ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2022Junge Ärztinnen und Ärzte: Der Macht des Geldes ausgesetzt

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Junge Ärztinnen und Ärzte: Der Macht des Geldes ausgesetzt

Martin, Mirjam; Richter-Kuhlmann, Eva

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Der ärztliche Nachwuchs ist nicht gewillt, medizinische Entscheidungen wirtschaftlichen Interessen unterzuordnen. Beim diesjährigen Dialogforum Junge Ärztinnen und Ärzte der Bundesärztekammer beschrieben die Teilnehmenden offen ihre alltäglichen Erfahrungen bezüglich der Kommerzialisierung der Medizin.

Selbst noch in der Kaffeepause diskutieren junge Medizinerinnen und Mediziner über ihre Erfahrungen mit ökonomischen Zwängen im Gesundheitssystem. Foto: Jürgen Gebhardt
Selbst noch in der Kaffeepause diskutieren junge Medizinerinnen und Mediziner über ihre Erfahrungen mit ökonomischen Zwängen im Gesundheitssystem. Foto: Jürgen Gebhardt

Visite in der Abteilung für Innere Medizin: Neben dem medizinischen Personal ist auch eine weitere Person anwesend. Die Codierassistentin unterteilt die Patientenfälle in Grün, Gelb und Rot – aber nicht nach medizinischen Gesichtspunkten, sondern allein nach Liegedauer. Das zeigt: Medizinische Indikationen seien hier nur Teilaspekte, die Diagnostik und Therapieentscheidungen beeinflussen, berichtete Dr. med Frieder Hummes beim Dialogforum für Junge Ärztinnen und Ärzte im Vorfeld des 126. Deutschen Ärztetages in Bremen.

Hummes ist selbst Arzt in Weiterbildung für Innere Medizin und aktives Mitglied der Bunten Kittel – einer Bewegung, die sich gegen die Ökonomisierung und für ein menschlicheres Gesundheitssystem einsetzt. Dafür wollen sie vor allem die Fallpauschalen (DRG) abschaffen. Mit ihren Aktionen – beispielsweise wöchentlichen Protesten und Podcasts – wollen sie die Öffentlichkeit sensibilisieren.

Hummes Episode aus dem Krankenhausalltag halten viele junge Ärztinnen und Ärzte für symptomatisch. Das richtige Maß zwischen dem medizinisch Machbaren, ethisch Vertretbaren und ökonomisch Möglichen zu finden, ist für die meisten täglich ein Balanceakt.

Doch medizinische Entscheidungen stumm der Macht des Geldes unterordnen will der ärztliche Nachwuchs nicht. Beim diesjährigen Dialogforum Junge Ärztinnen und Ärzte der Bundesärztekammer beschrieben die Teilnehmenden ihre Erfahrungen mit der Kommerzialisierung der Medizin in stationärer und ambulanter Versorgung.

Ökonomischer Druck steigt

Dabei zeigten sich zwei Tendenzen: Erstens, problematisch wird es für viele dann, wenn ihre ärztlichen Entscheidungen und das Wohlergehen der Patientinnen und Patienten von wirtschaftlichen Interessen beeinträchtigt werden. Zweitens, die nachwachsende Ärztegeneration ist offensichtsichtlich nicht mehr gewillt, sich ohne Diskussion und Widerstand dem wachsenden Druck auszusetzen und das ärztliche Handeln einer betriebswirtschaftlichen Nutzenoptimierung unterzuordnen.

Es sei jedoch politisch so gewollt, dass sich Wirtschaftlichkeit in das Arzt-Patienten-Verhältnis dränge, sagte Eleonore Zergiebel. Die Internistin leitet das Medizincontrolling im Krankenhaus Düren und bekommt den ökonomischen Druck täglich zu spüren. „Das Einzige, das helfen kann, ist die Abschaffung der Fallpauschalen“, meint auch sie.

Rückhalt bei alltäglichen Diskussionen mit der kaufmännischen Klinikleitung könne aber auch der Ärzte-Codex geben, betonte Prof. Dr. med. Petra-Maria Schumm-Draeger, ehemalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), die zu den Initiatoren des Codex gehört. Ihm hätten sich mit Stand Mai 2022 bereits 42 Organisationen, darunter die Bundesärztekammer, der Marburger Bund, der Hartmannbund und neben der DGIM viele weitere Fachgesellschaften, angeschlossen.

Der Ärzte-Codex richte sich nicht nur an Ärzte und Ärztinnen in den Kliniken, sondern auch im ambulanten Bereich. Allen könne das Papier helfen, die Auswirkungen der Ökonomie in ihrem Arbeitsgebiet kritisch zu reflektieren, sich nicht dem ökonomischen Druck unterzuordnen und das Patientenwohl wieder in den Fokus des ärztlichen Handelns zu rücken.

Ärzte-Codex als Rückhalt

„Wir treffen keine ärztlichen Entscheidungen und werden keine medizinischen Maßnahmen durchführen und solche Leistungen weglassen, welche aufgrund wirtschaftlicher Zielvorgaben und Überlegungen das Patientenwohl verletzen und dem Patienten Schaden zufügen könnten“, heißt es in dem Codex unter anderem. Und weiter: „Wir werden unsere ärztliche Heilkunst ausüben, ohne uns von wirtschaftlichem Druck, finanziellen Anreizsystemen oder ökonomischen Drohungen dazu bewegen zu lassen, uns von unserer Berufsethik und den Geboten der Menschlichkeit abzuwenden.“

Eine konkrete Lösung könne der Ärzte-Codex jedoch nicht liefern. Er solle vielmehr eine „Awareness“ für das Thema schaffen, so Schumm-Draeger. Letztlich ist auch sie der Meinung, dass sich das Gesundheitssystem nur mit einer Abschaffung des Fallpauschalensystems (DRG) verbessern lasse.

„Am Ende brauchen wir eine Revolution“, brachte es Lucas Kemmesies, Arzt in Weiterbildung für Anästhesie und Intensivmedizin im Helios-Konzern, auf den Punkt. So lange private Klinikträger das Ziel hätten, ihre Marktposition auszubauen und zehn Prozent Rendite zu erwirtschaften, werde es den Beschäftigten im Gesundheitssystem nicht besser gehen, erläutert der bei den Bunten Kitteln aktive Arzt.

Alle im Gesundheitssystem tätigen Personen müssten sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einsetzen, fordert er. „Wir leben im 21. Jahrhundert und wir schaffen es immer noch nicht, Überstunden auszubezahlen“, kritisierte Kemmesies. Mehr als 40 Prozent der Ärztinnen und Ärzte haben eine wöchentliche Arbeitszeit von 49 bis 59 Stunden. Etwas mehr als 20 Prozent arbeiten über 59 Stunden, so die Zahlen aus dem Marburger Bund Monitor 2019.

Doch nicht nur ärztliches Personal ist betroffen: Krankenhäuser lagerten zunehmend auch Serviceaufgaben an externe Gesellschaften aus. In den Jahren zwischen 2010 und 2018 hätten sich die Kosten in den ausgelagerten Bereichen verdoppelt: von zwei Milliarden Euro auf vier Milliarden Euro. Kliniken täten dies mit dem Ziel, Personalkosten zu senken und Tarifverträge zu unterwandern, so Kemmesies. „Der Neoliberalismus frisst das Gesundheitssystem auf.“

Neue Gremienstrukturen

Neben den DRG bemängeln die Bunten Kittel die Besetzung der neuen Krankenhauskommission. Zwölf von 15 Mitgliedern seien Professorinnen oder Professoren – dies spiegele kein repräsentatives Bild des Krankenhauspersonals wider. Angestellte unterschiedlicher Gesundheitsberufe, Patientinnen und Patienten sowie Forschende sollten nach Ansicht der Bunten Kittel Teil des Gremiums sein.

Raus aus der stationären Versorgung, rein in den ambulanten Bereich – einige junge Ärztinnen und Ärzte sehen das als eine Möglichkeit, dem Druck im Krankenhaus zu entkommen. Im Vergleich zu den Kliniken können die Arbeitszeiten im ambulanten Sektor angenehmer und besser mit dem Privatleben zu vereinbaren sein, das ärztliche Arbeiten selbstbestimmter, so die Ansicht vieler Ärztinnen und Ärzte.

In zwei Gesprächsrunden tauschten sich Ärztinnen und Ärzte über Ansätze aus, ihre ärztliche Unabhänigkeit zu bewahren. Die Bunten Kittel fordern dafür eine „Revolution“. Fotos: Jürgen Gebhardt.Die gesamte Veranstaltung ist im Internet abrufbar: http://daebl.de/BB47
In zwei Gesprächsrunden tauschten sich Ärztinnen und Ärzte über Ansätze aus, ihre ärztliche Unabhänigkeit zu bewahren. Die Bunten Kittel fordern dafür eine „Revolution“. Fotos: Jürgen Gebhardt.
Die gesamte Veranstaltung ist im Internet abrufbar: http://daebl.de/BB47

Flucht in den ambulanten Sektor

Für den Wechsel spiele aber auch der kommerzielle Druck in den Kliniken eine Rolle, berichtete Dr. med. Pedram Emami von seinen Erfahrungen als Präsident der Ärztekammer Hamburg. Teilweise werde er sogar als Hauptgrund für eine „Flucht in den ambulanten Bereich“ genannt. Doch wenn das die Lösung sei, sei es verwunderlich, warum vor allem die Zahl der angestellten Ärztinnen und Ärzte im ambulanten Bereich steige und die Zahl der Selbstständigen abnehme.

Eine Teilnehmerin berichtete von ihrem Wechsel als Angestellte vom Krankenhaus in ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ): „Ich hatte mich in meiner Rolle als Dienstleisterin für zum Teil nicht indizierte Operationen infrage gestellt“, berichtete die Anästhesistin Dr. med Corinna Schilling. Zwar habe man auch im MVZ „schwarze Zahlen“ schreiben müssen, aber sie habe sich dort nicht so unter Druck gesetzt gefühlt.

Völlig frei von ökonomischen Zwängen sei man jedoch auch in der Niederlassung nicht. Natürlich habe sie sich vor ihrem Wechsel in den ambulanten Bereich gefragt, ob sie dem wirtschaftlichen Druck und dem persönlichen finanziellen Risiko als niedergelassene Ärztin gewachsen sei, räumte Dr. med Lara Serowinski ein. Das Risiko sei aber sehr begrenzt: „Ich habe noch nie insolvente Ärzte getroffen.“

Die junge Ärztin entschied sich deshalb während ihrer Weiterbildung zur Internistin für die Niederlassung und wechselte in die Allgemeinmedizin. „Das war die beste Entscheidung“, sagte die Fachärztin für Allgemeinmedizin in einer Gemeinschaftspraxis. „Ich muss auch meine Abläufe optimieren und Grenzen setzen, aber nicht zur Gewinnmaximierung, sondern um Zeit für meine Patienten zu haben.“

Doch was überwiegt in der eigenen Praxis – die Selbstbestimmung oder die Selbstausbeutung? „Ich fühle mich nicht unter einem finanziellen Druck, aber teilweise schon unter einem persönlichen Zeitdruck“, berichtete Dr. med. Ellen Lundershausen, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Präsidentin der Ärztekammer Thüringen und niedergelassenen HNO-Ärztin. Aus ihrer ärztlichen Haltung heraus könne sie einfach keine Patienten wegschicken. Und wenn man durch die Patientenströme überfordert sei, entstehe zwangsläufig Zeitdruck, räumte sie ein. Ausgebeutet habe sie sich trotzdem niemals gefühlt. „Schließlich habe ich meinen Berufsalltag selbst organisiert.“

Anleitung und Unterstützung

Mehr Unterstützungsangebote von den ärztlichen Organisationen, die auch tatsächlich an die jungen Kolleginnen und Kollegen herankommen, wünscht sich diesbezüglich Dr. med. Max Tischler, Sprecher des Bündnisses Junge Ärzte. „Man muss als junger Arzt oder junge Ärztin lernen, sich vor Selbstausbeutung zu schützen“, betont der Dermatologe. Seit einiger Zeit arbeite er nun als angestellter Arzt in einer Praxis und habe die Möglichkeiten der Selbstbestimmung dort kennengelernt. „Und auch Selbstbestimmung muss man lernen“, weiß er. Die Kammern könnten dabei mit entsprechenden Angeboten unterstützen.

Der derzeitige Trend, dass zunehmend angestellte Ärztinnen und Ärzte im ambulanten Bereich tätig werden, unterstreicht für Lundershausen die Notwendigkeit der Wahrung und Förderung der ärztlichen Selbstständigkeit – zum Wohle der Patientinnen und Patienten. „Private-Equity-Gesellschaften, die auf hohe Renditen ihrer Investitionen setzen, kümmern sich nicht darum, ob es in der Eifel ausreichend Hausärzte gibt“, betonte sie.

Eigene Ehrlichkeit ist gefragt

Doch die Ärztinnen und Ärzte könnten auch selbst an sich arbeiten: „Teilweise ist die Ärzteschaft auch unehrlich, was Zeit und Geld angeht“, kritisierte Lundershausen. Es sei eine Frage der Sozialisation und der moralischen Motivation, persönlich zu sagen: „So möchte ich nicht mit meinen Patienten umgehen.“ Hier müsse die Ärzteschaft Flagge zeigen und klarstellen, wo ihr Codex angesiedelt sei. „Da sind wir auch als Ärztekammern gefragt.“

Einig waren sich die Nachwuchsärztinnen und -ärzte, dass bei aller Kritik zwischen Ökonomie und Kommerzialisierung unterschieden werden müsse. Des ökonomischen Drucks sollte man sich immer bewusst sein, um klar zwischen den medizinischen und ökonomischen Rahmenbedingungen unterscheiden zu können, sagte Dr. med. Melissa Camara Romero vom Forum Junger Ärzte der Ärztekammer Nordrhein dem Deutschen Ärzteblatt. Man sollte versuchen, bereits von Anfang an auch die ökonomischen Aspekte zu verstehen, um sich nicht unwillkürlich in der medizinischen Behandlung steuern zu lassen. Dazu sollte man sich Vorbilder suchen.

Optimistisch zeigte sich diesbezüglich die Internistin Christina Hillebrecht, Vizepräsidentin der Ärztekammer Bremen: „Es gibt einen Silberstreif am Horizont. Wenn wir erkennen, dass wir Teil des Systems sind und uns engagieren, können wir gemeinsam viele Dinge erreichen.“

Dr. med. Mirjam Martin,

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Frieder Hummes, aktives Mitglied bei den Bunten Kitteln, ruft zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit auf.


Ellen Lundershausen, BÄK-Vizepräsidentin und Präsidentin der Kammer in Thüringen, betont die ärztliche Unabhängigkeit.


Pedram Emami, Präsident der Ärztekammer Hamburg, verteidigt die Möglichkeiten der ärztlichen Selbstbestimmung.


Christina Hillebrecht, Vizepräsidentin der Ärztekammer Bremen, mahnt ärztlichen Zusammenhalt und Engagement an.

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co_ed
am Samstag, 4. Juni 2022, 19:42

Ex-KVNo-Arzt setzt Neinzeichen: Kaffeekränzchen Körperschaften, KKK-Schande -\

Gesundheitswesen. Erdrutsch am Abgrund – Der Macht von Laggards ausgesetzt.

Waren es drei oder vier Jahrzehnte, bis der Arzneimittelregress entschärft wurde? „Beratung vor Regress.“ Bis dahin vollstreckte die gewählte Kollegenschaft der Selbstverwaltung skrupellos den Regress. Widerspruch war zwecklos.

Keinen wird es wundern, wenn diese Junge Ärzteschaft ein Leben für die Medizin fortan unter der Macht des Geldes und der gewählten, gleichgültigen oder unwirksamen Ärztevertreter (Laggards ~ die hinterher hinken) in Aussicht hat.

Doch es gibt Unruhe in den Verwaltungen der Körperschaften. Im August 2022 sind die VV-Wahlen in der KVNo. Geht es noch weiter runter bei der Wahlbeteiligung als die letzten drei Male? Immer tiefer seit 2004 – 61%, 58% und 53% in 2016.

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