ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2022Ärztemangel: Schlechte Aussichten

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Ärztemangel: Schlechte Aussichten

Lau, Tobias; Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Prognose ist schlecht: Alles spricht dafür, dass sich der Ärztemangel in den nächsten Jahren weiter vergrößern wird. Um den Mangel zu begrenzen, forderte der Ärztetag mehr Studienplätze, weniger Bürokratie und einen wertschätzenden Umgang mit Ärztinnen und Ärzten.

Ellen Lundershausen (links) betonte den enormen Handlungsbedarf. Günther Matheis (rechts) benannte die Kommerzialisierung als Grund für den zunehmenden Ärztemangel.
Ellen Lundershausen (links) betonte den enormen Handlungsbedarf. Günther Matheis (rechts) benannte die Kommerzialisierung als Grund für den zunehmenden Ärztemangel.

Die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. med. Ellen Lundershausen, warnte auf dem 126. Deutschen Ärztetag in Bremen eindringlich vor den Versorgungsmängeln, die Deutschland noch bevorstehen. „Uns werden die Ärzte ausgehen“, mahnte sie. „Es besteht also enormer Handlungsbedarf.“ Auf den ersten Blick wirkt diese Aussage paradox. Denn die Zahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland steigt kontinuierlich – 2021 waren es mit 416 120 rund 1,7 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die demografische Entwicklung macht aber auch vor ihnen nicht halt: In den kommenden Jahren werden die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen und eine große Lücke hinterlassen. Gleichzeitig werde zu wenig ausgebildet, betonte Lundershausen. Und die Verwerfungen der Coronapandemie hätten auch an den Universitäten zu Verzögerungen geführt. „Wir werden in den Statistiken in fünf bis zehn Jahren eine Prolongierung der Abschlüsse wegen der Pandemie bemerken“, erklärte die BÄK-Vizepräsidentin.

Doch auch jetzt stehe unterm Strich schon eine negative Bilanz, weil immer mehr Ärzte benötigt würden, um dieselbe Zahl an Vollzeitstellen zu besetzen: 1,2 Personen brauche es mittlerweile, um eine Vollzeitstelle auszufüllen, sagte Lundershausen – Tendenz steigend. Denn der Anteil derer wächst, die in Teilzeit arbeiten: Gingen 2009 noch vier Prozent der Ärztinnen und Ärzte weniger als 30 Stunden pro Woche arbeiten, waren es 2021 schon 31 Prozent.

Steigender Arbeitsdruck

„Wir müssen uns auch fragen, warum die Teilzeittätigkeit zunimmt“, forderte Lundershausen und gab direkt die Antwort: wegen der wachsenden Arbeitsbelastung. Von 1991 bis 2019 sei die Zahl der Krankenhausfälle um 31 Prozent gestiegen – bei einer absoluten Verkürzung der Verweildauer der Patienten um 49 Prozent. Das sei einerseits zwar auch auf eine bessere Medizin zurückzuführen – vor allem aber auf die Kommerzialisierung und den damit einhergehenden, steigenden Arbeitsdruck. In Teilzeit zu arbeiten, sei einer der letzten Garanten für regelmäßige Arbeitszeiten und einen pünktlichen Feierabend.

Hier kommt ein anderer Trend ins Spiel, der den Anteil der Teilzeitkräfte noch vergrößert: „Die Gesundheitsversorgung der Zukunft wird maßgeblich von Frauen gemacht“, fasste es Lundershausen zusammen: Von 1991 bis 2021 ist der Frauenanteil in der Ärzteschaft von rund 34 auf fast 50 Prozent gestiegen – mit stark steigender Tendenz. 2020 betrug der Anteil der Absolventinnen in der Humanmedizin bereits 62 Prozent. In Zukunft werden also Frauen die medizinische Versorgung dominieren. Für sie spiele die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine noch größere Rolle als für die männlichen Kollegen, betonte Lundershausen. Doch „die Arbeitsbedingungen des derzeitigen Gesundheitssystems sind nicht für Frauen gemacht“.

Parallel steige auch der Versorgungsbedarf kontinuierlich, speziell durch die Zunahme von Volkskrankheiten. Bereits jetzt gebe es 6,3 Millionen Diabetikerinnen und Diabetiker in Deutschland. Zusammen mit Prädiabetes und nicht diagnostiziertem Diabetes gehe die Zahl gegen zehn Millionen. Die Folge sei jetzt schon absehbar: Die stationäre Versorgung leide unter einer unzureichenden Personalausstattung, die sich in den kommenden Jahren noch verschlimmern werde, wenn nicht aktiv gegengesteuert wird. „Das wird eine der größten Herausforderungen der Zukunft sein, deren Tragweite wir noch nicht absehen können“, prognostizierte Lundershausen. Trotz zahlreicher Interventionen seitens der Ärzteschaft habe es die Politik seit Jahren versäumt, gegenzusteuern: „Man hat sich jahrelang darauf verlassen, dass man sich auf uns verlassen kann.“

Heilung braucht Arztzeit

Klare Worte in Richtung Politik fand BÄK-Vizepräsident Dr. med. Günther Matheis. Er prangerte vor allem die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens als Grund für die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen an, die die Abwanderung aus dem Beruf und damit den Ärztemangel befeuerten. Denn die Bedingungen, unter denen Ärzte heutzutage arbeiten müssten, seien mittlerweile eine Gesundheitsgefahr – für die Patienten genauso wie für die Ärzte selbst: So lasse „die Daumenschraube einer geforderten Reduktion der Verweildauer“ der Patienten notwendige Erholungsphasen für Ärztinnen und Ärzte gar nicht mehr zu. „Heilung braucht Arztzeit, auch wenn das keine direkten Erlöse generiert“, mahnte er.

Insbesondere Private-Equity-Investoren, die Krankenhäuser und Medizinische Versorgungszentren übernehmen, würden diese Missstände vorantreiben. Ihr Ziel sei keine gute Medizin, sondern kräftige Renditen auf deren Kosten. „Man könnte derartige Dividenden auch Diebstahl am Gemeineigentum nennen“, sagte Matheis. „Sie sind schlicht und ergreifend unanständig.“ Die Forderung, die sich daraus ergibt, lautet: „Es wird Zeit, dass der Gesetzgeber dem einen Riegel vorschiebt.“ Statt weiterer Kommerzialisierung brauche es einen Kurswechsel in der Personalausstattung. Man solle lieber mit zwei ausgelasteten Teilzeitkräften kalkulieren, statt mit einer überlasteten Vollzeitkraft.

Die Delegierten hatten daraufhin in mehreren Anträgen Maßnahmen gefordert, dem wachsenden Ärztemangel in Deutschland entgegenzuwirken. Sie appellierten an die Bundesländer, die Zahl der staatlich finanzierten Medizinstudienplätze in Deutschland kurzfristig um mindestens 6 000 zu erhöhen. Dies sei notwendig, „um den steigenden Versorgungsbedarf in einer Gesellschaft des langen Lebens zu decken“, hieß es in dem Beschluss. Zudem müsse die Bundesregierung sowohl das im Koalitionsvertrag angekündigte „Bürokratieabbaupaket“ im stationären und ambulanten Bereich zügig umsetzen als auch die im Koalitionsvertrag angekündigte Fokussierung der Digitalisierungsstrategie im Gesundheitswesen auf die Lösung von tatsächlichen Versorgungsherausforderungen. Entscheidend seien dabei eine funktionierende Interoperabilität und ein Mehrwert für die moderne Medizin.

Darüber hinaus forderte der Ärztetag die Definition einer adäquaten Personalausstattung in stationären Einrichtungen, die vollumfänglich von den Kostenträgern finanziert werden müsse. Dabei gehe es um eine sinnvolle ärztliche Personalausstattung, betonten die Delegierten – und nicht um die Definition einer Mindestbesetzung. Zu berücksichtigen seien Zeit für das Patient-Arzt-Gespräch, eine Doppelbesetzung in der ärztlichen Weiterbildung sowie die Festlegung einer Mindestanzahl von Fachärzten pro Abteilung. Der Vorstand der Bundesärztekammer stellte auf dem Ärztetag ein Kalkulationstool vor, mit dem der Bedarf an ärztlicher Arbeitszeit errechnet werden kann (siehe Seite 1012).

„Die Coronapandemie hat eindrücklich vor Augen geführt, dass auch ein hochtechnologisiertes und wohlhabendes Land in der medizinischen Versorgung aufgrund mangelnder Personalressourcen an seine Grenzen gelangen kann“, heißt es in dem Beschluss des Ärztetags. „Schon heute ist der Mangel in der Pflege wie auch im ärztlichen Bereich teilweise dramatisch.“ Dabei mangle es sowohl an der absoluten Zahl an Ärztinnen und Ärzten als auch an der zeitlichen Verfügbarkeit für die Patientinnen und Patienten. „Verfügbarkeit wird durch Faktoren wie die Zunahme von Bürokratie, den Umfang nichtärztlicher Tätigkeiten und vermehrte Teilzeitarbeit begrenzt. Hinzu kommen familienbedingte Karrierebrüche sowie unattraktive Rahmenbedingungen ärztlicher Berufsausübung“, erklärten die Delegierten.

Ressourcenschonender Einsatz

Folgen des Personalmangels seien unzumutbare Arbeitsbelastungen und insbesondere in ländlichen und strukturschwachen Regionen Versorgungsengpässe inklusive einer Gefährdung der Patienten- und Versorgungssicherheit. „Um dieser Entwicklung entgegenzutreten, fordert die Ärzteschaft, neben einer konsequenten ärztlichen Nachwuchsförderung einen ressourcenschonenden Einsatz ärztlicher Arbeitskraft sowie einen wertschätzenden Umgang mit Ärztinnen und Ärzten zu gewährleisten“, betonten die Delegierten. Tobias Lau, Falk Osterloh

Fazit

TOP II Ärztlicher Versorgungsbedarf in einer Gesellschaft des langen Lebens

  • Der Deutsche Ärztetag appelliert an die Bundesländer, die Zahl der staatlich finanzierten
    Medizinstudienplätze in Deutschland kurzfristig um mindestens 6 000 zu erhöhen.
  • Er fordert die Definition einer adäquaten Personalausstattung in stationären Einrichtungen, die vollumfänglich von den Kostenträgern finanziert werden muss.
  • Der Ärztetag fordert einen ressourcenschonenden Einsatz ärztlicher Arbeitskraft.

Die Entschließungen zu TOP V im Internet: www.aerzteblatt.de/2022top2
Das gesamte Beschlussprotokoll im Internet: http://daebl.de/PH44

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #615036
co_ed
am Mittwoch, 15. Juni 2022, 05:52

... Link zur Seite 1012 Berechnung des Bedarfs an ärztlicher Arbeitszeit

Seite 1012, hier entlang
Kalkulationstool zur Berechnung des Bedarfs an ärztlicher Arbeitszeit.

        DEUTSCHER ÄRZTETAG
        Ärztliches Personal: Endlich echten Bedarf ermitteln

https://www.aerzteblatt.de/archiv/225583/Aerztliches-Personal-Endlich-echten-Bedarf-ermitteln

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote