ArchivDeutsches ÄrzteblattOnlineFirst/2022Einstellungen zur Corona-Schutzimpfung
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Medizinisches und pflegerisches Personal hat durch seinen engen Kontakt mit Patientinnen und Patienten ein höheres Risiko, sich selbst und andere mit dem Corona-Virus zu infizieren. Die Impfung ist daher für den eigenen und den Schutz der Patienten – insbesondere solchen aus vulnerablen Gruppen – essenziell. In Deutschland ist die einrichtungsbezogene Impfpflicht am 16.03.2022 in Kraft getreten. Wir haben untersucht, ob und inwieweit sich die Einstellungen zur Corona-Schutzimpfung von denen der Allgemeinbevölkerung unterscheiden und welche möglichen Handlungsempfehlungen sich daraus ableiten lassen.

Methode

Vom 09.07.–05.08.2021 hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in ihrer CoSiD-Studie deutschlandweit die Allgemeinbevölkerung (per computergestützten Web-Interviews [CAWI] und computergestützten Telefon-Interviews [CATI]) sowie medizinisches und pflegerisches Personal (n = 506) mit Patientenkontakt im ambulanten und stationären Bereich [per CAWI] befragt. Hierbei handelte es sich um eine per Screening vorselektierte Zufallsauswahl eines aktiv rekrutierten Online-Access-Panels, die nach Beruf und Tätigkeitsbereich repräsentativ gewichtet wurde. Befragt wurden 29 % examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerinnen/-pfleger, 13 % medizinische Fachangestellte und Arzthelferinnen/-helfer, 11 % examinierte Altenpflegerinnen/-pfleger, 9 % Ärztinnen und Ärzte sowie Sonstige (wie Personal im Rettungsdienst). Die Einstellungen zur Corona-Schutzimpfung wurden basierend auf dem 5C-Modell (1) erhoben, das fünf psychologische Beweggründe für oder gegen eine Impfung beschreibt (Tabelle 1). Unter Berücksichtigung des Impfstatus wurde das medizinische und pflegerische Personal verglichen mit der nicht medizinisch oder pflegerisch tätigen Allgemeinbevölkerung unter 66 Jahren (n = 1 505). Unterschiede zwischen dem ungeimpften medizinischen und pflegerischen Personal als Referenzgruppe und den drei anderen Gruppen wurden anhand linearer Regressionen für komplexe Stichproben ermittelt und für Alter, Bildung und Geschlecht kontrolliert (Tabelle 2). Wegen der Berechnungen mehrerer Regressionen mit derselben Stichprobe wurde zur Identifikation von Unterschieden konservativ das 99-%-Konfidenzintervall gewählt.

Deskriptive Mittelwerte mit 99-%-KI zur Zustimmung der betrachteten Bevölkerungsgruppen zu Aussagen zur Corona-Schutzimpfung
Tabelle 1
Deskriptive Mittelwerte mit 99-%-KI zur Zustimmung der betrachteten Bevölkerungsgruppen zu Aussagen zur Corona-Schutzimpfung
Vergleich der Einstellungen zur Corona-Schutzimpfung zwischen den betrachteten Bevölkerungsgruppen
Tabelle 2
Vergleich der Einstellungen zur Corona-Schutzimpfung zwischen den betrachteten Bevölkerungsgruppen

Ergebnisse

82 % des medizinischen und pflegerischen Personals waren zum Befragungszeitpunkt mindestens einmal geimpft (40 von 44 befragten Ärztinnen und Ärzten). 76 % waren zweifach geimpft. In der Allgemeinbevölkerung war die Impfquote ähnlich hoch (81 % mindestens einmal Geimpfte, 64 % zweimal Geimpfte). In der Allgemeinbevölkerung und beim medizinischen und pflegerischen Personal hatten ungeimpfte Menschen deutlich negativere Einstellungen zur Corona-Schutzimpfung als geimpfte. Medizinisches und pflegerisches Personal schätzte unabhängig vom Impfstatus den Aufwand, eine Impfung zu erhalten, als geringer ein, als die Allgemeinbevölkerung (Tabellen 1 und 2). Die Einstellungen des ungeimpften medizinischen und pflegerischen Personals waren etwas kritischer als die der ungeimpften Allgemeinbevölkerung: Sie hatten stärkere Bedenken bezüglich Sicherheit und Wirksamkeit der Corona-Schutzimpfung, weniger Vertrauen in Entscheidungen staatlicher Behörden und sahen das Impfen weniger als Gemeinschaftsaufgabe (auch nach Kontrolle des Zusammenhangs niedrigerer Bildung mit einer kritischeren Einstellung). Dass die Corona-Schutzimpfung überflüssig sei und Corona keine große Bedrohung darstelle, meinten das ungeimpfte medizinische und pflegerische Personal sowie die ungeimpfte Allgemeinbevölkerung gleichermaßen (Tabellen 1 und 2).

Diskussion

Die Impfquoten unserer Befragung liegen auf einem höheren Niveau als in den damaligen offiziellen Meldestatistiken. Möglicherweise nehmen eher Personen mit einer positiven Einstellung zum Impfen an Befragungen teil. Dennoch eignen sich die Ergebnisse für den Vergleich geimpfter und ungeimpfter Menschen. Wenig überraschend äußerten Ungeimpfte eine deutlich kritischere Einstellung als Geimpfte, aber ungeimpftes medizinisches und pflegerisches Personal war kritischer als die ungeimpfte Allgemeinbevölkerung. Dieser Gruppenunterschied ist allerdings gering und könnte zum Teil auch auf die unterschiedlichen Befragungsmodi zurückgeführt werden. Insgesamt zeigt sich ein Bedarf für spezifische Maßnahmen, um ungeimpftes medizinisches und pflegerisches Personal vom Nutzen einer Impfung zu überzeugen. Eine Impfpflicht allein könnte eine Reaktanz bewirken und die Absicht verringern, sich an weitere Schutzmaßnahmen zu halten (2). Es ist wichtig, die Bedenken des ungeimpften medizinischen und pflegerischen Personals zu entkräften, weil diese Personengruppe allgemein als vertrauenswürdige Informationsquelle angesehen wird (3) und eine negative Einstellung ihrerseits das Vertrauen der Allgemeinbevölkerung in die Impfung schwächen könnte (4). Da mehr als die Hälfte des medizinischen und pflegerischen Personals Informationen zur Impfung aus dem kollegialen Umfeld beziehen (5), bietet es sich an, ihre Bedenken im Arbeitskontext zu diskutieren. Dazu sollten Führungskräfte und andere Vertrauenspersonen – neben dem Angebot an Informationen – Raum für persönliche Gespräche schaffen, in denen sie Fragen beanworten, die Notwendigkeit der Impfung transparent erläutern und zur Impfung motivieren.

Carolin Muschalik, Boris Orth, Christina Merkel, Ursula von Rüden, Freia de Bock

Interessenkonflikt
Die Autorinnen und der Autor erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 24.02.2022, revidierte Fassung angenommen: 14.04.2022

Zitierweise
Muschalik C, Orth B, Merkel C, von Rüden U, de Bock F: Attitudes toward Corona vaccination—findings of a nationwide survey of the general population and of medical and nursing staff in Germany. Dtsch Arztebl Int 2022; 119. DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0206 (online first).

Dieser Beitrag erschien online am 18.05.2022 (online first) auf www. aerzteblatt.de

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Betsch C, Schmid P, Heinemeier D, Korn L, Holtmann C, Böhm R: Beyond confidence: Development of a measure assessing the 5C psychological antecedents of vaccination. PLoS One 2018; 13: e0208601 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Sprengholz P, Betsch C, Böhm R: Reactance revisited: Consequences of mandatory and scarce vaccination in the case of COVID-19. Appl Psychol Health Well Being 2021; 13: 986–95 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Rozek LS, Jones P, Menon A, Hicken A, Apsley S, King EJ: Understanding vaccine hesitancy in the context of COVID-19: the role of trust and confidence in a seventeen-country survey. Int J Public Health 2021; 66: 636255 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
MacDonald NE, Dubé E: Unpacking vaccine hesitancy among healthcare providers. EBioMedicine 2015; 2: 792 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
BZgA: Begleitforschung zur Kommunikation der Corona-Schutzimpfung in Deutschland (CoSiD). Deutschlandweite Zusatzbefragung des medizinischen und pflegerischen Personals im Juli 2021 . BZgA-Forschungsbericht. Köln: BZgA. 2022. doi: 10.17623/BZGA:Q3-COSID-01-MEDPERS-DE-1.0
Referat Q3 – Evaluation, Methoden, Forschung, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln (Muschalik, Orth, Merkel, von Rüden, de Bock)
ursula.von-rueden@bzga.de
Deskriptive Mittelwerte mit 99-%-KI zur Zustimmung der betrachteten Bevölkerungsgruppen zu Aussagen zur Corona-Schutzimpfung
Tabelle 1
Deskriptive Mittelwerte mit 99-%-KI zur Zustimmung der betrachteten Bevölkerungsgruppen zu Aussagen zur Corona-Schutzimpfung
Vergleich der Einstellungen zur Corona-Schutzimpfung zwischen den betrachteten Bevölkerungsgruppen
Tabelle 2
Vergleich der Einstellungen zur Corona-Schutzimpfung zwischen den betrachteten Bevölkerungsgruppen
1.Betsch C, Schmid P, Heinemeier D, Korn L, Holtmann C, Böhm R: Beyond confidence: Development of a measure assessing the 5C psychological antecedents of vaccination. PLoS One 2018; 13: e0208601 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Sprengholz P, Betsch C, Böhm R: Reactance revisited: Consequences of mandatory and scarce vaccination in the case of COVID-19. Appl Psychol Health Well Being 2021; 13: 986–95 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Rozek LS, Jones P, Menon A, Hicken A, Apsley S, King EJ: Understanding vaccine hesitancy in the context of COVID-19: the role of trust and confidence in a seventeen-country survey. Int J Public Health 2021; 66: 636255 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.MacDonald NE, Dubé E: Unpacking vaccine hesitancy among healthcare providers. EBioMedicine 2015; 2: 792 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.BZgA: Begleitforschung zur Kommunikation der Corona-Schutzimpfung in Deutschland (CoSiD). Deutschlandweite Zusatzbefragung des medizinischen und pflegerischen Personals im Juli 2021 . BZgA-Forschungsbericht. Köln: BZgA. 2022. doi: 10.17623/BZGA:Q3-COSID-01-MEDPERS-DE-1.0

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