ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2022Öffentlicher Gesundheitsdienst: Der lange Weg zur Digitalisierung

THEMEN DER ZEIT

Öffentlicher Gesundheitsdienst: Der lange Weg zur Digitalisierung

Yavuz, Mesut; Savaskan, Nicolai

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die immense Bedeutung eines leistungsfähigen Öffentlichen Gesundheitsdienstes zeigte sich im Zuge der Coronapandemie deutlich. Ebenso deutlich traten jedoch strukturelle Schwächen im Bereich der Digitalisierung zutage. Abhilfe soll unter anderem der ÖGD-Pakt schaffen.

Foto: VectorFusionArt/iStock
Foto: VectorFusionArt/iStock

Nach über zwei Jahren COVID-19-Pandemie stehen die Gesundheitsämter immer noch vor den gleichen Herausforderungen des Datenmanagements wie vor der Pandemie. Allgemein sind Behörden, Ämter und öffentliche Institutionen digital weit von den allgemeinen Standards ihrer Bürger entfernt und die Organisations- und Effizienzstrukturen in ihrer Reife muten zeitlich überkommen an.

Auch die Bemühungen des Bundes im Rahmen des Onlinezugangsgesetzes (OZG) sowie mit dem Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD-Pakt), mit welchem den 383 Gesundheitsämtern 800 Millionen Euro zur Digitalisierung ihrer Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden sollen, entfaltet noch nicht die gewünschte Wirkung. Warum?

Es zeigt sich ein großes Missverständnis bei der Begrifflichkeit Digitalisierung der Infrastruktur in den Verwaltungen. Ist die Einführung von Smartphones oder Whiteboards für Beschäftigte der öffentlichen Verwaltung schon Digitalisierung oder wo beginnt digitale Infrastruktur tatsächlich? Der Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst jedenfalls stellt einer Investition voran, dass ein Reifegradmodell zur Ermittlung der digitalen Reife von Gesundheitsämtern zuallererst vorliegen muss. Die ohnehin schon
unter hoher Belastung stehenden Gesundheitsämter haben für die digitalen Grundlagen bisher kein Fachpersonal gehabt, während die kommunalen IT-Strukturen wiederum nicht so tief in die jeweiligen Fachämter blicken können. Mit dieser Überforderung startet die Mittelabrufung von deutschlandweit rund 420 Millionen Euro mit einer erst kürzlich festgelegten und sehr knappen Antragsfrist sowie komplizierten Antragsmodalitäten.

So hat das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) als Antragsstandards zwei Tracks definiert: Mittelabrufungen via koordinierter Landesmaßnahmen oder länderübergreifende Ein-Land-für-alle- (ELFA-)Maßnahmen. Und bis zum 3. Juni müssen zwischen den Ländern abgestimmte sogenannte Maßnahmesteckbriefe eingereicht sein.

Eine digitale Infrastruktur zwischen den Ländern in weniger als fünf Wochen abzustimmen ist sportlich. Warum diese Kompetition ein Mehr an digitalem Nutzen bringen soll, erschließt sich aus dem Förderaufruf erst einmal nicht. Nichtsdestotrotz stellt die Mittelbereitstellung einen guten Schritt raus aus der papierenen
Akte und eine Möglichkeit dar, digitale Infrastruktur über die reine Endgerätebetrachtung hinaus zu denken. Mit einer Standortbestimmung wird in den Gesundheitsämtern klar, von wo aus digital gestartet werden muss.

Vor Digitalisierung der Ämter Ziele definieren

Viele öffentliche Institutionen stehen vor der Wie-Frage in Bezug auf die konkrete Umsetzung der Modernisierung und Digitalisierung ihrer Verhältnisse. Ein klassischer Prozesspfad sieht mehrere Etappen vor (Grafik 1).

Der Prozesspfad der ÖGD-Digitalisierung
Grafik 1
Der Prozesspfad der ÖGD-Digitalisierung

Im ersten Schritt müssen die Behörden und Ämter genau überlegen, welche Ziele sie in Bezug auf die Digitalisierung anstreben und im Rahmen dessen die Chancen mit den Risiken vergleichen. Im nächsten Schritt gilt es, die erfassten Chancen und Risiken aufzulisten und Maßnahmen zu definieren, um die Risiken zu minimieren und die Chancen bestmöglich zu nutzen. Anschließend gilt es, die Ziele und Vorstellungen den politisch Verantwortlichen mitzuteilen, sie fachlich zu instruieren und hierbei die finanzielle und konzeptionelle Unterstützung abzusichern. Ohne die Zusicherung der politischen Unterstützung scheitert jede sonst so gute Idee.

Zur operativen Umsetzung der Maßnahmen sollten die Ämter und Behörden eigene Teams aufstellen und eine sogenannte „Arbeitsgruppe Digitalisierung“ einführen (Grafik 1). Hierzu sollte das Team repräsentativ für das jeweilige Amt aufgestellt sein, damit alle fachlichen Bedürfnisse und Anforderungen mit in die Digitalisierungsbestrebungen einbezogen werden können. In agilen Prozessen sollten sich hier die Teilnehmer in immer wiederkehrenden Zyklen treffen, die bevorstehenden Themen und Anforderungen besprechen sowie Aufgaben verteilen. Vorteile einer solchen amtsinternen AG Digitalisierung wären:

  • die digitale Befähigung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
  • eine Umsetzung von dedizierten Lösungen für das eigene Amt,
  • die Identifikation der Mitarbeitenden mit den Digitalisierungsmaßnahmen,
  • eine stärkere Orientierung an der Fachlichkeit der User.

Der Föderalismus und der fehlende Austausch unter den Gesundheitsämtern sorgten bisher dafür, dass Behörden und Länder für die gleichen Lösungen und Entwicklungen unabhängig voneinander Steuergelder und Ressourcen aufwendeten, ohne sich untereinander abgestimmt zu haben und voneinander zu wissen.

Um diese Insellösungen ohne Schnittstellenanbindungen künftig zu vermeiden, gilt es, den Austausch kommunal und bundesweit zu stärken – bestenfalls durch Bildung einer bundesweiten Open Digitalization Community. Dabei gilt es, sich, nach dem „Public Money, Public Code“-Prinzip, auf eine Open-Data- sowie eine Open-Source-Strategie zu einigen (Grafik 2).

Aufteilung der Digitalisierung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes
Grafik 2
Aufteilung der Digitalisierung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes

Im nächsten Schritt müssten Einigungen erzielt werden in Bezug auf:

  • Wer koordiniert und organisiert die Community?
  • Gemeinsame Kollaborationsplattformen
  • Basisarchitektur und die Technologie, auf der die digitalisierten Module abgebildet werden sollen.
  • Aufgaben- und Themenverteilung
  • Gemeinsame Schnittstellenstandards zur Integration der Entwicklungen auf der Basisplattform
  • Projektpläne und Roadmaps für übergreifende Projekte
  • Ausgewogenheit der Ressourcen

Alle Beteiligten möglichst früh einbinden

Um dabei nicht – wie bisher gewohnt – an Datenschützern, Personalvertretungen und den organisatorischen und rechtlichen Gegebenheiten zu scheitern, gilt es, diese Beteiligten schon in der Projektierungsphase mitzunehmen und sie immer wieder bei Entwicklungen einzubinden. Möglichst bereits bei der Erstellung der Machbarkeitsstudie mit den beinhalteten Soll-Prozessen sollten die Beteiligten informiert und um Feedback gebeten werden. Das bisherige „vor vollendete Tatsachen stellen“ hat im öffentlichen Gesundheitsdienst keine positiven Erfahrungen erzeugen können.

Die Umsetzung bedarf im eigenen Amt oder in der eigenen Kommune beziehungsweise Land einer den Bedürfnissen gewidmeten Planung. Hierzu gehört es auch, sich Wissen im Bereich Projekt- und Prozessmanagement anzueignen und die Mitarbeitenden der Gesundheitsämter darin zu schulen. Der Einsatz moderner und agiler Projektierungsmethoden sollte nicht nur ein Standard in Start-ups und modern aufgestellten Unternehmen sein, sondern auch in Behörden Eingang in die Normalität finden. Vorzugsweise sollte ein behördeneigener IT-Koordinator mit Prozess- und Projekterfahrung nachhaltig in die Organisation installiert werden. Dieser Koordinator sollte in der Lage sein, die internen Bedürfnisse (Requirements) sowohl fachlich als auch technisch an die Umsetzungspartner, beispielsweise Programmierer oder IT-Dienstleister, zu übersetzen. Hierbei ist es wichtig, das Gehaltsniveau dieser Positionen auf die Gegebenheiten des freien Marktes anzupassen – das derzeitige Gehaltslevel im öffentlichen Dienst ist für IT- und technikaffine sowie qualifizierte Fachkräfte schlichtweg zu uninteressant.

Basierend auf dem Projektplan zur Digitalisierung können die Maßnahmen in die Umsetzung gebracht werden. Mitarbeitende sollten in enger Kommunikation mit der Community, den Beteiligten, den Datenschützern und den Dienstleistern die Einhaltung der Projektziele nachverfolgen und bei eventuellen Abweichungen steuernd einwirken.

Nach erfolgreicher Erstellung von Prototypen und Testungen durch die Mitarbeitenden kann das Ergebnis der Community zur Nutzung, Skalierung und Weiterentwicklung auf einer Open-Source-Plattform zur Verfügung gestellt werden (Grafik 2).

Neue Digitalisierungsstrategie könnte Verbesserungen bringen

Die Digitalisierung ist ein sich stetig in Veränderung befindlicher Prozess (technischer Lifecycle). Diesen agilen Prozess sollten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer mitgestalten. Durch intelligente Vernetzung, gemeinsame Zielvorstellungen und gemeinschaftliche Umsetzungspläne kann im Öffentlichen Gesundheitsdienst eine digitale Transformation nach dem Vorbild der Privatwirtschaft gestaltet und für die Bürgerinnen und Bürger ein echter Mehrwert geschaffen werden.

Die Ziele des Onlinezugangsgesetzes (OZG) werden wahrscheinlich nicht fristgerecht erreicht werden, dennoch muss jetzt geschickt und durchdacht gehandelt werden. Die Ankündigung des Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD), seitens der Politik eine neue Digitalisierungsstrategie einzuführen, macht Hoffnung und erzeugt Optimismus. Zu hoffen bleibt nur, dass dabei die Antragsregeln transparenter, die Fristen weniger knapp und die Hürden für die Umsetzung für Gesundheitsbehörden überwindbar sind.

  • Zitierweise dieses Beitrags: Dtsch Arztebl 2022; 119(20): A 908–10

Anschrift der Verfasser:
Dr. med. habil. Nicolai Savaskan
Gesundheitsamt Neukölln (GANK)
Blaschkoallee 32
12359 Berlin
Nicolai.Savaskan@bezirksamt-neukoelln.de

Gesundheitsamt Berlin-Neukölln: Dr. med. habil. Savaskan
YES-Automation: Yavuz
Der Prozesspfad der ÖGD-Digitalisierung
Grafik 1
Der Prozesspfad der ÖGD-Digitalisierung
Aufteilung der Digitalisierung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes
Grafik 2
Aufteilung der Digitalisierung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote