ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2022Marburger Bund: Fokus auf den Fachkräftemangel

POLITIK

Marburger Bund: Fokus auf den Fachkräftemangel

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der demografische Wandel wird den Fachkräftemangel in den kommenden Jahren deutlich verschärfen. Die Hauptversammlung des Marburger Bundes stand im Zeichen der Suche nach Lösungen. Weit vorne lag die Forderung, Ärzte von patientenfernen Tätigkeiten zu entlasten.

MB-Vorsitzende Johna auf der Hauptversammlung: Der Fachkräftemangel wird das System mit großer Wucht treffen. Foto: Jürgen Gebhardt
MB-Vorsitzende Johna auf der Hauptversammlung: Der Fachkräftemangel wird das System mit großer Wucht treffen. Foto: Jürgen Gebhardt

Auf seiner 139. Hauptversammlung hat der Marburger Bund (MB) die enorme Bedeutung des zunehmend größer werdenden Fachkräftemangels für das deutsche Gesundheitswesen betont. Heute werde noch unzureichend wahrgenommen, „mit welch großer Wucht uns dieses Problem treffen wird“, sagte die 1. Vorsitzende des MB, Dr. med. Susanne Johna, am 21. Mai in Bremen. „Die aktuelle Ärztestatistik der Bundesärztekammer weist gut 54 000 berufstätige Ärztinnen und Ärzte im Alter zwischen 60 und 65 Jahren aus. Weitere 35 544 sind über 65 Jahre alt. Das heißt, dass knapp 90 000 Ärztinnen und Ärzte aus allen Versorgungsbereichen in nächster Zeit altersbedingt aus dem Beruf ausscheiden werden.“ Gemessen an der Gesamtzahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte von mehr als 416 000 seien demzufolge rund
22 Prozent nur noch wenige Jahre berufstätig oder ständen unmittelbar vor der Rente.

Die benötigte Nachbesetzung ärztlicher Stellen könne mit den knapp 11 000 Medizinstudienplätzen nicht gewährleistet werden. „Seien wir ehrlich: Ohne die relevante Zuwanderung von Ärztinnen und Ärzten aus dem Ausland wäre die Versorgung schon lange nicht mehr sicherzustellen“, sagte die MB-Vorsitzende. Es werde sich massiv rächen, dass Deutschland seit vielen Jahren unter Bedarf Ärztinnen und Ärzte ausbilde. „Eins ist aus meiner Sicht ganz klar“, betonte Johna. „Jedes Reformprojekt der Gesundheitsversorgung der nächsten Jahre, eher Jahrzehnte, wird einen gemeinsamen entscheidenden Fokus haben müssen: den Fokus auf den Fachkräftemangel.“

Ein Ausbau der Studienplätze um mindestens zehn Prozent gehöre dabei ganz oben auf die politische Agenda. „Die Politik scheint vielfach noch dem Glauben anzuhängen, es werde schon nicht so schlimm werden, weil die vorhandenen Ärztinnen und Ärzte unbesetzte Stellen bisher immer durch Mehrarbeit kompensiert haben“, so Johna. „Von diesem Glauben sollte sich die Politik ganz schnell verabschieden.“

Ende der „Abgrenzeritis“

Vor diesem Hintergrund forderte die MB-Vorsitzende ein Ende der „Abgrenzeritis“ zwischen dem stationären und dem ambulanten Sektor. „Ich bin diese Diskussionen darüber, was geht am besten ambulant, was geht am besten stationär, so leid“, sagte Johna. „Wir können froh sein, wenn wir die Arbeit noch gemeinsam schaffen.“ Die entscheidenden Fragen seien vor diesem Hintergrund: „Von welchen Tätigkeiten können wir durch welche anderen Berufsgruppen entlastet werden? Welche Vereinfachung im System ist möglich? Wo können wir weniger Aufwand betreiben bei gleichem Effekt? Wie können wir unnötige ärztliche Mehrfachkontakte vermeiden? Und: Wie bringen wir die Digitalisierung endlich so voran, dass sie uns tatsächlich entlastet und nicht durch fehlende Interoperabilität belastet?“

Die unter anderem durch den Fachkräftemangel induzierte Arbeitsverdichtung führe auch dazu, dass oftmals zu wenig Zeit für eine strukturierte Weiterbildung bliebe – sowohl für die Ärztinnen und Ärzte, die weiterbilden als auch für die Weiterzubildenden. „Das ist ein echtes Problem“, betonte Johna. „Und deswegen ist es so wichtig, dass wir das Instrument des eLogbuchs nun auch wirklich nutzen, um den schwarzen Schafen auf die Füße zu treten. Die Landesärztekammern müssen den Finger in die Wunde legen.“

Auch Sophie Krickeberg, stellvertretende Vorsitzende im Sprecherrat der sich weiterbildenden Ärztinnen und Ärzte des MB-Bundesverbands, kritisierte, dass die Weiterbildung im heutigen Krankenhausalltag viel zu kurz komme. „Auch die Oberärzte kommen mit ihrer Arbeit kaum hinterher“, sagte Krickeberg. „Sie wollen uns ja etwas beibringen, sie haben aber oft nicht die Zeit dafür.“ In der Folge müsse die Weiterbildung vielfach in die Freizeit verschoben werden. „Eine gute Weiterbildung macht aber aus, dass wir die Zeit erhalten, die wir für die Weiterbildung benötigen“, sagte Krickeberg und mahnte: „Wenn sich nichts ändert, werden wir sehen, dass noch mehr Ärztinnen und Ärzte aus der Versorgung abwandern und dass sich der Fachkräftemangel weiter verschärfen wird.“

Der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen kann nur reduziert werden, wenn Ärztinnen und Ärzte von patientenferner Arbeit entlastet werden. Das wurde auf der Hauptversammlung des MB deutlich. „Die Krankenhäuser müssen die ärztliche Arbeit anders organisieren“, forderte Victor Banas, ebenfalls stellvertretender Vorsitzender im Sprecherrat der sich weiterbildenden Ärztinnen und Ärzte des MB-Bundesverbands. „Die ärztliche Arbeitszeit muss auf eine wertschöpfende ärztliche Tätigkeit konzentriert werden.“ Eine Voraussetzung dafür sei zum Beispiel das papierlose Krankenhaus. „Wenn es in einem Krankenhaus noch Papierakten gibt, verbringe ich die meiste Zeit damit, sie zu suchen, zu entziffern und zu übertragen“, kritisierte Banas.

Zeitfresser reduzieren

Zeit für die patientennahe Versorgung gehe zudem für Transporte verloren oder „fürs Hinterhertelefonieren“. „Wir müssen daran arbeiten, die Zeitfresser im Krankenhaus zu reduzieren“, betonte Banas. Vielfach sei dies mithilfe digitaler Prozesse möglich. Zudem forderte er Arbeitszeitmodelle, auf die sich die Ärztinnen und Ärzte auch verlassen können. „Wenn ich meine Arbeitszeit auf 80 Prozent reduziert habe, muss das auch bedeuten, dass ich 80 Prozent arbeite“, stellte er klar. Das sei heute in vielen Krankenhäusern jedoch nicht der Fall.

Auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Stephan Hofmeister, warnte vor einer Zunahme des Ärztemangels in den kommenden Jahren. Einer aktuellen Umfrage der Apobank zufolge planten fast ein Drittel der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, in den kommenden drei Jahren in den Ruhestand zu gehen. Zugleich kämen zu wenige Medizinstudierende aus den Universitäten. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird das Delta zwischen dem, was wir brauchen, und dem, was wir der Bevölkerung anbieten können, immer größer werden“, sagte Hofmeister. „Deshalb brauchen wir eine höhere Zahl an Medizinstudierenden.“

Auch im stationären Bereich sei der Fachkräftemangel groß, betonte die Geschäftsführerin der Hamburgischen Krankenhausgesellschaft, Claudia Brase. So hätten dem DKI-Krankenhausbarometer zufolge
76 Prozent der Krankenhäuser im Jahr 2019 Probleme gehabt, offene Stellen zu besetzen. Probleme hätten vor allem Krankenhäuser in strukturschwachen Regionen. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, forderte Brase den Gesetzgeber auf, die Bürokratie im Krankenhaus abzubauen, mit der sich die Ärzte beschäftigen müssen. „Wir würden uns wünschen, dass die Dokumentation auf die medizinische Behandlung beschränkt wird“, sagte sie. Das sei allerdings nicht zu erwarten. Falk Osterloh

MVZ, Dritter Weg und Weiterbildung

In zahlreichen Beschlüssen haben die Delegierten der Hauptversammlung des Marburger Bundes Forderungen an den Gesetzgeber gerichtet. Darin kritisierten sie zum Beispiel, dass der wachsende Anteil von börsennotierten Unternehmen und Private-Equity-Konstrukten an Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) die Versorgungsqualität bedrohe. Sie forderten die Bundesregierung dazu auf, ein öffentliches und frei zugängliches Register für MVZ beziehungsweise vergleichbare Einrichtungen zu installieren. Aus diesem Register müsse ersichtlich sein, wie die Besitzverhältnisse sowie die wirtschaftlichen und medizinischen Verantwortlichkeiten verteilt sind. Denn aktuelle Untersuchungen gäben Hinweise darauf, dass von MVZ, die von Investoren betrieben werden, höhere Rechnungen gestellt würden.

Zudem setzt sich der Marburger Bund dafür ein, dass der als „Dritter Weg“ bezeichnete Sonderweg der Kirchen im Arbeitsrecht abgeschafft wird. Der „Dritte Weg“ sei völlig antiquiert, heißt es zur Begründung. „Tarife werden zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ausgehandelt, nicht in pseudoparitätischen Kommissionen ohne Verhandlungsmacht auf der Arbeitnehmerseite.“ In diesem Zusammenhang forderte der Marburger Bund die Bundesregierung dazu auf, das kirchliche Arbeitsrecht dem staatlichen Arbeitsrecht anzugleichen.

Die Delegierten der MB-Hauptversammlung forderten die Landesärztekammern auf, den Weiterzubildenden zur Sicherung einer zeitlich planbaren und qualitativ hochwertigen Weiterbildung ein gegliedertes Programm für die Weiterbildung auszuhändigen. „Dieser Weiterbildungsplan beinhaltet eine zeitliche und räumliche Auflistung sowie eine detaillierte inhaltliche Beschreibung der Weiterbildungsinhalte einschließlich Nennung einer beziehungsweise eines hierfür jeweils Verantwortlichen“, erklärten die Delegierten. „Dieses Dokument ist von den Weiterbildungsbefugten und Weiterzubildenden zu unterzeichnen, der ärztlichen und geschäftlichen Leitung zur Kenntnis zu geben, bei Aufnahme der Tätigkeit der beziehungsweise dem Weiterzubildenden auszuhändigen und im eLogbuch zu dokumentieren.“

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote