ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2022Eröffnung des 126. Deutschen Ärztetags: Ärztetag in Krisenzeiten

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Eröffnung des 126. Deutschen Ärztetags: Ärztetag in Krisenzeiten

Osterloh, Falk

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Bei der Eröffnung des ersten viertätigen Ärztetags seit drei Jahren zeigte die deutsche Ärzteschaft ihre Solidarität mit der Ukraine und ihre Fokussierung auf die Probleme der Zukunft: Neben dem anstehenden Coronaherbst zählt dazu insbesondere der zunehmende Fachkräftemangel.

Im konzentrierten Dialog: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (li.) und Bundesärztekammerpräsident Klaus Reinhardt. Foto: Jürgen Gebhardt
Im konzentrierten Dialog: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (li.) und Bundesärztekammerpräsident Klaus Reinhardt. Foto: Jürgen Gebhardt

So etwas wie Normalität schwebte über der Eröffnung des 126. Deutschen Ärztetags am 24. Mai in der Bremer Glocke. Drei Jahre nach dem letzten viertägigen Präsenzärztetag 2019 in Münster und über zwei Jahre nach dem Beginn der COVID-19-Pandemie kamen die geladenen Gäste erstmals wieder zu der traditionellen Eröffnungsfeier eines Ärztetags zusammen. Das Miteinander war dennoch von den anhaltenden Krisen der Gegenwart bestimmt: zuvorderst durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, zitierte in seiner Rede den Chefarzt des Kinderkrankenhauses im südukrainischen Saporischschja, Juriji Borsenko: „Niemand möchte sehen, was wir hier sehen. Wir haben Kinder mit Kopfverletzungen, Amputationen und durchlöchertem Unterleib.“ Die meisten der in die Klinik eingelieferten Mädchen und Jungen würden für immer schwere Schäden davontragen.

Zu den Gästen des Ärztetags zählte Prof. Dr. Andrij Basylewytsch, Vorstandsmitglied der Ukrainian Medical Association. „Seien Sie versichert, lieber Herr Basylewytsch, unsere Gedanken sind bei den Ukrainerinnen und Ukrainern. Das gilt auch und gerade für die Kolleginnen und Kollegen, die im Kriegsgebiet ihr Leben aufs Spiel setzen, um anderen zu helfen. Ihnen allen darf ich im Namen der deutschen Ärzteschaft unsere Unterstützung zusichern und unsere Solidarität aussprechen. Was Sie leisten, ist im besten Sinne ärztlich“, sagte Reinhardt unter dem Applaus der Zuschauer.

Solidarität mit der Ukraine

Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) betonte die Solidarität der Bundesregierung mit der Ukraine: „Bei einem verbrecherischen Angriffskrieg, bei dem sogar Kinderkliniken bombardiert werden, fehlen einem gerade als Arzt die Worte. Eine solche Barbarei hat keinen Platz in einer zivilisierten Welt.“ Lauterbach erklärte, dass in deutschen Krankenhäusern schwer verletzte Ukrainerinnen und Ukrainer versorgt würden. Zudem komme Deutschland dem Wunsch der Ukraine nach, Verbrennungszentren im Land aufzubauen, da es besonders viele Kriegsopfer mit Verbrennungen gebe.

Im Hinblick auf die zweite Krise, die COVID-19-Pandemie, sprach Lauterbach lange über die Verdienste, die sich die Ärzteschaft während der Coronapandemie erworben habe. Alle Ärztinnen und Ärzte hätten daran ihren Anteil: Krankenhausärzte ebenso wie niedergelassene Ärzte, Impfärzte, Laborärzte und Ärzte in den Gesundheitsämtern. Der Minister erinnerte daran, dass sich Ärztinnen und Ärzte zu Beginn der Pandemie – als es noch keinen Impfstoff gab – bei der Behandlung der COVID-19-Patienten einem persönlichen Risiko ausgesetzt hätten, dass sie unter erschwerten Bedingungen die Praxen offen gehalten hätten. „Sie haben die Menschen über COVID-19 aufgeklärt. Sie mussten Fake News bekämpfen und Angehörige von Toten trösten“, sagte Lauterbach. „Sie können stolz sein auf Ihre Leistung, für die ich mich aufrichtig, auch im Namen der Bundesregierung, bedanken möchte.“

Ärztekammerpräsident Grundmann: Die Kommerzialisierung gefährdet das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten. Foto: Jürgen Gebhardt
Ärztekammerpräsident Grundmann: Die Kommerzialisierung gefährdet das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten. Foto: Jürgen Gebhardt

Reinhardt dankte ebenfalls den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Gesundheitswesen ausdrücklich für ihre Arbeit während der Coronapandemie. „Die Tatsache, dass wir unsere Gesundheitsversorgung in der Pandemie aufrechterhalten konnten, haben wir den Ärztinnen und Ärzten, den Medizinischen Fachangestellten, den Pflegenden in Kliniken, Seniorenheimen und ambulanten Pflegediensten sowie vielen weiteren Gesundheitsberufen zu verdanken“, sagte er. Zugleich forderte der BÄK-Präsident, dass sich Deutschland gut auf den kommenden Herbst vorbereitet.

Vorbereiten auf den Herbst

„Wir alle gehen davon aus, dass die Infektionszahlen im Herbst aller Voraussicht nach wieder steigen werden“, sagte Reinhardt. Eine gute Vorbereitung beinhalte dabei klug gemachte, zielgruppengerechte Informationskampagnen für eine höhere Durchimpfungsrate sowie Hygienekonzepte und Notfallpläne. Zudem „müssen wir sicherstellen, dass auch bei einem starken Wiederanstieg der Infektionszahlen im Herbst ausreichend Therapiemöglichkeiten mit monoklonalen Antikörpern und antiviralen Wirkstoffen verlässlich und überall zur Verfügung stehen“, sagte Reinhardt. „Und wir müssen Strategien entwickeln, um Kitas und Schulen offen zu halten und den Heranwachsenden auf diese Weise ein weitgehend normales Leben zu ermöglichen.“

Lauterbach versicherte, dass sich sein Ministerium intensiv mit einer Handlungsstrategie für den nächsten Herbst beschäftige. „Die zurzeit im Infektionsschutzgesetz enthaltenen Maßnahmen laufen am 23. September aus“, sagte er. Vor diesem Hintergrund arbeite das Bundesgesundheitsministerium an einer Impf-, einer Test- und einer Behandlungsstrategie für den kommenden Herbst. „Wir werden dann erneut Ihre Hilfe benötigen“, erklärte der Minister. „Und ich weiß, dass wir uns erneut auf Ihre Hilfe verlassen können.“

Zugleich lenkte Lauterbach den Blick auf die Gefahren, die von der dritten Krise auf die Gesundheit der Menschen ausgehen: dem Klimawandel – „oder der Klimakatastrophe, wie man eigentlich sagen müsste. Wir wissen mittlerweile, dass viele Lebewesen nur eine geringe Temperaturspannweite haben, in der sie leben können“, sagte Lauterbach. „In diesen Tieren befinden sich ungefähr 10 000 Viren, die im Prinzip für Zoonosen verantwortlich sein können.“ Durch den Klimawandel verändere sich die Art und Weise, wie diese Tiere leben. „Sie kommen uns näher und das Risiko für Zoonosen steigt um ein Vielfaches an – selbst bei kleinen Klimaveränderungen“, sagte der Minister. „Das haben wir bislang zu wenig beachtet.“

Als Arzt unter Ärzten erhielt Lauterbach bei seinem ersten Präsenzärztetag als Bundesgesundheitsminister viel Applaus von den Anwesenden. Das lag jedoch auch daran, dass der Minister vor allem die Themen ansprach, bei denen es keinen Dissens mit der Ärzteschaft gibt. Reinhardt sprach in seiner Rede hingegen auch die Probleme an, die nicht durch externe Bedrohungen entstanden sind, sondern durch gesellschaftliche Entwicklungen und gesetzliche Vorgaben. „Ärztinnen und Ärzte, aber auch andere im Gesundheitswesen tätige Berufsgruppen, beklagen seit Jahren, dass ihre Arbeit von hohem Zeitdruck und wirtschaftlichen Zwängen geprägt ist“, sagte er. „Umfragen zeigen, dass sich viele Ärztinnen und Ärzte erschöpft und ausgebrannt fühlen und deshalb sogar ein Ausscheiden aus der Versorgung in Erwägung ziehen.“

Verschärft werde die Lage durch den demografischen Wandel. „Eine Gesellschaft des langen Lebens bedeutet einen Zuwachs an Multimorbidität, an komplexen Krankheitsbildern und an chronischen Erkrankungen mit hohem Versorgungsaufwand“, sagte Reinhardt. Hinzu komme, dass nicht nur die Gesellschaft insgesamt älter werde, sondern mit ihr auch die Ärztinnen und Ärzte; jeder fünfte stehe bereits jetzt unmittelbar vor dem Ruhestand. „Damit wird sich die ohnehin angespannte Personalsituation in Kliniken und Praxen in den nächsten Jahren noch weiter verschärfen“, so der BÄK-Präsident.

Einer der Gründe für die zunehmende Arbeitsverdichtung im Gesundheitswesen sei die Kommerzialisierung. „Das DRG-System hat durch seine Fehlanreize zu erheblichen Fallzahl- und Leistungsmengenzunahmen und zu deutlich reduzierten Verweildauern der Patientinnen und Patienten geführt – mit der Folge einer massiven Arbeitsverdichtung für die Ärztinnen und Ärzte“, betonte Reinhardt. Das Resultat sei eine sich verstärkende Spirale aus Arbeitsverdichtung, unzumutbaren Arbeitsbedingungen, Erschöpfung des Personals, Arbeitszeitreduzierung, zunehmendem Personalmangel und auch Berufsaufgabe.

Der Präsident der Ärztekammer Bremen, Dr. med. Johannes Grundmann, thematisierte in seiner Rede den Druck, den die Kommerzialisierung auf den freien Arztberuf ausübt. „Mein Eindruck ist, dass die immer stärkere Kommerzialisierung des Gesundheitswesens das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und ihren Patienten zunehmend gefährdet“, sagte er. „Deshalb ist es wichtig, dass wir alle Vorbild für den Nachwuchs sind.“ In diesem Zusammenhang erinnerte er an die 2021 verstorbene ehemalige Präsidentin der Ärztekammer Bremen, Dr. med. Heidrun Gitter, die anlässlich des Ärztetags 2016 in Hamburg deutlich gemacht habe, was den freien Beruf des Arztes im Kern ausmacht. „Sie nannte es ‚die Pflicht zum Widerstand‘“, sagte Grundmann. „Widerstand gegenüber Vorgesetzten, die nicht ausschließlich das Patientenwohl im Blick haben. Widerstand gegenüber Weiterbildern, die den Nachwuchs nicht anleiten, ihn nicht fordern und fördern. Und Widerstand gegenüber Krankenhausgeschäftsführungen, die die Patientensicherheit durch zu knappes Personal gefährden.“

Know-how der Praktiker

Reinhardt betonte, dass die Ärzteschaft in der anstehenden Krankenhausreform konkrete gesetzgeberische Schritte zur Reform des starren und letztlich auf Wettbewerb ausgerichteten Fallpauschalensystems erwarte. Dabei brachte er seinen Unmut darüber zum Ausdruck, dass in der vor Kurzem berufenen Regierungskommission zur Vorbereitung der Reform keine Vertreter der ärztlichen Selbstverwaltung dabei sind. „Wir sind uns darüber einig, dass wissenschaftliche Expertise auch in der Gesundheitspolitik unverzichtbar ist“, sagte der BÄK-Präsident. „Es braucht aber auch das Know-how der Praktiker vor Ort, um wirklich praxistaugliche Lösungen für eine Reform der Krankenhausplanung und -vergütung zu finden.“

Lauterbach versicherte der Ärzteschaft, dass ihre Expertise in jedem Fall im Rahmen der Beratungen zur Krankenhausreform gehört werde. „Die Wissenschaftler analysieren, was international gemacht wird. Sie sind sich dabei im Klaren, dass eine Reform nur gelingen kann, wenn sie im Gespräch mit Praktikern umgesetzt wird“, sagte er. Es werde erst wissenschaftliche Vorschläge geben, die dann mit den Praktikern und den Ländern besprochen würden. „Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass etwas gelingen könnte, ohne dass es mit den Praktikern abgestimmt worden wäre“, betonte der Minister.

Einigkeit bestand bei Reinhardt und Lauterbach beim Thema Digitalisierung. „Die Digitalisierung hat ein enormes Potenzial, die Patientenversorgung zu verbessern und den Arbeitsalltag in Praxen und Kliniken zu erleichtern. Die Anwendungen müssen aber dauerhaft störungsfrei und sicher im Praxisalltag funktionieren“, sagte Reinhardt unter dem Applaus der Zuschauer. Lauterbach erklärte: „Wir sind uns einig, dass wir um die Digitalisierung nicht herumkommen.“ Denn sie mache die medizinische Versorgung besser. Dabei dürfe aber nicht das technisch Mögliche darüber entscheiden, was eingeführt wird, sondern das medizinisch Sinnvolle.

Dissens bei der GOÄ

Ein Buch, zwei Meinungen: Reinhardt und Lauterbach mit dem ersten Exemplar der von BÄK, PKV-Verband und Beihilfe konsentierten GOÄ. Fotos: Jürgen Gebhardt
Ein Buch, zwei Meinungen: Reinhardt und Lauterbach mit dem ersten Exemplar der von BÄK, PKV-Verband und Beihilfe konsentierten GOÄ. Fotos: Jürgen Gebhardt

Dissens gab es hingegen bei dem Dauerthema Amtliche Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ). Seit drei Jahrzehnten werde es vom Bundesgesundheitsministerium versäumt, die GOÄ auf den aktuellen Stand der Medizin zu bringen, kritisierte Reinhardt. „Die derzeit gültige GOÄ stammt im Wesentlichen aus dem Jahr 1982 und wurde im Jahr 1996 lediglich teilnovelliert. Sie ist somit völlig veraltet und bildet weder die Dynamik des ärztlichen Leistungsspektrums noch die aktuelle Kosten- und Preisentwicklung ab.“ Seit vielen Jahren fordere der Ärztetag das Ministerium mit Nachdruck auf, die GOÄ-Reform auf Grundlage des gemeinsamen Vorschlags von Bundesärztekammer, PKV-Verband und Beihilfe umzusetzen. „Geschehen ist bisher nichts“, so Reinhardt. „Wir empfinden dies inzwischen als Affront!“

Am Ende seiner Rede übergab Reinhardt dem Minister das erste gedruckte Exemplar der neuen GOÄ, die den aktuellen Stand der modernen Medizin in rund 5 600 Ziffern abbildet. Er kündigte an, dass die BÄK jetzt in einer Testphase die alte GOÄ mit der neuen vergleichen und dabei prüfen wolle, ob mit der neuen GOÄ sowohl die Ärzte zu ihrem Recht kämen als auch die Patienten finanziell nicht überfordert würden. Lauterbach nahm das Exemplar entgegen. „Wir haben in der Bundesregierung abgemacht, dass wir nichts unternehmen wollen, was das Gleichgewicht zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung verschiebt“, kommentierte er. „Ich werde Ihren Vorschlag jedoch vorbehaltlos prüfen.“ Falk Osterloh

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