ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2000Börsebius zur geplatzten Bankenfusion: Scherbenhaufen

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius zur geplatzten Bankenfusion: Scherbenhaufen

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Selten genug kommt es vor, dass noch vor der Hochzeitsnacht die Braut widerspenstig wird. Wenn sich aber zwei erste Adressen des deutschen Bankgewerbes den Spaß machen, ein grade gegebenes Hochzeitsversprechen wieder abzuläuten, dann ist das fast ein Jahrhundertereignis.
Wie ein Paukenschlag schlug vor gut einem Monat die Nachricht auf den Finanzmärkten ein, dass die Deutsche Bank und die Dresdner Bank fusionieren werden. Es sollte ein so genannter "Merger of Equals" werden, beide Partner seien also gleichberechtigt, tönten die Vorstandsherren beider Häuser, und bei der Besetzung von Führungspositionen hatten die Brautleute vor, nach dem Prinzip "Blending of the Best" die jeweils profiliertesten Banker auf den (reduzierten) Positionen zu belassen.
Doch die Realität ist manchmal einfach grausam gegen Konzernstrategen. Dies gilt vor allen Dingen, wenn eine solche Mammutfusion ganz augenscheinlich dilettantisch vorbereitet wurde. Das Fass zum Überlaufen brachte offenbar der Streit, ob die Investmenttochter der Dresdner Bank, Kleinwort Benson, übernommen wird, wenn ja, mit welchem Aufgabenbereich und unter welcher Führung. Bei der Deutschen Bank war anscheinend von Anfang an alles darauf ausgelegt, Dresdner Kleinwort Benson zu verscherbeln. Durch diese Absicht fühlten sich die Dresdner Banker verschaukelt und über den Tisch gezogen. "Hier zeigt sich klar, dass es der Deutschen Bank doch gar nicht darum geht, gleichberechtigt zu fusionieren. Die wollen vielmehr in Wirklichkeit die Dresdner Bank einsacken", formulierte ein Kenner der Szene. Es mutet abenteuerlich an, dass eine solch wichtige Frage der Eingliederung von Dresdner Kleinwort Benson in die neue Deutsche Bank im Vorfeld offensichtlich nicht geklärt wurde. Bei der Kundschaft wurde unglaublich viel Porzellan zerschlagen, ebenfalls ein Indiz für die schlecht vorbereitete und schlampige Umsetzung des Fusionsvorhabens. "Arme" Kunden mit einem Vermögen unter 200 000 Mark sollten wie auf dem Rangierbahnhof verschoben werden, Ähnliches war für kleine Mittelständler beabsichtigt. Die logische Konsequenz: Empörte Anleger und Firmen liefen sowohl der Deutschen Bank als auch der Dresdner Bank in Scharen davon. Ähnliche Absetzbewegungen waren auch von völlig irritierten Bankangehörigen zu vermelden, und, so war zu hören, gerade nicht die Schlechten suchten das Weite. Das "Desaster of Equals", wie es ein Londoner Finanzanalyst treffend umschrieb, kann für den Anleger nur heißen, Aktien der Deutschen und Dresdner Bank, aber auch der Allianz AG mit Vorsicht zu betrachten. Zumindest so lange, bis die Scherben unter den Teppich gekehrt sind. Börsebius
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