den rechts- und regelkonformen Handlungsspielraum für die Organspende, die Organvermittlung und die Transplantation beschreiben, wurden Ende April von der BÄK beschlossen und jetzt veröffentlicht.

Dabei beruft sich die BÄK auf die aktuelle Studienlage. Dass Spenderorgane replikationsfähige Viren enthalten, werde aus den USA berichtet: In drei beschriebenen Fällen sei es zu einer Übertragung einer SARS-CoV-2-Infektion vom Spender auf den Empfänger im Rahmen einer Lungentransplantation gekommen. Bei allen anderen Organen seien bislang zwar keine gesicherten Übertragungen festgestellt worden. Eine abschließende Beurteilung der Sicherheit der Transplantation von Organen von SARS-CoV-2-positiven Spendern in Bezug auf eine Übertragung der Infektionen und einen möglichen Einfluss auf die Qualität der Spenderorgane sei jedoch nach aktueller Datenlage noch nicht möglich. Daten zum Langzeitverlauf nach der Transplantation stünden bislang noch aus.

Im Einzelfall entscheiden

„Nach allem, was wir aus den Erfahrungen der letzten Zeit wissen, ist jedoch das Risiko einer unmittelbaren Übertragung der Infektion vom Spender auf den Empfänger durch eine Transplantation wohl als äußerst gering einzuschätzen“, erläutert Dr. med. Günther Matheis, Vizepräsident der BÄK und Präsident der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz, dem Deutschen Ärzteblatt. Den Transplantationsbeauftragten in den Kliniken empfiehlt er, die Kolleginnen und Kollegen in ihren Häusern anhand der BÄK-Empfehlungen dafür zu sensibilisieren, unter welchen – auch schwierigen – Bedingungen eine Organspende im Einzelfall immer noch möglich ist und infrage kommt. „Und das funktioniert am besten Hand in Hand mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation“, meint er.

Für diese sind die neuen Empfehlungen der Bundesärztekammer eine „gute Grundlage für den Entscheidungsprozess“. „Obwohl es sich letztlich um Einzelfallentscheidungen handelt, brauchen die Zentren dazu eine Hilfe an die Hand“, erläutert Rahmel. „Menschen, die an COVID-19 akut verstorben sind, stellen ein erhöhtes Infektionsrisiko dar und sollten nur im Einzelfall als Organspender erwogen werden.“ Hingegen sei eine vollständige Grundimmunisierung mit Boosterung ein protektiver Faktor in Bezug auf Organschäden beim Spender und das Risiko einer Infektionsübertragung auf die Empfänger.

„Generell gilt: Der SARS-CoV-2-Test sollte so aktuell wie möglich sein. Eine frische SARS-CoV-2-Infektion mit hoher Viruslast gilt als Risikofaktor“, erläutert der DSO-Vorstand. Hinweise darauf könnte ein rasch abfallender CT-Wert liefern. Der Nachweis von Anti-Nukleokapsid-Antikörpern spreche dagegen bei gleichzeitig niedriger Viruslast eher für eine im Abklingen befindliche/überstandene Virusinfektion. „Bei nachgewiesener COVID-19-Infektion stellt die Transplantation der Spenderlungen nach den internationalen Erfahrungen ein Risiko dar und ist daher in der Regel nicht empfohlen. Bei allen anderen potenziellen Transplantationen von Organen von SARS-CoV-2-positiven Organspendern ist die Einwilligung der jeweiligen Empfänger einzuholen, mit denen die möglichen Risiken und die derzeit noch unzureichende Datenlage ausführlich zu besprechen ist“, betont der DSO-Vorstand.

Weiterhin Forschungsbedarf

Die Akzeptanz eines Spenderorgans von SARS-CoV-2-positiven Spendern erfolge schließlich als Einzelfallentscheidung in der individuellen Situation. Zudem sei in jedem Fall eine Nachbeobachtung der Organempfänger in Bezug auf SARS-CoV-2 beziehungsweise COVID-19 erforderlich. „Letztlich ist das real existierende Risiko einer direkten Übertragung vom Spender auf den Empfänger noch unklar“, so Rahmel. Hier müsse engmaschig evaluiert werden und es bestünde weiterhin Forschungsbedarf.

Dass die Organspendezahlen schon bald wieder zumindest das gewohnte Niveau erreichen, hoffen sowohl Rahmel als auch Matheis. Natürlich gebe es keine Patentrezepte, sagt der BÄK-Vizepräsident. „Aber zwei Dinge scheinen mir evident: Erstens sollten wir nicht den Fehler machen, von der Organspende einiger SARS-CoV-2-positiver Spender allein eine deutliche Verbesserung der Organspendezahlen à la longue zu erwarten.“ Zweitens habe sich in der Pandemie bestätigt, dass die Organspende und -transplantation in den Häusern mit den jeweiligen strukturellen Voraussetzungen stehe und falle, insbesondere mit einer ausreichenden Personaldecke. Die vielen pandemiebedingten Personalausfälle hätten die Problematik nochmals deutlich verschärft. „Wir können auf lange Sicht nur erfolgreich sein, wenn wir die gesetzlichen Neuerungen und die Maßnahmen des Gemeinschaftlichen Initiativplans konsequent umsetzen“, betont Matheis.

Tatsächlich habe die Pandemie im ersten Quartal dieses Jahres die Situation in den Krankenhäusern beeinflusst, bestätigt Prof. Dr. med. Felix Braun, Leiter der Klinischen Transplantationsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, und Federführender der Arbeitsgruppe „Transplantationsbeauftragter“ der Bundesärztekammer, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Neben der Betreuung von COVID-Patienten mussten insbesondere Personalausfälle kompensiert werden.“ Die Achtsamkeit für potenzielle Organspender sei jedoch nicht gefährdet gewesen. „Die Anzahl der organspendebezogenen Kontakte war in den vergangenen Monaten unverändert.“ (Grafik 2)

Organspendebezogene Kontakte in Deutschland
Grafik 2
Organspendebezogene Kontakte in Deutschland

Chance für die neuen Gesetze

„Die Angst, COVID bei einer Organtransplantation zu übertragen, hat jedoch einer Handlungsempfehlung bedurft“, erläutert Braun. Es sei gut, dass die aktuellen Empfehlungen der BÄK nun aufzeigten, wie mit den unterschiedlichen Möglichkeiten des COVID-Status umzugehen sei. „Eine ablehnende Haltung gegenüber einer Organspende kann gegenwärtig auch Ausdruck der insgesamt sehr belastenden Situation einer intensivmedizinischen Krankenhausbehandlung in der COVID-Pandemie sein“, erklärt der Transplantationsmediziner. „Diesbezüglich möchte ich den Maßnahmen des Gesetzes zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft zur Organspende erst einmal eine Chance geben.“ Die Hausärztinnen und Hausärzte hätten nochmals viel Vertrauen in der Pandemie gewonnen. „Wenn sie ab diesem Jahr regelmäßig das Thema Organspende anstoßen, hoffe ich auf einen positiven Effekt“, so Braun. Zudem bestünde demnächst die Möglichkeit, die persönliche Entscheidung zur Organspende in einem Register zu hinterlegen. „Diese Maßnahme könnte erheblich zur Entlastung der Angehörigen und des Krankenhauspersonals beitragen.“

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Die Empfehlungen im Internet:
http://daebl.de/KB33
oder über QR-Code.

Postmortale Organspender in Deutschland
Grafik 1
Postmortale Organspender in Deutschland
Organspendebezogene Kontakte in Deutschland
Grafik 2
Organspendebezogene Kontakte in Deutschland

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