ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2000Drogenpolitik: Nicht dienlich für den Weg aus der Sucht

SPEKTRUM: Leserbriefe

Drogenpolitik: Nicht dienlich für den Weg aus der Sucht

Dtsch Arztebl 2000; 97(15): A-954 / B-798 / C-746

Täschner, Karl-Ludwig

Zu dem "Seite eins"-Beitrag "Dornröschenschlaf" von Dr. med. Eva A. Richter in Heft 9/2000:
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LNSLNS Die Erleichterung über die Schaffung der gesetzlichen Grundlage für die Eröffnung von Fixerstuben in Deutschland ist aus der Sicht des klinischen Psychiaters schwer nachzuvollziehen. An der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Bürgerhospitals in Stuttgart betreiben wir eine Drogenentgiftungsstation "DEMOS" mit 20 Plätzen und behandeln darin etwa 500 Drogenabhängige pro Jahr. Von daher sind wir mit dem Elend auf der Drogenszene durchaus täglich konfrontiert. Auch wenn in das Gesetz der Hinweis aufgenommen wurde, dass in den Fixerstuben in Richtung Abstinenz beraten werden solle, ist doch klar, dass die Praxis in Richtung einer Erleichterung des Drogenkonsums geht, wenn auch nur für eine Randgruppe. Dieser Auffassung ist insbesondere der Internationale Rat für Drogenkontrolle, der es nicht ganz so leicht nimmt wie das DÄ, wenn ein Gesetz in Deutschland erlassen wird, das gegen Geist und Buchstaben der bisher abgeschlossenen internationalen Verträge verstößt. Natürlich hat sich vieles gewandelt, aber dass wir weniger Drogen brauchen, und nicht mehr, und dass
wir Drogenabhängigen helfen müssen, aus der Sucht hinaus- zufinden, das hat sich nicht gewandelt.
Die Schaffung von Fixerstuben orientiert sich an den Verhältnissen in der Schweiz. Sie spielt eine Vorreiterrolle im Hinblick auf akzeptierende Drogenhilfsmaßnahmen. Dabei muss allerdings gesehen werden, dass die Schweiz mit ihrer liberalen Drogenpolitik ein Desaster im eigenen Land angerichtet hat. Dort existiert die höchste Zahl von Drogenabhängigen und Drogentoten in Europa, bezogen auf die Bevölkerungszahl. Die Verhältnisse in Deutschland sind damit überhaupt nicht zu vergleichen.
Aber nicht nur das negative Beispiel mit ihrer gescheiterten Drogenpolitik bis hin zur Heroinvergabe sollte uns warnen, sondern auch der Umstand, dass es in der Medizin im Umgang mit Krankheiten keine Akzeptanz geben kann, sondern nur Diagnose, Therapie und Prävention. Wie soll die Motivation für den Ausstieg aus der Sucht erzeugt werden, wenn der Zugang zum Suchtmittel und sein Konsum erleichtert werden? Wer das Drogenproblem lösen will, muss entschlossen politisch handeln, indem er sich gegen die weitere Verbreitung von Drogen wendet, nicht aber dieselbe fördert und damit die Krankheit Sucht bei den einzelnen Süchtigen verfestigt und vertieft, was schon das Reichsgericht in ständiger Rechtsprechung als Körperverletzung angesehen hat. Es geht um einen Weg aus der Sucht heraus, und dem dienen Fixerstuben nicht. Auch die Beratungsklausel, die nachträglich eingefügt worden ist, wird hier keine nennenswerte Bedeutung haben.
Den Preis der Sucht zahlen übrigens nicht nur die Kranken, sondern auch die Gesellschaft. Dass das Drogenproblem in den letzten Jahren in Deutschland nicht weiter ausgeufert ist, dürfte vor allem auf die Maßnahmen zur Bekämpfung der Sucht und auf die Vielzahl von therapeutischen Einrichtungen für Suchtkranke beruhen, die es mittlerweile bei uns gibt und die durchaus erfolgreich arbeiten.
Prof. Dr. med. Karl-Ludwig Täschner, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Bürgerhospitals, Tunzhofer Straße 14-16, 70191 Stuttgart
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