ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2000Anatomie: Zynische Verdrehung

SPEKTRUM: Leserbriefe

Anatomie: Zynische Verdrehung

Dtsch Arztebl 2000; 97(15): A-952 / B-795 / C-742

Zickler, Susanne

Zu dem Feuilleton-Beitrag "Ach, wenn?s mir nur gruselte" von Prof. Dr. phil. Robert Jütte in Heft 10/2000 und dem Beitrag "Anatomie für die Öffentlichkeit", Pro von Prof Dr. med. W. Kriz und Kontra von Prof. Dr. med. Dr. phil. K. Bergdolt in Heft 9/2000:
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LNSLNS In seiner Kritik am Film "Anatomie" (den ich im Übrigen nicht gesehen habe und um den es mir hier auch nicht geht) berichtet Herr Prof. Jütte über den im Film vorkommenden Geheimbund der Antihippokraten AAA, dessen Mitglieder an den Menschenversuchen im Nationalsozialismus beteiligt gewesen wären und die diese Experimente nun an der Heidelberger Anatomie fortsetzten. In diesem Zusammenhang schreibt Herr Prof.
Jütte: "Wie sehr offenbar der Nürnberger Ärzteprozess das Vertrauen in den ärztlichen Stand nachhaltig erschüttert hat, macht dieser Film deutlich. Ärzten traut man inzwischen (fast) alles zu."
Ich möchte doch nachdrücklich darauf hinweisen, dass nicht der Nürnberger Ärzteprozess das Vertrauen in den ärztlichen Stand erschüttert hat, sondern es waren die ihm zugrunde liegenden unmenschlichen medizinischen Experimente, die von SS-Ärzten und Forschern während des Nationalsozialismus an Häftlingen der Konzentrationslager, Juden, Kriegsgefangenen, geistig Behinderten und Angehörigen osteuropäischer Völker vorgenommen wurden. Wie aktuell das Thema immer noch ist, zeigt die Meldung der Frankfurter Rundschau vom 13. März 2000 über die Einstellung der Ermittlungen gegen den letzten noch lebenden SS-Arzt Hans Münch. Münch hatte nach eigenen Angaben dem KZ-Arzt Josef Mengele geholfen und eingeräumt: "Ich konnte an Menschen Versuche machen, die sonst nur an Kaninchen möglich sind. Das war wichtige Arbeit für die Wissenschaft." Münch soll den Häftlingen für Rheuma-Studien Eiter gespritzt und Malaria-Versuche mit ihnen gemacht haben. Diese Menschen verachtende Haltung vieler Ärzte und Wissenschaftler, die in der Zeit des Nationalsozialismus ihren Höhepunkt fand, ist es, die das blinde Vertrauen in die Ärzte zu Recht erschüttert hat.
Wenn nun Herr Professor Jütte den Nürnberger Prozess dafür verantwortlich macht, dass die Ärzte in dem Film ein schlechtes Image hätten, man ihnen Eitelkeit, Geldgier, Standesbewusstsein und den Genuss ihrer Macht über Leben und Tod unterstelle - dann ist das nicht nur eine absolut zynische Verdrehung von Tatsachen und Kausalitäten, sondern es gewährt auch einen unfreiwilligen Einblick in das Bewusstsein des Autors. Dies wiederum lehrt mich tatsächlich gruseln!
Dr. med. Susanne Zickler, Gartenstraße 16, 53913 Swisttal
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