ArchivDeutsches Ärzteblatt30/1996Vergangenheit: Anmerkungen

SPEKTRUM: Leserbriefe

Vergangenheit: Anmerkungen

Kahnt, Rudolf

Zu dem Beitrag "Wertebild der Ärzteschaft: Lehren aus einer üblen Vergangenheit" von Norbert Jachertz in Heft 25/1996 und dem Post Scriptum in Heft 21/1996 "Zu Ehren von Anton Mertens":
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LNSLNS Der diesjährige Deutsche Ärztetag hat auch an den Nürnberger Ärzteprozeß vor 50 Jahren erinnert. Dazu Anmerkungen eines Zeitzeugen:
Wie viele meiner gleichaltrigen Amtsbrüder entstamme ich, wie übrigens auch Behring und Virchow, der ehrbaren, vor 200 Jahren gegründeten Militärärztlichen Akademie in Berlin. Richtschnur in Stein am Gebäude und als Engramm in unseren Gehirnen: Scientiae, Humanitati, Patriae. Unser Jahrgang wurde zum Gelbkreuzversuch aufgerufen. Widerspruch undenkbar. 50 Mann wurden ausgewählt. Ich war zufällig nicht darunter, Lost auf eine fünf-DM-stückgroße Hautfläche an einem Unterarm, danach Bedeckung mit der neutralisierenden Paste Levisit. Rückstand: Kaum sichtbare Narbe.
Während einer Famulatur als Sanitätsfähnrich hörte ich einem Gespräch zwischen zwei Stabsärzten zu. Es ging um Versuche an KZ-Häftlingen durch den SS-Arzt Prof. Gebhard im SS-Lazarett Hohenlychen/Brandenburg. Er wurde nach meiner Erinnerung im Nürnberger Prozeß zum Tode verurteilt und gehängt. In dem erörterten Fall wurde eine neue Methode zur operativen Versorgung von Schultergelenkverletzungen erprobt. Frage: Was geschah mit dem Probanden? Antwort: Man ließ ihn aus der Narkose nicht mehr aufwachen. Der eine Kollege zuckte die Schultern, der andere war empört. Ich hatte den Mund zu halten. Nationalsozialismus damals, Nationalmasochismus heute, beides bis zum Exzeß. Typisch deutsche Charaktereigenschaft.
Es gibt Scheusale in Menschengestalt. Einer davon war der Massenmörder und Kannibale Haarmann in Hannover, der Ende der 20er Jahre zum Tode verurteilt und enthauptet wurde. Ich erinnere mich an zwei weitere Unmenschen: Vor zwei Jahren mähte ein jüdischer Arzt – ausgerechnet – in Hebron mit seiner Maschinenpistole 30 betende Moslems in der dortigen Moschee nieder. Vor kurzem erschoß in Australien – oder war es Neuseeland? – ein Amokläufer sinnlos über 20 nichtsahnende unschuldige Mitmenschen.
Ist es moralisch gerechtfertigt, an diesen Lebewesen zwangsweise wichtige medizinische Versuche vorzunehmen, auch wenn sie dabei sterben?
Für mich kann ich diese Frage noch nicht eindeutig beantworten. Sie zu stellen gebieten mir meine kritische Denkweise und mein mit Anstand verbrachtes Berufsleben als Arzt und Beamter.
Dr. med. Rudolf Kahnt, Leitender Medizinaldirektor a. D., Karl-Hintze-Weg 73, 38104 Braunschweig
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