ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2022Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Coronapandemie: Die Schulschließungen waren für die meisten Kinder toxisch

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Coronapandemie: Die Schulschließungen waren für die meisten Kinder toxisch

Bühring, Petra; Schulze, Anne-Kristin

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Der 126. Deutsche Ärztetag forderte, bei allen künftigen Maßnahmen der Pandemiebekämpfung das Wohl von Kindern und Jugendlichen ganzheitlich zu berücksichtigen. Dies sei nicht geschehen. Aus Sicht der Ärzte ist die Umsetzung eines umfassenden Maßnahmenpaketes erforderlich.

Alle Fotos vom Ärztetag: Jürgen Gebhardt
Alle Fotos vom Ärztetag: Jürgen Gebhardt

Kinder und Jugendliche hatten während der Coronapandemie eine besondere Last zu tragen. Im Verlauf der Pandemie sind ihre Bedürfnisse nicht ausreichend genug beachtet worden. Die psychischen Belastungen sind nach wie vor hoch. Die Lockdown-Maßnahmen wie Kita- und Schulschließungen zum Gesundheitsschutz von Erwachsenen und vulnerabler Gruppen müssen im Nachhinein in ihren Auswirkungen auf die Kinder- und Jugendgesundheit hin hinterfragt werden. Darin waren sich die Experten auf dem 126. Deutsche Ärztetag (DÄT) einig.

Bezüglich der primären Krankheitslast wiesen die Referenten des Themas darauf hin, dass COVID-19 bei Heranwachsenden eher mild oder symptomlos verläuft. Nur selten treten schwerere Verläufe auf, die dann meistens Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen betreffen. Folgeerkrankungen wie das Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) kommen eher selten und vor allem bei älteren Kindern und Jugendlichen vor. Dennoch hat die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI) vor Kurzem empfohlen, auch die Fünf- bis Elfjährigen einmalig zu impfen.

„Aus medizinischer Sicht stellen Kita- und Schulöffnungen kein Pandemierisiko dar.“ – Klaus Reinhardt, Präsident der BÄK. „Kinder haben in der Pandemie massive Grundrechtseinschränkungen erlebt.“ – Annic Weyersberg, Sprecherin COVerCHILD.
„Aus medizinischer Sicht stellen Kita- und Schulöffnungen kein Pandemierisiko dar.“ – Klaus Reinhardt, Präsident der BÄK. „Kinder haben in der Pandemie massive Grundrechtseinschränkungen erlebt.“ – Annic Weyersberg, Sprecherin COVerCHILD.

„Wir wollen den stark belasteten Kindern und Jugendlichen eine Stimme für ihre berechtigten Forderungen geben“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. med. (I) Klaus Reinhardt. Vieles sei in den Zeiten der flächendeckenden Kita- und Schulschließungen in der ersten und zweiten Coronawelle „auf der Strecke geblieben“, sagte er. Sorgen und Ängste der Kinder hätten weiter zugenommen, ebenso depressive Symptome, Essstörungen und psychosomatische Beschwerden. Darüber hinaus seien viele Heranwachsende auch übergewichtig geworden in der bewegungsarmen Pandemie. „Vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Verhältnissen und diejenigen mit Migrationshintergrund hat es besonders stark getroffen“, betonte Reinhardt.

Nicht nur Unterricht sei ausgefallen. Ebenso die Möglichkeiten, sich mit Gleichaltrigen zu treffen, zu reisen, den Übergang zwischen Schule und Berufsfindung zu bewältigen und vieles mehr. „Für Kinder und Jugendliche ist der Kontakt untereinander sehr wichtig“, betonte Reinhardt. Die Coronamaßnahmen hätten ihnen all das verwehrt. „Aus medizinischer Sicht stellen Kita- und Schulöffnungen kein Pandemierisiko dar, wenn Schutz und Hygienemaßnahmen eingehalten werden“, erklärte er.

Die Pandemie habe Kinder und Jugendliche aufgrund der sensiblen Entwicklungsphasen in diesen Lebensabschnitten in besonderer Weise getroffen. „Den Fehlentwicklungen muss jetzt planvoll entgegengewirkt werden“, forderte der BÄK-Präsident. Das Aktionsprogramm der Bundesregierung für 2021 und 2022 „Aufholen für Kinder und Jugendliche nach Corona“ soll die Heranwachsenden dabei unterstützen, Defizite auszugleichen. „Das ist zu begrüßen“, sagte Reinhardt. Doch man müsse auch fragen, warum dafür nur eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt wurde, acht Milliarden Euro jedoch allein für die Rettung der Lufthansa.

„Man muss für den nächsten Herbst dringend Vorbereitungen treffen – bisher ist nicht viel passiert.“– Tilman Kaethner, Niedersachsen (links). „Der Gesundheitsschutz von Erwachsenen wurde über den von Kindern gestellt.“ – Hans-Jörg Bittrich, Thüringen.
„Man muss für den nächsten Herbst dringend Vorbereitungen treffen – bisher ist nicht viel passiert.“– Tilman Kaethner, Niedersachsen (links). „Der Gesundheitsschutz von Erwachsenen wurde über den von Kindern gestellt.“ – Hans-Jörg Bittrich, Thüringen.

Psychische Belastungen hoch

Einen umfassenden Blick auf die Auswirkungen der Coronapandemie für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen warf Prof. Dr. Dr. med. Martin Holtmann, Direktor der LWL-Universitätsklinik Hamm, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Der erste Lockdown ab März 2020, der rund sieben Wochen dauerte, sei für die meisten Kinder und Jugendliche noch spannend gewesen. Sie hatten plötzlich schulfrei und dachten, nach den Osterferien sei alles wieder normal. Der zweite Lockdown ab Dezember 2020, der rund sieben Monate dauerte, haben den meisten hingegen chronischen Stress verursacht, erläuterte der Kinder- und Jugendpsychiater. „Die Schulschließungen waren für die meisten Kinder toxisch.“

Insbesondere Heranwachsende aus sozioökonomisch prekären Verhältnissen und diejenigen mit Migrationshintergrund waren besonders betroffen, erklärte Holtmann. Dennoch dürfe man nicht von einer „verlorenen Generation“ sprechen. „Viele Kinder und Jugendliche sind erschöpft, aber auch sehr anpassungsfähig. Manche sind sogar an den Herausforderungen gewachsen“, sagte der Kinder- und Jugendpsychiater.

„Wir haben immer noch ein deutlich höheres Level an psychischen Belastungen als vor der Pandemie“, konstatierte Holtmann. Depressionen werden deutlich häufiger diagnostiziert. Bei Essstörungen sei ein Anstieg von 30 bis 40 Prozent zu verzeichnen. Auch Angst- und Zwangserkrankungen hätten zugenommen. Im Auge behalten müsse man auch die dysfunktionale Mediennutzung, die in der Pandemie angestiegen sei. Verdoppelt habe sich insbesondere bei den Jungen die Medienabhängigkeit. Zugenommen hätten seit Sommer 2021 auch die akuten Notfälle in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, ebenso seien mehr stationäre Einweisungen zu verzeichnen. Schließlich seien 2021 die meisten Kindeswohlgefährdungen durch Vernachlässigung, Gewalt und psychische Misshandlung seit Einführung der Statistik 2012 festgestellt worden, berichtete er.

Besonders gut seien diejenigen durch die Pandemie gekommen, die ein Elternhaus mit einem guten Familienklima und enge Bezugspersonen hatten. Entscheidend sei immer die Dauer einer Belastung, denn Resilienz sei nur bedingt strapazierbar.

Die Coronapandemie habe wie ein „Brennglas“ gewirkt, denn auch vor der Pandemie sei psychische Gesundheit das Thema der Kindergesundheit gewesen. Zutage getreten sei, dass sozial benachteiligte und psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche besonders von den Coronamaßnahmen betroffen waren. Doch auch in vielen Familien hätten sich während der Pandemie die Risiken kumuliert. „Problematisch für diese Kinder und Familien war, dass die professionelle Unterstützung in der Pandemie nicht mehr für sie verfügbar waren“, betonte Holtmann.

Für die Zukunft müsse die Kindergesundheit mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt und die Versorgungsstrukturen entsprechend weiterentwickelt werden, forderte der Kinder- und Jugendpsychiater. Die Vernetzung sei fragil, weil sie häufig meist freiwillig und nicht verbindlich sei. „Wir benötigen aber Verlässlichkeit und verbindliche Strukturen zur Hilfeplanung und Kooperation.“ Es brauche Konzepte und Interventionen für Kinder aus Risikofamilien und mit Belastungen. Die Versorgung müsse flexibilisiert werden, auch im Hinblick auf aufsuchende Behandlungsangebote.

„Kitas und Schulen müssen bei einer möglichen nächsten Coronawelle offen bleiben“, appellierte der Kinder- und Jugendpsychiater an die Politik. Sie seien der „Grundpfeiler“ für die psychische Gesundheit von Kinder und Jugendlichen und hätten oberste Priorität. Zudem seien sie Frühwarnsysteme für psychische Auffälligkeiten der Schülerinnen und Schüler. Darüber hinaus regte er einen Ausbau der Schulsozialarbeit in den Schulen an, die mit dem Aufholprogramm der Bundesregierung eingeführt worden war. „Die Stellen müssen verfestigt werden und die Ansprechpartner für die Schüler verlässlich bleiben“, forderte Holtmann.

Die Vulnerabilität ignoriert

Auf die erheblichen Auswirkungen der Schul- und Kitaschließungen für die Bildung und das spätere Berufsleben der Kinder und Jugendlichen machte Dr. med. Annic Weyersberg, Sprecherin COVerCHILD (Kinder und Jugendliche in der Pandemie) im Netzwerk Universitätsmedizin, Klinik und Poliklinik für Allgemeine Kinderheilkunde, Universitätsklinik Köln, aufmerksam.

Deutschland habe europaweit im Mittelfeld bei den Schulschließungen gelegen, berichtete die Ärztin. Ein halbes Schuljahr habe in 2020 kein Präsenzunterricht stattgefunden. Anders als in anderen europäischen Ländern seien die Schulen in Deutschland zudem aber auch im zweiten Jahr der Pandemie 2021 geschlossen worden. Bereits vor der Pandemie habe es zahlreiche Defizite in der Bildung in Deutschland gegeben. Durch den ausgefallenen Unterricht während der Pandemie sei die Lesefähigkeit der Schüler deutlich zurückgegangen, ebenso wie die Mathematikkompetenz. Der Anteil an leistungsschwachen Schülern habe sich vergrößert – bei großen sozioökonomischen Differenzen. „Dieser Rückstand wird nicht mehr aufgeholt werden können“, erklärte Weyersberg.

Gelitten habe auch die frühkindliche Bildung durch die Schließung von Kitas während der Pandemie. „Das hat einen großen Einfluss auf die Chancengleichheit. Wir sehen erhebliche Defizite, die noch lange bestehen und in späteren Einkommensverlusten resultieren werden“, sagte die COVerCHILD-Sprecherin. Die Folgen dieser Bildungsdefizite liegen ihr zufolge in verminderten Arbeitsmarktchancen im späteren Leben. Bereits der Verlust eines Drittel eines Schuljahres führe zu einem geminderten Einkommen über das gesamte Berufsleben hinweg. Viele der Aufholmaßnahmen erreichten besonders bedürftige Kinder und Jugendliche nicht mehr. „Schulschließungen dürfen grundsätzlich nur Ultima Ratio sein“, forderte sie deshalb.

„Kinder und Jugendliche haben in der Pandemie massive Grundrechtseinschränkungen erlebt, ohne dass ihnen eine Partizipation an den Entscheidungen ermöglicht wurde“, bemängelte Weyersberg. Die öffentlichen Debatten seien nur aus der Perspektive von Erwachsenen geführt worden. Wissenschaftlich und ethisch hätten die Einschränkungen der Grundrechte der Kinder begründbar sein müssen.

Die Vulnerabilität der Kinder sei bei den Lockdown-Maßnahmen ignoriert worden. „Kindheit ist ein prägendes Lebensalter – schädigende Auswirkungen können lebenslange Auswirkungen haben“, sagte Weyerberg. Bei allen politischen Entscheidungen müsse man immer auch die Lebenslaufperspektive im Blick haben. Das sei in der Pandemie nicht geschehen.


Reinhard Berner: Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Uniklinik Carl Gustav Carus in Dresden, betonte, dass viele Coronamaßnahmen Kinder und Jugendliche belastet haben.

Fred Zepp: Der ehemalige Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, erläuterte die Coronaimpfempfehlung der Ständigen Impfkommission für Kinder und Jugendliche.

Martin Holtmann: Der Ärztliche Direktor der Fachklinik für Kinder und Jugendpsychiatrie, LWL-Universitätsklinik Hamm, betrachtete die Folgen der Pandemie für die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.


Wenig primäre Krankheitslast

Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN) fordert, das Wohl der Kinder bei allen Entscheidungen, die sie betreffen, in den Vordergrund zu stellen. Das ist in den vergangenen zweieinhalb Pandemiejahren nicht ausreichend beachtet worden, sagte Prof. Dr. med. Reinhard Berner, Chefarzt der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus in Dresden. „Die Kinder und Jugendlichen haben mehr gelitten als notwendig.“

Bereits zu Beginn der Pandemie habe sich mit den Daten aus Italien relativ schnell erkennen lassen, so Berner, dass die jüngsten Altersgruppen der bis 18-Jährigen eher selten von COVID-19 betroffen waren. Dennoch seien Kinder und Jugendliche in Deutschland die einzige Bevölkerungsgruppe, die durchgehend anlasslos getestet wurde, meinte der Pädiater.

Selten PIMS und Long COVID

Auch Daten aus Deutschland, erfasst in einem Register für SARS-CoV-2-Infektionen der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), weisen auf eine eher geringe Krankheitslast beim Nachwuchs hin. So mussten nur wenige Kinder und Jugendliche intensivmedizinisch behandelt werden. Von diesen hatten etwa drei Viertel Vorerkrankungen wie Adipositas oder neuromuskuläre Erkrankungen. Weiterhin mussten etwa 80 Prozent der stationär behandelten Kinder, bei denen eine SARS-CoV-2-Infektion festgestellt wurde, keine COVID-19-spezifische Therapie erhalten. Insgesamt verließen circa 75 Prozent der infizierten Kinder und Jugendlichen das Krankenhaus gesund, nur wenige wiesen Restsymptome auf.

Bezogen auf die primäre Krankheitslast kommt allerdings PIMS hinzu, wie Berner weiter ausführte. Dabei handele es sich um ein neues Krankheitsbild, eine Multiorganinflammation. Im PIMS-Register der DGPI wurden bis Mitte Mai 2022 circa 850 stationär behandelte Fälle erfasst. Mehr als die Hälfte der betroffenen Kinder wurde ohne Symptome entlassen, nahezu vier Prozent hatten Folgeschäden.

Das niedrigste PIMS-Krankheitsrisiko besteht für die Altersgruppe der Fünf- bis Elfjährigen ohne Komorbiditäten, so Ergebnisse einer Preprint-Studie aus Deutschland, die Berner zitierte. Die PIMS-Inzidenz betrug 1 pro 4 000 SARS-CoV-2-Infektionen, die im Verlauf der Pandemie auf 1:50 000 sank. Von PIMS waren alle Altersgruppen betroffen, die Mehrheit der Patienten hatte keine Begleiterkrankungen.

„Viele Eltern waren in der Pandemie stark belastet – auch sie brauchen jetzt unsere Hilfe.“ Irmgard Pfaffinger, Bayern (oben). „Die Besonderheiten von Kindern mit geistigen Einschränkungen wurden gar nicht beachtet.“ – Johannes Buchmann, Mecklenburg- Vorpommern.
„Viele Eltern waren in der Pandemie stark belastet – auch sie brauchen jetzt unsere Hilfe.“ Irmgard Pfaffinger, Bayern (oben). „Die Besonderheiten von Kindern mit geistigen Einschränkungen wurden gar nicht beachtet.“ – Johannes Buchmann, Mecklenburg- Vorpommern.

Berner forderte eine altersadjustierte Erfassung der Krankheitslast bei SARS-CoV-2-Infektionen hierzulande. Sie sollte digital und automatisiert erfolgen, um schnell entsprechende Maßnahmen ergreifen zu können. Für eine überbrückende Erfassung könnten Register wie das der DGPI genutzt werden.

Bezogen auf die sekundäre Krankheitslast hob Berner hervor, dass Erkrankungen wie der Diabetes mellitus Typ 1 zugenommen haben. Zudem sei es bei den bis 18-Jährigen in den ersten sechs Monaten zu einem sprunghaften Anstieg des Body-Mass-Index (BMI) gekommen. Als Ursachen würden indirekte Folgen der Pandemie vermutet, etwa aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung. Ein weiterer zu beachtender Aspekt, den der Pädiater hervorhob, war Long COVID. Allerdings lägen bislang nur wenige Erkenntnisse dazu bei Kindern vor, Angaben zu Häufigkeiten fehlten. Man könne davon ausgehen, dass es selten vorkomme und von kurzer Dauer sei. Das Syndrom beträfe vor allem ältere Kinder.

Zusammenfassend sagte Berner, dass viele Entscheidungen zulasten der Kinder und Jugendlichen getroffen worden sind, ohne dass eine ausreichende Evidenz dafür vorliegt. Er wies darauf hin, dass für den nächsten Herbst und Winter erhebliche Defizite in der Ausstattung der Kinder- und Jugendmedizin bestünden. Es müssten Maßnahmen ergriffen werden, die Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche abzufangen und die Schwächen in Systemen wie Schule und anderen Bildungs- und Betreuungssystemen auszugleichen.

Sichere Impfung für Kinder

Prof. Dr. med. Fred Zepp, ehemaliger Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Mitglied der STIKO, betonte ebenfalls, dass bei der Erarbeitung der Impfempfehlungen das Wohl des Kindes an erster Stelle stehen muss. Die STIKO hatte vor Kurzem die Empfehlungen für die Fünf- bis Elfjährigen aktualisiert und rät nun zu einer Impfung gegen COVID-19 in dieser Altersgruppe. Ziel ist es, für den kommenden Herbst und Winter die Immunität der Kinder zu stärken.

In die Entscheidung sind Studiendaten zur Wirksamkeit sowie zur Sicherheit der Impfungen eingeflossen. Die kontrollierten, randomisierten Studien, auf denen die bedingte Zulassung der mRNA-Impfstoffe für Erwachsene in der Europäischen Union beruhte, belegten die Sicherheit, Immunogenität und Wirksamkeit in der untersuchten Population. Nichtunterlegenheitsstudien hätten bei den Kindern und Jugendlichen im Alter von fünf bis 17 Jahren die Wirksamkeit und Verträglichkeit der mRNA-Vakzine in dieser Altersgruppe gezeigt, so Zepp. In einer Studie mit Zwölf- bis 15-Jährigen sei etwa bei keinem von etwa 1 100 Teilnehmenden in der Verumgruppe eine Infektion aufgetreten, in der Placebogruppe bei 16 von circa 1 100. Das bedeutet einen Immunschutz von mehr als 95 Prozent. Zepp wies jedoch daraufhin, dass die Fallzahlen sehr gering sind. Das zeige, wie schwierig es ist, die Studienergebnisse bei Kindern und Jugendlichen zu bewerten.

Aus dem aktuellen Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts zu den COVID-19-Impfungen von Anfang Mai 2022 geht hervor, dass etwas mehr als 5 600 Nebenwirkungen seit Beginn der Impfkampagne bei den Fünf- bis 17-Jährigen gemeldet wurden, darunter nur wenige schwerwiegende Ereignisse. Von besonderem Interesse seien laut Zepp dabei die Fälle von Myokarditis. Bislang traten diese nur bei den Zwölf- bis 17-Jährigen und bei vor allem männlichen Adoleszenten Männern bis 29 Jahren auf.

Insgesamt weise die Studienlage darauf hin, dass COVID-19-Impfstoffe bei Kindern schwere SARS-CoV-2-Infektionen und mögliche Komplikationen verhindern können, fasste Zepp zusammen. Dabei seien die Impfstoffe sicher und gut verträglich. Die Risiken durch die Infektion übersteigen die Risiken von Nebenwirkungen durch die Impfung, so das STIKO-Mitglied weiter.

Um eine Empfehlung für Impfungen aussprechen können, muss die STIKO die Faktoren, die dafür- und dagegensprechen, gegeneinander abwägen, so der Experte. Aspekte wie Krankheit und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden oder vor Folgen wie PIMS und Long COVID zu schützen gehörten auf die Pro-Seite. Studiendaten würden zeigen, dass die Impfung PIMS und Long COVID verhindern kann. Demgegenüber stehen Faktoren wie eher milder Krankheitsverlauf und die begrenzte Wirksamkeit gegenüber SARS-CoV-2-Varianten wie Omikron.

Ebenfalls auf der Pro-Seite findet sich der Fakt, dass mittlerweile Daten zur Sicherheit der Impfstoffe über einen Beobachtungszeitraum von 18 Monaten vorliegen. Dagegen spreche Zepp zufolge das Risiko für das Auftreten von Peri- oder Myokarditiden und gegebenenfalls unbekannter Nebenwirkungen. Auch seien hypothetische Risiken wie Nebeneffekte von Lipidnanopartikeln unbekannt.

Die in einer Modellrechnung ermittelte Seroprävalenz bei Kindern beträgt aktuell mehr als 70 Prozent, führte Zepp aus. Einerseits sei durch eine zusätzliche Impfung der Aufbau einer Hybrid-Immunität möglich. Das basiere auf dem Hintergrund, dass eine Infektion eine eher schwache Immunantwort auslöst und eine Impfung diese Immunantwort deutlich verstärken kann. Andererseits sei die hohe Seroprävalenz auch ein Argument gegen die Impfung.

Nach Abwägen von Nutzen und Risiken habe die STIKO, so Zepp, die Empfehlung für eine einmalige COVID-19-Impfung von Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren ausgesprochen. Vor allem die Möglichkeit, Kindern auf der Grundlage einer durchgemachten Infektion mit einer Impfung einen breiteren Immunschutz bieten zu können, habe den Ausschlag gegeben. „Kinder und Jugendliche sind eine besonders schutzbedürftige Altersgruppe, daher bedürfen Impfempfehlungen für Kinder und Jugendliche einer besonders sorgfältigen Abwägung von Nutzen, gerade im Hinblick auf die individuellen gesundheitlichen Vorteile, und möglichen Risiken.“

Zum Wohle der Kinder

Der 126. DÄT forderte, bei allen künftigen Maßnahmen der Pandemiebekämpfung das Wohl von Kindern und Jugendlichen ganzheitlich zu berücksichtigen. Flächendeckende Schließungen von Kitas und Schulen müssten künftig vermieden werden. Die Hygiene- und Schutzmaßnahmen für die Orte des Erziehungs- und Bildungssystems sollten für die zukünftigen Herausforderungen weiterentwickelt werden.

Die Netzwerkarbeit zwischen Kinder- und Jugendmedizin, Psychiatrie und -psychotherapie, Schule, Schulsozialarbeit und Jugendamt sowie Öffentlichem Gesundheitsdienst (ÖGD) auf Landes- und kommunaler Ebene muss nach Ansicht der Delegierten dringend gestärkt und adäquat finanziert werden. Zudem solle ein Expertenrat konkrete Maßnahmen beschließen – und zwar unter „zwingendem Einbezug“ der Expertise der betroffenen Fächer.

„Ich bin froh darüber, dass die Bundesärztekammer sich mit diesem wichtigen Thema auseinandersetzt. In Bezug auf Kinder und Jugendliche wurden in der Pandemie Riesenfehler gemacht“, sagte Dr. med. Gisbert Voigt, Delegierter der Landesärztekammer Niedersachsen. Damit dies nicht wieder passiere, müssten Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden, forderte der Kinderarzt.

Kinderärzte hätten schon früh während der Pandemie immer wieder darauf hingewiesen, dass die psychische Gesundheit durch die Schulschließungen leide, dass ihr Medienkonsum zunehme und dass das Übergewicht durch Bewegungsarmut und schlechte Ernährung ansteige, sagte Dr. med. Hans-Jörg Bittrich, Thüringen. „Der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat den Gesundheitsschutz der Erwachsenen über den von Kindern gestellt – das darf nicht wieder passieren“, forderte er.

Weiter forderte der Ärztetag die personelle und finanzielle Stärkung der STIKO. Dies solle eine zeitnahe Aufarbeitung des aktuellen Stands des medizinischen Wissens sowie eine entsprechende Anpassung und Weiterentwicklung der flächendeckenden Impfstrategie gewährleisten. Ein an den Vorstand überwiesenen Beschluss fordert, dass sich STIKO und Politik hinsichtlich ihrer Impfempfehlungen abstimmen, bevor diese veröffentlicht werden. Ansonsten komme es zu Verunsicherungen von Ärztinnen und Ärzten sowie der Bevölkerung.

Drüber hinaus betonte Dr. med. Gerald Quitterer, Präsident der Landesärztekammer Bayern, dass „die Politik der STIKO nicht vorgreifen darf.“ Politiker sollten sich an deren Empfehlungen halten und die Kommission nicht unter Druck setzen. Zudem regte er an, Ärztinnen und Ärzte in die politischen Entscheidungen miteinzubeziehen.

Die stationäre und ambulante Versorgungssituation in der Kinder- und Jugendmedizin, -psychotherapie und -psychiatrie sowie des sozialpädiatrischen Bereichs solle verbessert und ausgebaut werden, so die Delegierten. In diesem Zusammenhang wies Dr. med. Irmgard Pfaffinger, Bayern, darauf hin, dass nicht nur zusätzliche Kassensitze für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten geschaffen werden sollten, sondern auch mehr Sitze für Kinder- und Jugendpsychiater, ebenso wie für Erwachsenenpsychiater und -psychosomatiker. „Viele Eltern waren in der Pandemie mit der Situation von Homeoffice und Homeschooling stark belastet – auch sie brauchen unsere Hilfe“, sagte sie.

Einen weiteren Fokus legten die Delegierten auf die Stärkung der Forschungsaktivitäten zu den langfristigen Folgen primärer und sekundärer Krankheitslasten. In einem Beschluss forderte der Ärztetag eine bundesweite, ausreichende Finanzierung und Bereitstellung personeller Ressourcen für eine bundesweite Studie und langfristig angelegte Untersuchung über Long COVID bei Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen. Dr. med. Thomas Lipp, Sachsen, betonte, dass für die notwendigen Laboruntersuchungen bei Long COVID ein Extrabudget zur Verfügung stehen sollte. Ansonsten würden sie aufgrund hoher Kosten nicht durchgeführt, wie er fürchtete.

Bei allen sie berührenden Maßnahmen und Entscheidungen müsse das Wohl und die Meinung von Kindern und Jugendlichen künftig adäquat berücksichtigt werden, forderte der Ärztetag weiter. Mit umfassenden Sofortmaßnahmen solle den entstandenen Entwicklungsdefiziten effektiv entgegengewirkt und zugleich Kinder und Jugendliche auch in ihrer sozialen Teilhabe gestärkt werden. Bis zum Herbst müssten die Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder und Jugendliche nachgerüstet werden. „Man muss für den nächsten Herbst und Winter dringend Vorbereitungen treffen – bisher ist nicht viel passiert“, mahnte Dr. med. Tilman Kaethner, Niedersachsen, an. Auf die besondere Situation von Kindern und Jugendlichen mit geistigen Einschränkungen in der Pandemie wies auch Prof. Dr. med. Johannes Buchmann, Mecklenburg-Vorpommern, hin. „Die Besonderheiten dieser Kinder wurden gar nicht beachtet, nicht einmal die Problematik, dass sie nicht an einem digitalen Unterricht teilnehmen können“, sagte der Kinderpsychiater. Das dürfe so nicht noch einmal mal passieren.

Petra Bühring, Dr. med. Anne-Kristin Schulze

Fazit

TOP III Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Coronapandemie

  • Kinder und Jugendliche leiden vor allem an psychischen Folgen wie Depressionen, Ängsten und Essstörungen, auch die Medienabhängigkeit ist angestiegen. Die primäre Krankheitslast ist jedoch gering.
  • Umfangreiche Maßnahmen zur Bekämpfung der psychischen Folgen und der sozialen Defizite sind notwendig. Dazu gehören mehr therapeutische und psychiatrische Angebote und verstetigte Schulsozialarbeit.
  • Bei künftigen Maßnahmen muss ihr Wohl ganzheitlich in den Blick genommen und berücksichtigt werden.

Die Entschließungen zu den TOP III im Internet: www.aerzteblatt.de/2022top3
Das gesamte Beschlussprotokoll im Internet: http://daebl.de/PH44

„Sie hatten keine Tagesstruktur mehr“

Katharina Swinka, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, zeichnete ein düsteres Bild von der Situationen der Schülerinnen und Schüler während der Pandemie: „Uns erreichten Nachrichten von Schülern, die an ihre Grenzen angelangt waren: Sie fühlten sich hilflos, hatten keine Tagesstruktur mehr, kamen nicht mehr aus dem Bett, waren mit dem digitalen Lernen überfordert.“ Um all dies aufzufangen, brauche es mehr Schulpsychologen, ebenso mehr Kassenarztsitze für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Wichtig sei auch eine weitere Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen, so die Schülersprecherin.

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