ArchivDeutsches Ärzteblatt22-23/2022Wie macht sich der Ärztemangel täglich bemerkbar?

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Wie macht sich der Ärztemangel täglich bemerkbar?

Martin, Mirjam

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Es fehlt an Ärztinnen und Ärzten in Deutschland: in der ambulanten und in der stationären Versorgung, auf dem Land und in der Stadt.

Das Deutsche Ärzteblatt hat beim 126. Deutschen Ärztetag in Bremen mit Ärztinnen und Ärzten darüber gesprochen, wie sie diesen Personalmangel in ihrer täglichen Arbeit zu spüren bekommen, was die Gründe dafür sind und mit welchen Mitteln und Wegen man die Situation verändern könnte. Dr. med. Mirjam Martin

Online finden sich ausführlichere Statements zu dem Thema: http://daebl.de/SW35.

Fotos: Maybaum
Fotos: Maybaum

Dr. med. Wenke Wichmann, Fachärztin Gynäkologie, Uniklinik: Es gibt es ja keinen Ärztemangel im klassischen Sinne, wenn ich mir die Zahlen anschaue, sondern es ist ein Arztzeitmangel. Denn wir leben nicht mehr in einem altmodischen Familienmodell. In einer Partnerschaft gehen beide arbeiten und nicht einer hält dem anderen den Rücken frei, macht nicht den ganzen Haushalt. Das führt dazu, dass beide Elternteile reduzieren, sonst ist das Leben nicht zu schaffen und dann fehlt die Arztzeit.

Ich persönlich bin aktuell noch in Elternzeit und ich habe einen Krippenplatz an der Uniklinik bekommen. Aber das war ein harter Kampf, denn diese Plätze sind begehrt und es sind zu wenig. Deswegen muss es mehr Kinderbetreuung geben, in der Kinder auch im Schichtdienst adäquat betreut sind.

Ein anderer großer Punkt für den Zeitmangel ist die Bürokratie. Wenn ich mich mit Kolleginnen unterhalte, merke ich, dass wir alle sehr engagiert sind und Lust haben, Patientenversorgung zu machen. Die große Bürokratie und die vielen patientenfernen Tätigkeiten frustrieren uns. Wenn ich erstmal eine Stunde pro Tag Vorbefunde von Patienten anfordern muss, in dem ich mit anderen Arztpraxen telefoniere, um Befunde per Fax zu bekommen, kostet das auch Arztzeit. Mit einer elektronischen Patientenakte könnte sich das vielleicht verbessern. Viele Informationssysteme von Praxis und Krankenhaus sind zudem nicht kompatibel. Wenn wir zum Beispiel Medikamente einfach übernehmen könnten und nicht händisch abtippen müssten, könnten wir schon viel kostbare Zeit sparen.

Dr. med. Petra Kob, Fachärztin Gynäkologie, Praxis: Ich spüre den Mangel dadurch, dass wir extrem viele Patientinnen haben, die nach Terminen fragen. Um einen Vorsorgetermin zu bekommen, kann es drei bis sechs Monate dauern. Der Ärztemangel macht sich auch bemerkbar, wenn ich mit 52 Jahren schon eine der Jüngsten bin. In meiner Babyboomergeneration gab es zu viele Ärztinnen und Ärzte. Dann wurde zu wenig ausgebildet. Die Politik ist davon ausgegangen, dass jemand, der Medizin studiert, dann auch hinterher 100 Stunden als Arzt arbeitet. Aber das ist nicht so. Medizinerinnen und Mediziner arbeiten in der Forschung, gehen ins Ausland oder in andere Berufsfelder. Deswegen müssen wir mehr ausbilden, Studienplätze schaffen und auch Werbung für den Beruf machen. Denn für mich ist es der tollste Beruf der Welt.

Dr. med. Kai Johanning, Facharzt Anästhesie, Klinik: Bei uns in der Klinik haben wir insgesamt zu wenig Ärztinnen und Ärzte, deswegen müssen wir teilweise auf Honorarärzte zurückgreifen. Das liegt unter anderem daran, dass es zu wenig Studienplätze gibt. Die Arbeits­bedingungen sind zudem oft nicht optimal, sodass Studierende nicht in der klinischen Versorgung arbeiten wollen. In meiner Abteilung werde ich die Weiterbildung noch mehr strukturieren und weiterentwickeln.

Zusätzlich bieten wir Teilzeitmöglichkeiten an: 70 Prozent meiner Fach- und Oberärztinnen arbeiten in Teil­zeit, das ist enorm viel. Bei den Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung sind es etwas weniger. Um den Ärzte­mangel zu beheben, sollte die Politik ihrem Auftrag nachkommen und mehr Studienplätze schaffen. Das darf aber nicht einfach so beschlossen werden, ohne Strukturen dafür zu schaffen. Es darf keine zu vollen Hörsäle geben und die Finanzierung muss stimmen. Außerdem darf es nicht auf dem Rücken von Ärztinnen und Ärzten, die in dem System arbeiten, ausgetragen werden.

Hans-Martin Wollenberg, Facharzt Psychiatrie, Klinik: Wir können kaum Stellen nachbesetzen. Die Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir Stellen nachbesetzen, kommen größtenteils nicht aus Deutschland. Die Studierenden aus Deutschland sind kaum noch bereit, in die Peripherie zu gehen. Sie bleiben in den Städten, in denen sie studiert haben, oder gehen in Städte mit einer besseren Infrastruktur. Probleme bestehen auch in den nervenheilkundlichen Fächern, insbesondere in der Psychiatrie. Zumindest in Niedersachsen ist die Altersstruktur da noch schlechter als in der Allgemeinmedizin. Um den Ärztemangel zu beheben, muss man verstehen, dass gute Versorgung auch bedeutet, dass wir dafür Geld aufwenden müssen. Wir müssen aber auch dafür sorgen, dass dieses Geld im System bleibt. Die Mittel für das Gesundheitssystem sollten auch nur dem Gesundheitssystem zugutekommen.

Alina Sassenberg, Ärztin in Weiterbildung Psychiatrie: Bei meiner Arbeit spüre ich den Mangel jeden Tag. Im Krankenhaus musste ich ständig für Dienste einsprin­gen, wenn jemand krank war. Die Dienste sind heute dichter getaktet. Von unseren Vorgesetzten wird häufig angenommen, dass Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung nur auf ihre Work-Life-Balance gucken. Das ist Unsinn.

Wir müssen in der Zeit, die wir im Krankenhaus verbringen, viel mehr arbeiten als unsere Vorgängerinnen und Vorgänger. Weil wir eben weniger Kolleginnen und Kollegen haben. Häufig habe ich im Krankenhaus nicht nur eine Station mit mehr als zwanzig Patientinnen und Patienten versorgt, was meiner Meinung nach schon relativ viel ist, sondern zwei, manchmal drei Stationen. Das führt natürlich zu einer extremen Belastung.

Dr. med. Marion Charlotte Renneberg, Fachärztin Allgemeinmedizin, Praxis: Ich arbeite in einer Praxis auf dem Land. Viele Kolleginnen und Kollegen haben eine Einzelpraxis und sind schon in einem höheren Lebensalter. In meiner direkten Region ist das Durchschnittsalter der Hausärztinnen und Hausärzte über 60 Jahre. Diese suchen verzweifelt nach jungen Kolleginnen und Kollegen, die die Praxis übernehmen könnten. Ich glaube, dass viele nicht mehr alleine arbeiten möchten. Ich selbst arbeite in einer Gemeinschaftspraxis und schätze es sehr, dass wir uns untereinander austauschen und freie Zeiten miteinan­der absprechen können. Ich glaube, dass dies die Zukunft ist. Um die Situation zu verbessern, könnte ich mir zum Beispiel vorstellen, dass Zweigstellen öffnen, die vielleicht nur ein bis zwei Tage die Woche geöffnet haben und täglich mit weitergebildeten medizinischen Fachangestellten besetzt sind.

Dr. med. Martin Junker, Facharzt Allgemeinmedizin, Praxis: Aufgrund des Ärztemangels ist es aktuell nicht möglich, die Versorgung weiter auszubauen, es lassen sich gerade so ein paar Löcher stopfen. Das liegt an vielen Dingen. Unter anderem an der Arbeitsauffassung von uns Ärztinnen und Ärzten. Dass die Work-Life-Balance im Vordergrund steht, kann man beklagen, aber man kann es auch verstehen und man muss es einfach so hinnehmen.

Für uns war es früher selbstverständlich, die ganze Woche Dienste zu machen, aber das kann man heute nicht mehr verlangen. Durch die stärkere Verweiblichung unseres Berufsstandes kann man eine 150-prozentigen Arbeitseinsatz nicht mehr aufrechterhalten. Unsere Nachfolgerinnen haben noch einen Zweitberuf: die Familie, die Kinder. Das heißt, wir werden unsere Arbeitsstruktur auf Teilzeit oder auch auf stundenweise Arbeitszeit umstellen müssen, sonst werden wir gar nicht mehr zurechtkommen.

Es wird dringend notwendig, den vielen Ärzten und Ärztinnen „ohne ärztliche Tätigkeit“ eine Möglichkeit zu eröffnen, wieder in ihrem schönen Beruf tätig zu werden. Das gleiche gilt auch für die vielen, gut ausgebil­deten und meist aus familiären Gründen nicht mehr tätigen Frauen und Männer in anderen Ge­sundheits­berufen, die dringend gebraucht werden. Dafür muss zum Beispiel die Weiterbildungsordnung geändert werden: Auch mit dreißig Prozent sollte es möglich sein, die Weiterbildung zu machen. Hierfür müssen endlich Politik, Kommunen und andere Beteiligten entgegenkommende Möglichkeiten finden, um diese Ressourcen zu heben.

Bei mir persönlich war es so, dass meine Frau, die auch als medizinische Fachangestellte in der Praxis ge­arbeitet hat, mir Gott sei Dank den Rücken auf allen Ebenen freigehalten. Aber meine Kinder habe ich nur selten gesehen.

Kommentare

Die Kommentarfunktion ist für diesen Beitrag geschlossen.
Avatar #52741
mariafetsi
am Freitag, 24. Juni 2022, 07:14

Nicht hinnehmbar!

Sehr geehrtes Redaktionsteam, auch in der vollständigen Fassung des Statements von Herrn Junker ist seine Haltung gegenüber uns weiblichen Kolleginnen sehr klar zu lesen. Es ist ein regelrechtes Affront gegenüber uns Ärztinnen, die auf der einen Seite für ihren Beruf brennen und auf der anderen Seite, ihre Familie lieben und Zeit mit ihr verbringen möchten. Wir müssen nicht 150% geben, wir schaffen es auch mit 70% und wir würden viel mehr mit 70% und 50% schaffen, wenn Geschäftsführer, Chefärzte und Politiker (Sie haben es geraten, in ihrer großen Mehrheit Männer!) uns der Gestaltung unserer Arbeitszeit und -weise freie Hand geben würden!
Avatar #90964
Redaktion Deutsches Ärzteblatt
am Mittwoch, 22. Juni 2022, 14:23

Verkürzte Darstellung

In der Druckversion ist die Aussage von Dr. med. Martin Junker von der Redaktion stark verkürzt wiedergeben worden. Das Statement hat so zu vielen kritischen Reaktionen geführt.
Online ist die gesamte Antwort von Herrn Junker abrufbar und in unserer PDF-Version im Archiv ist nun ebenfalls das gesamte Statement anstelle der gekürzten Version zu lesen. Die Kommentarfunktion musste die Redaktion leider deaktivieren, da viele Kommentare Herrn Junker persönlich angegriffen haben.

Redaktion Deutsches Ärzteblatt
Avatar #725111
UndIch
am Dienstag, 14. Juni 2022, 07:32

Wie kann man dies Abdrucken?

Ich frage mich ernsthaft, wie man die Aussage Herrn Junkers so abdrucken konnte. Ich kann keine „Verweiblichung“ unseres Berufes feststellen (was auch immer mit diesem mehr als befremdlichen Terminus gemeint ist!). Und nein - unsere Nachfolgerinnen haben nicht plötzlich noch einen Zweitberuf - sie Herr Junker hatten diesen auch schon und jeder andere Vater hat ihn auch - sie haben ihn offensichtlich nur nicht ausgeführt. Allein die Tatsache, dass sie dies grundlegend auf die Mütter abwälzen wollen, sagt sehr viel über sie aus. Nicht sonderlich viel gutes leider.
Avatar #678558
Jückstock
am Montag, 13. Juni 2022, 22:08

Martin Junker

Ich bin entsetzt, dass die reaktionäre Meinung von Herrn Junker unkommentiert im Deutschen Ärzteblatt abgedruckt wird und fordere eine Stellungnahme des Ärzteblatts.
Hier hätte ich mir erstmals einen Shitstorm gewünscht!
Aber für mich auch ein Anlass nach Jahren erneut zu versuchen diese Zeitung abzubestellen. Die redaktionelle Bearbeitung scheint ja aus dem letzten Jahrtausend zu stammen.
Avatar #1006114
Ricarda Dukatz
am Sonntag, 12. Juni 2022, 14:44

Kommentar Dr. Martin Junker

Ich kann mich meinen Vorredner*innen nur anschließen: dieser Beitrag ist schwer zu ertragen.
Herr Junker bedient sich nicht nur des nostalgischen Mythos, dass ärztliches Personal während seiner Ausbildungszeit härter gearbeitet habe und dass ein "150%iger Arbeitseinsatz" oder "die ganze Woche Dienste machen" ein wünschenswerter oder zukunftsträchtiger Zustand sei, sondern er schreibt den subjektiv erlebten Niedergang der Arbeitsmoral der "Verweiblichung" des Berufsstandes zu.
Während ich die Romantisierung des Arbeitens am Rande der Belastungsgrenze für rückwärtsgerichtet und gesellschaftlich überholt, aber nicht ungewöhnlich für Herr Dr. Junkers Jahrgang halte, ist das Implizieren von nachlassender Leistungsbereitschaft durch mehr Frauen in der Medizin offen sexistisch und nicht akzeptabel.
Das kritiklose Abdrucken einer derart diskriminierenden Meinung hat nichts mit einem seriösen Magazin zu tun und bedarf der Richtigstellung durch die Redaktion.
Avatar #760158
wilhem
am Freitag, 10. Juni 2022, 16:27

Ja, aber

Also das Narrativ finde ich auch höchst befremdlich und schädlich, aber grundsätzlich infrage zu stellen, dass andere Meinungen nicht abgedruckt werden, halte ich auch für befremdlich, offensichtlich gibt es noch solche Einstellungen bei der älteren Generation, sind die plötzlich weg, wenn man sie nicht liest...?
Avatar #720672
Axel.Braun
am Freitag, 10. Juni 2022, 16:20

Grober Unfug

Es ist tatsächlich sehr bedauerlich, daß ein solcher Unfug des Herrn Dr. Junker im Deutschen Ärzteblatt abgedruckt wird.
Avatar #1005922
Sir Factant
am Freitag, 10. Juni 2022, 14:27

Feedback Kommentar Herr Junker

Wenn ich einen solchen Beitrag lese, fühle ich nur Scham und Wut. Leider scheint der Kollege Junker nicht im Jahr 2022 angekommen zu sein und fügt mit seinem sexistischen rückwärtsgewandten Kommentar unserem Stand Schaden zu. Auch ich habe absolut keine Lust mich in den Diensten verheizen zu lassen, das ist keine Eigenschaft, die nur Kolleginnen betrifft, das nennt man gesunden Selbstschutz. Es muss sich grundlegend etwas am System der Weiterbildung ändern, sonst wandern weiterhin junge gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte in andere Branchen ab.
Avatar #1005918
Weyler
am Freitag, 10. Juni 2022, 13:26

Kommentar Junker

„Verweiblichung“ als Ursache für einen Ärztemangel zu sehen, mag die persönliche Meinung eines einzelnen zu sein - aber einer solchen Form von Sexismus und Beleidigung in einer Zeitschrift wie dem DÄ eine Plattform zu geben, kann hoffentlich nur ein Versehen sein und bedarf der dringenden Stellungnahme. Ärztinnen gleichbedeutend mit weniger Arbeitseinsatz zu setzen ist eine frauenfeindliche, diskriminierende Äußerung. Impliziert etwa das männliche Geschlecht besonderen medizinischen Fleiß, den man von Frauen nicht erwarten kann? Bedeutet Ärztin zu sein automatisch auch eine Familie zu haben, die die medizinische Arbeitskraft beeinträchtigt? Ich kann nur hoffen, dass viele männliche Kollegen aufgrund dieses veröffentlichten Kommentares ebenso aufgewühlt sind und sich zu Wort melden.
Avatar #92742
Oezer-Arasli
am Donnerstag, 9. Juni 2022, 22:24

Kommentar Kollege Junker

Auch ich finde dass die Begründung des Ärztemangeld durch die "Verweiblichung" der Medizin mitbegründet sei unverschämt und beleidigend. Ich bin auch dafür dass es einer Klarstellung und Szellungnahme seitens der Redaktion bedarf.
Avatar #1005794
Philipp W. , Arzt und Redakteur
am Donnerstag, 9. Juni 2022, 09:51

Kommentar Dr. Junker

Dr. Junkers Kommentar ist bodenlos. Wie konnte sich die Redaktion des Ärzteblatts dazu entschließen, diesen Beitrag abzudrucken? Die Kollegin Salem A. (s.u.) hat völlig recht: eine Stellungnahme in der nächsten Ausgabe des Ärzteblatts ist dringend notwendig.
Avatar #1005776
Anne Schulte
am Mittwoch, 8. Juni 2022, 22:10

Kommentar Herr Junker

Der Kollege Martin Junker bemüht hier gleich zwei überaus fragwürdige Narrative: das kapitalistische des "150 Prozent arbeitenden Mannes" und das patriarchale, dass Frauen weniger belastbar seien.

Doch ein kausaler Zusammenhang zwischen Verweiblichung der Medizin und angeblich geringerer Belastbarkeit des ärztlichen Personals besteht nur in Herr Junkers Fantasie:

Der Anteil an weiblichem Personal, dass keine 100 %-Stelle innehat, ist nicht Zeichen der geringeren Belastbarkeit der Frauen, sondern einer sich vollziehenden Zeitenwende: immer weniger Ärztinnen und Ärzte unterwerfen sich den Arbeitsbedingungen der kapitalistisch orientierten Klinikkonzerne. Selbst mit hohem Idealismus sind die Arbeitsbedingungen in den kommerzialisierten Häusern für meine Generation nicht mehr erstrebenswert. Dafür braucht es kein doppeltes X-Chromosom.

Denn zustimmen muss ich der Kollegin A. Sassenberg: viele ältere KollegInnen ahnen überhaupt nicht, in was für einer Arbeitsverdichtung wir unsere „150-prozentigen Einsatz“ jeden Tag schaffen. Und ja, auch (und immer mehr) wir Frauen.
Avatar #1005764
Victoria S.
am Mittwoch, 8. Juni 2022, 20:30

Feedback: Kommentar Junker

Der Kommentar von Dr. Junker zur aktuellen Situation der Ärzteschaft und wie er es nennt "Verweiblichung" des Berufsstandes mit von ihm impliziertem konsekutivem Leistungsabfall mag zwar seine persönliche Meinung sein, ist aber offenkundig eine frauenfeindliche Äußerung und hat deshalb genau wie anders diskriminierende Äußerungen nichts in einer seriösen Zeitschrift wie dem Ärzteblatt verloren.
Dass Ärztinnen genauso hart arbeiten wie andersgeschlechtliche Kollegen braucht man niemandem erklären, der die Realität des Jahres 2022 in deutschen Krankenhäusern kennt. Die Implikation Frauen würden weniger Leistung erbringen hat hier keinerlei Beweisgrundlage und ist eine pauschale Beleidigung aufgrund des Geschlechts.
Wie meine VorrednerInnen hoffe ich ebenfalls auf eine adäquate Stellungnahme des Ärzteblatts in der nächsten Ausgabe.

Hier ein Zitat aus der Netiquette für Forumsbeiträge, vielleicht beherzigen Sie diese in Zukunft auch im Ärzteblatt selbst: "Beiträge, die andere etwa wegen ihres Geschlechts, ihres Alters, ihrer Sprache, ihrer Abstammung, ihrer religiösen Zugehörigkeit oder ihrer Weltanschauung diskriminieren, werden gelöscht."
Avatar #760920
milenazimmer@gmx.de
am Mittwoch, 8. Juni 2022, 18:24

Feedback Kommentar Dr. Junker

Dass die Riege der alten wei(s)ßen Männer immernoch einen viel zu großen Einfluss auf den täglichen Alltag des ärztlichen Personals hat muss man niemandem erklären, der noch aktiv tätig ist. Das bezieht sich nicht nur auf die offensichtliche Benachteiligung von weiblich gelesenem Personal sondern durchaus auch auf die Lebensqualität aller "jüngerer" Kollegen, denn früher war es ja schließlich auch so. Dass das Ärzteblatt besagter Riege immer noch eine Bühne bietet ist nicht nur höchst problematisch sondern grundlegend enttäuschend.
Avatar #1005731
Salem A., Ärztin und Redakteurin
am Mittwoch, 8. Juni 2022, 15:55

Feedback: Kommentar von Herr Junker

Den Kommentar von Herr Junker so abzudrucken und zu veröffentlichen finde ich höchstproblematisch. Aus meiner eigenen klinischen Tätigkeit weiß ich, dass die "Verweiblichung" des Berufsstandes keinesfalls der Grund für die prekäre Situation in vielen Kliniken ist. Die Frauen, mit denen ich gearbeitet habe, haben alle einen "150-prozentigen Arbeitseinsatz" geleistet und sich aufgrund des immer weiter steigenden Ökonomisierungsdrucks bis an den Rand ihrer Leistungen getrieben, genauso wie ihre männlichen Kollegen. In modernen Zeiten ist die Familie und Kinder als "Zweitberuf" nicht nur Aufgabe der Frau, sondern auch des Mannes, weswegen Teilzeitstellen nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern häufig erwünscht sind.
Der Kommentar ist sexistisch und fördert das Narrativ, dass Frauen weniger Leistung erbringen könnten als Männer. Ich hoffe auf eine Stellungnahme hierzu in der nächsten Ausgabe des Ärzteblatts.
Avatar #704744
Thomas Kapitza
am Dienstag, 7. Juni 2022, 10:38

Überfälliges Tool, nun wird die Umsetzung wichtig!

Zweifellos ist das neue Tool eine wichtige und überfällige Grundlagenarbeit, um der Ärzteschaft in akutstationären Versorgungseinrichtungen einen quantitativen Überblick über die betriebliche Verfügbarkeit ihrer Berufsgruppe anzubieten. Die grundlegende Methodik erinnert an die analytischen Vorgehensweisen der Personalbedarfsermittlung (mit ihren Stärken aber auch Schwächen) bei den Wirtschaftlichkeitsprüfungen SGB V in den 80er-Jahren und 90er-Jahren.
Interessant wird die praktische Frage werden, wie die Erkenntnisse aus einer korrekten Anwendung dieses Kalkulationstools in die betriebliche Weiterentwicklung der Kliniken und des Vergütungssystems einfließen werden. Befinden sich die Soll-Zahlen gegenüber den IST-Zahlen in der „gelben“ oder sogar „roten“ Zone, und wird dieses für die Entscheidungsverantwortlichen im Krankenhaus transparent, werden sich mindestens ärztliche Führungskräfte und kaufmännische Unternehmensleitung darüber einig werden müssen, wie mit diesen Informationen umzugehen sein wird. Damit kann dieses neue Tool ein wichtiger Bestandteil von neuen Medical Corporate Governance-Konzepten werden.
Es gilt zu vermeiden, dass dieses begrüßenswerte neue Tool ungewollt zum unternehmerisch-betriebswirtschaftlichen Todesstoß für diejenigen Versorgungseinrichtungen wird, welche mittelfristig nicht in der Lage sein werden, die SOLL-IST-Lücke bezüglich der ärztlichen Berufsgruppe in Ihrer Klinik zu schließen. Eine argumentativ gestärkte Ärzteschaft sollte sich hier zukünftig intensiv einbringen.

Dr. sc.med. Dipl.-Kfm. (Univ.) Thomas Kapitza, Medicine & Economics Ethics Lab, Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte, Universität Zürich; thomas.kapitza(et)ibme.uzh.ch.

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