ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2022Klimawandel und Gesundheit: Nachhaltige Ärztenetze

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Klimawandel und Gesundheit: Nachhaltige Ärztenetze

Lipécz, Andreas; Shimada, David

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Um bis 2030 ein klimaneutrales Gesundheitswesen zu erreichen – wie es der Ärztetag gefordert hat – müssen alle Akteure ihren Beitrag leisten. In einer Nachhaltigkeitsstrategie hat das Nürnberger Gesundheitsnetz QuE nun einen Weg zur eigenen Klimaneutralität festgelegt.

Vernetzung mit anderen Akteuren des Gesundheitswesens ist auch auf dem Weg zur Klimaneutralität hilfreich. Foto: Sakorn Sukkasemsakorn/iStock
Vernetzung mit anderen Akteuren des Gesundheitswesens ist auch auf dem Weg zur Klimaneutralität hilfreich. Foto: Sakorn Sukkasemsakorn/iStock

Der menschengemachte Klimawandel ist die größte zivilisatorische Bedrohung unserer Zeit. Extremwetterereignisse wie Dürren, Hitzeperioden und Starkregen treten immer häufiger auf und haben einen großen Einfluss auf die Gesundheit der Patientinnen und Patienten. In einer Gesellschaft mit der demografischen Struktur Deutschlands wirft dies besonders für alte und multimorbide Menschen Fragen der Patientensicherheit auf.

Schon heute sind Auswirkungen wie Hitzetote, Exazerbationen chronischer Krankheiten oder das Auftreten neuer Allergien sowie neuer vektorübertragener Infektionskrankheiten zu beobachten. Daher stellt der Klimawandel und dessen Folgen – neben den auftretenden ökologischen Katastrophen – eine massive Bedrohung für die menschliche Gesundheit dar, deren Auswirkungen schon heute zu beobachten sind. Spätestens durch die Beschlüsse des 125. Deutschen Ärztetags zum Themenkomplex Klimawandel und Gesundheit im vergangenen Jahr ist eine entsprechende Auseinandersetzung mit diesem Thema in der ambulanten Versorgung obligatorisch.

Zukunftssicher wirtschaften

Das Gesundheitsnetz „Qualität und Effizienz“ (QuE) will diese Verantwortung annehmen. Deshalb hat es sich im März dieses Jahres eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie gegeben. Bei QuE sind 63 Arztpraxen mit 117 Haus- und Fachärztinnen und -ärzten genossenschaftlich organisiert. QuE unterhält Versorgungsverträge mit der AOK Bayern, der Techniker Krankenkasse, der Siemens BKK und der Barmer. Darin sind derzeit knapp 22 000 Patientinnen und Patienten eingeschrieben.

Die Strategie umfasst die Bereiche Corporate, Social und Responsibility (CSR). QuE will damit innerhalb seines Gesundheitsnetzes die Themenfelder Ökonomie, Ökologie und Soziales harmonisieren, um gleichermaßen zukunftssicher wie gesellschaftsfördernd zu wirtschaften. Für den Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit hat sich QuE hierfür die drei Handlungsebenen „Klimaneutrales Netzbüro“, „Aufgeklärte und handlungsfähige Netzpraxen“ und „Klimaneutrales Gesundheitsnetz“ identifiziert, die mit verschiedenen Ansätzen vorangetrieben werden.

Das Ziel der Handlungsebene „Klimaneutrales Netzbüro“ besteht darin, die QuE-Geschäftsstelle bis Ende 2022 klimaneutral zu transformieren. Dies wird nach den Anforderungen der Stiftung Wilderness International verfolgt. Seit Jahresbeginn werden dafür alle für die Berechnung des CO2-Fußabdrucks relevanten Kennzahlen erfasst. So erhält QuE einen Überblick über die verursachten Emissionen und die daraus resultierenden CO2-Einsparpotenziale. Um die Emissionen schon im laufenden Prozess zu reduzieren, geht QuE, wie auf den zwei weiteren Ebenen, aktiv nach dem Prinzip „Vermeiden – Verringern – Kompensieren“ vor. Hierzu werden den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern diverse Möglichkeiten angeboten wie das Leasen eines Jobfahrrads, das kostenfreie Nutzen des ÖPNV oder den Besuch klimarelevanter Fortbildungen, zum Beispiel in den Bereichen „Planetary Health“ oder „Sustainable Leadership“.

Aufgeklärte Netzpraxen

Um langfristig aufgeklärte und handlungsfähige Netzpraxen zu etablieren, nutzt QuE sein Potenzial als Wissensmultiplikator. Das sechsköpfige Netzbüro erarbeitet hierzu verschiedene Angebote für die Mitglieder und Mitgliedspraxen. So werden 2022 vier der monatlichen Netztreffen in Kooperation mit der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) unter dem Motto „Klimawandel und Gesundheit“ stattfinden, um den Mitgliedern tiefer gehendes Wissen zu vermitteln. Durch Leistungen wie das QuE-Hitzepaket, das neben vielzähligen Informations- und Praxismaterialien unter anderem auch die „QuE-Handlungsempfehlungen Hitze“ umfasst, werden die Praxen auf die kommenden klimatischen Herausforderungen vorbereitet. Durch die neu geschaffene Stelle eines CSR-Netzmanagers investiert die QuE zudem in eigenes Personal und Know-how, um den Mitgliedern bei ihrer Transformation individuell und professionell zur Seite stehen zu können.

Obwohl ein klimaneutrales Gesundheitsnetz noch in weiter Ferne liegt, verfolgt QuE auch diesen Ansatz konsequent. Dazu wird, nach dem Vorbild der Erfassung des Netzbüros, auch den Mitgliedspraxen die Möglichkeit gegeben, ihren CO2-Fußabdruck über ein Jahr begleitet zu ermitteln, Problemfelder zu optimieren und die nicht zu vermeidenden Emissionen zu kompensieren. Durch Initiativen wie die „AG Nachhaltige Beschaffung“ oder den Qualitätszirkel „Medikamente und Hitze“ werden die Netzärztinnen und -ärzte auf ihrem Weg der Transformation eng mit eingebunden. Ein Ergebnis dieses Qualitätszirkels sind zum Beispiel die Bemühungen, Dosieraerosole – wo medizinisch möglich und angebracht – durch Pulverinhalatoren zu ersetzen. Daneben bietet die QuE allen Mitgliedspraxen die Nutzung der App „Klimaretter – Lebensretter“ (Kasten), durch die die Teams zu klimaschonendem Verhalten motiviert werden sollen.

Externe Unterstützung ist gerade bei Unternehmen, in denen die Vernetzung ein integraler Bestandteil der Unternehmenskultur ist, ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Daher arbeitet QuE auch auf dem neuen Geschäftsfeld der Nachhaltigkeit mit verschiedenen Akteuren zusammen, neben KLUG zum Beispiel mit Health for Future oder den Klimadocs. Zudem trägt QuE das Thema Klimaschutz nun auch an seine Partner heran. So besteht zum Beispiel für chronisch erkrankte Netzpatientinnen und -patienten seit diesem Jahr die Möglichkeit, im Rahmen des bestehenden Besonderen Versorgungsvertrags mit der Barmer einen jährlichen Medikamenten-Hitze-Check-up in Anspruch zu nehmen.

Patienten sensibilisieren

Ein Vorteil von Arztnetzen ist es, als Multiplikatoren dienen zu können. Auch beim Thema Nachhaltigkeit hat QuE die Möglichkeit, den erarbeiteten Wissensfundus effizient in die Breite zu streuen und neben der Arbeit mit den Mitgliedern und Mitgliedspraxen auch die Patienten für klimarelevante Themen wie Hitze, Mobilität oder planetare Ernährung zu sensibilisieren. So stand auch die Frühjahrsausgabe der QuE-Patientenzeitschrift „Pumperlgsund“ unter dem Motto Klimawandel und Gesundheit mit einer Schwerpunktsetzung auf Hitze. Bis zum Erreichen all der gesetzten CSR-Ziele ist es noch ein weiter Weg. Das Gesundheitsnetz „Qualität und Effizienz“ ist aber fest entschlossen, diesen Weg zu verfolgen und die Pionierarbeit im Bereich der klimasensiblen ambulanten Versorgung fortzusetzen.

Dr. med. Andreas Lipécz, David Shimada

Gesundheitsnetz Qualität und Effizienz

Klimaretter – Lebensretter

Mit der App „Klimaretter – Lebensretter“ will die Viamedica Stiftung Beschäftigte im deutschen Gesundheitswesen für den Klimaschutz sensibilisieren. Die App weist die Beschäftigten auf kleine Verhaltensänderungen im beruflichen Alltag hin, mit denen sie Treibhausgasemissionen einsparen können: vom Benutzen der Treppe statt des Fahrstuhls über das Trinken von Leitungswasser bis zum Ausschalten des Lichts. Insgesamt werden 23 Klimaschutzaktionen empfohlen. Die Teilnehmenden können die CO2-Einsparungen in der App dokumentieren. In der ersten Projektlaufzeit von 2017 bis 2020 konnten der Stiftung zufolge über 4 600 Einzelpersonen in 90 Unternehmen des Gesundheitswesens mit der App erreicht werden. Etwa 700 Tonnen CO2 seien auf diese Weise eingespart worden. „Es ist davon auszugehen, dass die Klimawirkung des Projekts jedoch weitaus höher ist“, betont Viamedica. Denn zum einen hätten nicht alle Beschäftigten ihre Aktionen vollständig im Online-Tool erfasst und zum anderen hätten sie die Verhaltensänderungen auch in ihr privates Umfeld getragen.

2021 ging das Klimaretter-Projekt in die nächste Runde. Seither sind alle Einrichtungen des Gesundheitswesens dazu eingeladen, die App zu nutzen und den eigenen Ausstoß an Treibhausgasen zu reduzieren. Viamedica beschreibt die Vorteile einer Teilnahme für die Unternehmen: Sie reichten von der Senkung der eigenen Energiekosten über die Bewusstseinsbildung bei den Beschäftigten zu den Themen Klimaschutz und Ressourceneffizienz bis zur Stärkung des Wirgefühls zwischen dem Unternehmen und den Beschäftigten. Zudem könne sich das Unternehmen durch klimafreundliches Verhalten positiv von den Wettbewerbern der Branche abheben.

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