ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2022126. Deutscher Ärztetag: Zu wenig Zeit

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126. Deutscher Ärztetag: Zu wenig Zeit

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

Man merkte es schon vor der Eröffnung des 126. Deutschen Ärztetages. Der Hunger nach Austausch unter den Ärztinnen und Ärzten war groß. Bei der Hauptversammlung des Marburger Bundes, der Vertreterversammlung (VV) der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und dem Dialogforum der Bundesärztekammer standen überall Grüppchen und diskutierten. Man konnte förmlich fühlen, wie sehr dieser Austausch gefehlt hatte. Sich füreinander Zeit zu nehmen und nicht nur im digitalen Raum zu diskutieren, reicht eben nicht, um gute Politik zu machen.

Und es gibt viel zu besprechen. Die Coronapandemie hat die vergangenen zwei Jahre derart die Politik dominiert, dass so gut wie keine Gesundheitspolitik stattgefunden hat. Ein Manko, das leider auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bislang nicht ausgeglichen hat – auch wenn er vor Kurzem ein nicht gerade detailliertes Arbeitsprogramm für die kommenden Monate vorgelegt hat. In seiner Rede auf der Eröffnung des Deutschen Ärztetages war wieder wenig Konkretes zur Gesundheitspolitik zu hören, eher seine üblichen Allgemeinplätze zur Krankenhausreform, etwas zur Digitalisierung und dann wieder die Coronapolitik. Nicht einmal das Thema der Kommerzialisierung des Gesundheitswesens sprach der Minister an, das der Präsident der Bundesärztekammer Dr. med. (I) Klaus Reinhardt in seiner Rede als großes Problem genannt hatte. Hörte man in den oben genannten Veranstaltungen den Ärztinnen und Ärzten zu, zog sich ein Thema durch viele Diskussionen, das die Ärzteschaft seit Jahrzehnten bewegt: ihre Arbeitszeit. Sie ist Dreh- und Angelpunkt vieler Probleme in der Gesundheitspolitik. Immer wieder haben die ärztlichen Organisationen um bessere Arbeitsbedingungen und damit angemessene Arbeitszeiten gekämpft. Denn die Arbeitsverdichtung in den Krankenhäusern führt nicht nur zu einer hohen Belastung, auch die Weiterbildung leidet darunter, da schlicht die Zeit dafür fehlt. Sind die Weiterbilder gestresst, können sie die Weiterzubildenden nicht gut betreuen. Die fehlende Zeit raubt der Nachwuchsgeneration eine kontinuierlich fundierte Ausbildung. Zudem dauert die Facharztausbildung länger, durchschnittlich bis zu zehn Jahre. Dadurch verschärft sich wiederum der Ärztemangel.

Auch in der ambulanten Versorgung spielt die Arbeitszeit momentan eine große Rolle. Denn die unzureichend vorbereiteten Projekte in der Telematikinfrastruktur (TI) rauben auch hier mit ihrer Fehleranfälligkeit und Ausfällen den Vertragsärztinnen und -ärzten ihre Arbeitszeit. So monierten die Delegierten der VV zu Recht, man könne sich nicht ständig um die TI kümmern statt Patienten zu betreuen. Die Medizinischen Fachangestellten, die in der Coronapandemie mit großem Engagement und langen Arbeitstagen die Versorgung gewährleistet haben, werden für ihr zeitliches Engagement noch nicht einmal mit einer Prämie bedacht. Man könnte noch viele Beispiele nennen, die deutlich machen, wo fehlende Arbeitszeit das Gesundheitswesen belastet. Offensichtlich muss man dies der Politik immer und immer wieder vor Augen führen.

Zum Schluss gelang es Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, den Begriff Arbeitszeit unter tosendem Applaus positiv zu besetzen: Man habe sich die Zeit genommen, dem Minister eine abgestimmte neue Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) als Geschenk mitzubringen. Lauterbach wollte kontern und sagte, seine Zeit wäre jetzt abgelaufen, daher könne er nichts darauf antworten. Ob dies ein Omen für die Zukunft des Ministers ist, blieb offen. Auf jeden Fall sollte er sich mehr Zeit für die Sorgen und Nöte der Ärzteschaft nehmen.

Michael Schmedt
Chefredakteur

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