ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2000Frédéric Chopin: Husten mit unendlicher Anmut

VARIA: Geschichte der Medizin

Frédéric Chopin: Husten mit unendlicher Anmut

Dtsch Arztebl 2000; 97(15): A-1007 / B-849 / C-803

Ludwig, Timm

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LNSLNS Der Komponist ist möglicherweise an einer Morphinabhängigkeit gestorben.
Chopin wird am 22. Februar 1810 in Zelazowa-Wola bei Warschau geboren. Mit sieben Jahren erhält er Klavierunterricht beim kauzigen tschechischen Geiger Albert Zywny, und er komponiert seine erste Polonaise für Piano. Mit 16 ist er im Tuberkulose-Sanatorium zur Prophylaxe und als Begleiter seiner kranken Schwester. Er muss sehen, wie die 14-jährige Emilka unter "Aderlässen, einmal, ein zweites Mal, unzähligen Blutegeln, Blasenpflastern . . ., Aventüren über Aventüren", so Chopin, dahinsiecht und stirbt. Den 19-Jährigen beschreiben Zeitgenossen als offenherzige liebenswürdige Person, von geschlechts- und altersloser Schönheit, auffallend blass und schlank.
Ein charmanter Unterhalter
Chopin macht Konzertreisen nach London und Wien. 20 Jahre alt, gibt er sein Abschiedskonzert in Warschau; am 1. November 1830 verlässt er Polen mit einem Pokal polnischer Erde und mit der Vorahnung: "Ich denke, dass ich abreise, um zu sterben." In Wien muss er acht Monate lang auf einen Pass warten. Auf der Weiterreise 1831 in Stuttgart erfährt Chopin von der Besetzung Warschaus durch die russische Armee. Kampfbereite Freunde ziehen in die Heimat zurück; Chopin klagt im "Stuttgarter Tagebuch": "Wem bringt mein Dasein Nutzen? Unnütz bin ich den Menschen, kein Maul hab ich und keine Waden? . . . Der Leiche gleich . . . Es mangelt mir also an nichts zu einer Verbrüderung mit dem Tod." Er ist kein Soldat. Seine Waffe im Kampf für Polen ist Musik. Furios, ohne Unterbrechung, komponiert er die "Revolutionsetude".
Ende 1831 erreicht er Paris. Nach anfänglichen Sorgen bringt eine Soirée bei der Baronin de Rothschild den Erfolg. Mit seinen exquisiten Manieren, seinem sensiblen Pianospiel, seiner expressiven Musik bricht Chopin in höchste Gesellschaftskreise ein. So erblüht nun seine Kunst in der Atmosphäre des kleinen Zirkels im Salon.
Der Salon wird Chopins Welt: ein charmanter Unterhalter - umwittert vom Geheimnisvollen fremder Herkunft. Faszination ging von ihm aus, Interesse für andere nicht; er fragt, außer Höflichkeiten, kaum, was aber eigentlich heißt: er will von anderen Menschen nichts wissen. Selbst den engen Freund Eugène Delacroix, dem die Nachwelt ein Porträt des 28-jährigen Chopin verdankt, hat er nie nach seiner Kunst befragt.
1835 in Dresden verliebt sich Chopin, der höchstbezahlte Klavierlehrer von Paris, in seine 16-jährige Schülerin Maria Wodzinska - jedoch, sein Hüsteln und seine nervöse Konstitution wirken wenig ermutigend. Chopin erkrankt schon auf der Rückreise schwer. Dr. Raciborski in Paris diagnostiziert eine "Grippe" mit Bluthusten. Chopin wähnt das Echo von Kirchenglocken zu seinem eigenen Begräbnis zu hören; bedrückt von Ahnungen verlorener Liebe und frühen Todes, komponiert er den "Trauermarsch".
Der Todkranke steht wieder auf und stürzt sich aufs Neue gierig in sein hektisches Leben: tags Unterricht, nachts Komponieren - ein Perfektionist.
Entschlossen, den 26-jährigen Chopin zu erobern, wartet in Paris die 33-jährige Amantine-Aurore-Lucile DupinDudevant alias George Sand - nach Ehe und etlichen Liebschaften - in Männerkleidern, Zigarren rauchend, die meistgelesene Autorin der Zeit. "Was für eine schreckliche Frau", so Chopin, "falls sie überhaupt eine Frau ist, ich bezweifle es." Und doch wurden sie im Sommer 1838 ein Paar, und sie gab Chopin ein Zuhause, stabilisierte sein Leben - neun Jahre lang.
Im Oktober 1838 reist George Sand mit ihren beiden Kindern und Chopin nach Mallorca. Es wird eine katastrophale Zeit. Chopins Krankheit exazerbiert mit Bluthusten, und es findet das berühmt-komische Konsil der drei von George Sand gerufenen mallorquinischen Ärzte statt. Chopin am 3. Dezember 1838 an Fontana: "Der erste beroch das, was ich ausspuckte; der zweite klopfte mich ab, um zu erfahren, woher die Spucke kam; der dritte tastete und lauschte, während ich spuckte. Der erste sagte, ich sei krepiert, der zweite - dass ich im Begriff wäre, zu krepieren, der dritte - dass ich krepieren werde . . ."
Die Ärzte machen Chopins Tuberkulose publik; und es werden Räumung und neues Tünchen des Hauses sowie Verbrennen der Bettwäsche verlangt, unter Berufung auf die spanischen Seuchengesetze. Der französische Gesandte in Palma besorgt eine neue Unterkunft in der geräumten Kartause von Valldemosa in den Bergen an der Westküste Mallorcas.
George Sand erinnert sich: "In einer verlassenen . . . Kartause hatten wir eine sichere und pittoreske Bleibe gefunden." Tatsächlich hat sich Chopin dort elend gefühlt. Die alte Kartause ist ihm kalt und voller Gespenster, seine Zelle "wie ein hoher Sarg". Zu schwach, die Sand und Kinder auf Ausflügen zu begleiten, bleibt er oft allein. Und sie beginnt, ihn als ihr drittes Kind zu bezeichnen.
In den Wintermonaten wurden die kaum heizbaren Zellen kalt und Chopin so krank, dass er leicht dort hätte sterben können. Anders als der bis zum Aberglauben gläubige Chopin war die Sand eine lebenspraktische rationale Frau von unkonventioneller Lebendigkeit in jeder Beziehung. Oft schlief sie am Tag, um nachts, rauchend und Kaffee trinkend, Artikel zu schreiben für Pariser Zeitungen - in ihren Auffassungen 150 Jahre voraus. Mit ihrem "Un Hiver à Majorque" bleibt sie die "Entdeckerin Mallorcas".
Im Frühjahr 1839, unter den Strapazen der Rückreise, treten wieder abundante Hämoptysen ein, Waschbecken voll Blut, schreibt Sand. Ein Marinearzt hilft mit Eis, Opium und Ruhe. In Marseille übernimmt der mit der Sand befreundete Chefchirurg Cauvière die Behandlung. Im Mai reist man zurück nach Nohant, auf George Sands Landgut südlich von Paris.
Eine Schülerin erinnert sich (an 1839): "Ach! und er war sehr leidend; matt, bleich, hustete viel, nahm oft Opiumtropfen in Zucker und Gummi-Wasser, . . . und dennoch unterrichtete er mit einer Geduld, Ausdauer und einem Eifer, die bewundernswert waren." Später verblasst seine noble Ausstrahlung; bei dilettantischem Spiel kann er schweigend vor Wut ganze Bündel von Bleistiften in kleine Stücke zerbrechen, er kann schreien, sich in heftigem Zorn wie rasend herumwerfen. Um dann wenig später den verzweifelt schluchzenden Schüler zu trösten.
"Chopin hustet mit unendlicher Anmut", so die Comtesse d’Agoult - anders kennt man ihn nicht mehr, einen chronisch Lungenkranken, ab Ende 1843 häufig bettlägerig, und er schreibt: "Ehe ich mich in der Frühe aushuste, ist es bereits 10 Uhr." Dr. Molin, Homöopath und Kinderarzt, genießt sein Vertrauen. "Er weiß mich am besten zu behandeln, denn in mir ist etwas vom Kinde geblieben." Diät, Schwefelmixturen, Opiumtropfen, Letztere sicher zeitweise lebensrettend und -qualitätverbessernd - zumindest solange er noch nicht beginnt, reichlicher davon zu nehmen.
Unter seinen mehr als 30 Ärzten haben Jean-Jaques Molin und der polnische Arzt Jas Matuszynski Chopin besonders nahe gestanden - der Schwerkranke sollte auch diese beiden überleben. Seine Kreativität nimmt nun beständig ab, seit 1845 spricht Chopin selbst in Briefen offen von Arbeitsunlust. Er hat beständig sein Schicksal herausgefordert durch unangemessenen Lebensstil, hat die Salons der Sandschen Fürsorge vorgezogen. 1847 kommt es zum Bruch mit der Sand. Chopin, ein schwerkranker Mann, kann kaum noch unterrichten.
Chopin lässt sich von seiner Schülerin Jane Sterling, einer reichen ledigen Schottin, eine Konzertreise arrangieren. Diese sechs Monate, die Chopin durch Großbritannien reist, offenbaren vollends, dass er schier nicht mehr kann. Ein schwerstkranker Mann wird in Konzerthallen geschleppt, um vor leeren Reihen oder vor gekauftem Publikum zu spielen, kraftlos, für britische Ohren zu kraftlos. Er spielt in London vor Queen Victoria und Prinz Albert, in Glasgow, in Edinburgh.
Miss Sterling kutschiert ihn durchs ganze Land, zu all ihren Verwandten und Freunden. Plant sie, ihn zu heiraten? Chopin entsetzt an Grzymala, den polnischen Grafen in Paris: "Wenn ich mich in ein Wesen verlieben könnte, das mich so lieben würde, wie ich es mir wünsche, würde ich noch immer nicht heiraten, weil wir nichts zu essen hätten. Wo ist meine Kunst geblieben? Und mein Fühlen - wo habe ich es vergeudet? Kaum weiß ich noch, wie man in Polen singt. Die Umwelt entschwindet mir in ganz seltsamer Weise - ich verliere mich, habe keine Kraft mehr. So kläre ich Dich darüber auf, dass ich dem Sarge näher bin als dem Ehebett." Zu den Lungensymptomen treten Zeichen der Herzschwäche. Jeden Abend, nach dem Diner in einem der schottischen Paläste und nach dem Spiel für die Gäste, trägt ihn sein Diener Daniel die Treppen hinauf und bringt ihn zu Bett.
Chopins Krankheit
Anfang 1849 hinfällig nach Paris zurückgekehrt, erfährt Chopin, daß Dr. Molin, Arzt seines Vertrauens, nicht mehr lebt. Vier Ärzte behandeln ihn, Dr. Roth, Dr. Simon, Dr. Louis und Dr. Frenkel. Er schreibt: " . . . allein sie tasten nur herum und verschaffen mir keine Erleichterung. Alle sind sich einig bezüglich Klima, Ruhe und Schonung. Die Ruhe werde ich eines Tages auch ohne sie finden." Die Krankheit hat ihn unaufhaltsam verändert, als Menschen, als Komponisten und als Pianisten. "Er bediente sich der Kunst nur noch, um sich selbst die eigene Tragödie zu gestalten", so Franz Liszt.
Im Juli 1849 peinigen ihn Durchfälle; im September raten ratlose Ärzte, innerhalb Paris ein wenig weiter nach Süden zu ziehen. Die hübsche Wohnung am Place Vendoˆme ist Chopin viel zu teuer - aber er braucht sie nicht mehr lange. Im Oktober verliert seine Stimme, die immer leise gewesen war und oft heiser, vollends ihren Klang - Kehlkopftuberkulose. Chopin fühlt seine Kräfte schwinden; er denkt an zu Hause, er schreibt seiner Schwester Ludwica, und sie kommt.
Der Maler Kwiatkowski hat die Szene aus Chopins Sterbezimmer realistisch festgehalten. Chopin, bei Bewusstsein bis wenige Stunden vor seinem Tod, äußert drei Wünsche. Er wolle obduziert werden, und Ludwica möge sein Herz zurück nach Polen bringen. Seine unveröffentlichten Manuskripte sollten verbrannt werden. Nur der letzte Wunsch blieb unerfüllt. Chopin stirbt früh am Morgen des 17. Oktober 1949 in seiner Wohnung am Place Vendoˆme Nr. 12.
Cruveilhier, bedeutender Arzt, in der Todesstunde bei Chopin, hat als Todesursache nicht Tuberkulose angegeben, sondern "Herzversagen bei allgemeiner Kachexie" - und zwar aufgrund seines Obduktionsbefundes. Die landläufige Meinung heute: Tod an Tuberkulose - ist sie denn gut begründet und die ganze Wahrheit?
Schiller, Kafka, Orwell, Weber - andere tuberkulosekranke Künstler - haben auf das Nachlassen der Kräfte
mit Schaffensunrast reagiert, nicht mit Resignation wie Chopin. Fehlt noch eine Erklärung? Cruveilhier hat die Lungen als weniger betroffen beschrieben. Sein Papier ist verbrannt, wenn man Cruveilhiers Zeugnis aber glaubt, und Aussagen zu Chopins Opiumkonsum? Opium wurde damals großzügig gehandhabt. Entwicklung einer Morphinabhängigkeit bei Chopin ist denkbar: Ein hochsensibler Mensch, der litt, wenn seine Wünsche nicht erfüllt wurden. Der bei Hämoptoen, medizinisch indiziert, Opium bekommt und lernt, dass alles mit Opium besser auszuhalten ist. Dr. med. Timm Ludwig


Frédéric Chopins Krankheiten
Traditionelle Hauptdiagnosen:
Kavernöse Lungentuberkulose
Kehlkopf- und Darmtuberkulose


Todesursache (Cruveilhier):
"Herzversagen bei allgemeiner Kachexie" (1849)


Differenzialdiagnosen:
Zystische Fibrose (1992)
Alpha-1-Antitrypsin-Mangel ?! (1994)
Chronischer Morphinismus
(und finale Überdosis ?) (1996)

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