ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2000Ambulante Versorgung: Fachärzte befürchten massive Honorareinbußen

POLITIK: Leitartikel

Ambulante Versorgung: Fachärzte befürchten massive Honorareinbußen

Dtsch Arztebl 2000; 97(15): A-965 / B-814 / C-770

Maus, Josef

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LNSLNS Zwischen Hausärzten und Fachärzten bahnt sich ein neuer Streit an. Anlass ist die vom Gesetzgeber gewollte Trennung der Gesamtvergütung in einen hausärztlichen und fachärztlichen Anteil.


Die Einigung über die künftige Rolle von Allgemeinärzten und Internisten in der ambulanten Versorgung kam im September vergangenen Jahres für viele Beobachter überraschend. Nach jahrelangem Gezerre um Honoraranteile und Zuständigkeiten in der Patientenversorgung war der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), dem Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands (BDA) und dem Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) ein Kompromiss gelungen, der berechtigte Hoffnungen auf ein schiedlich-friedliches Miteinander weckte (siehe Deutsches Ärzteblatt, Heft 36/1999). Doch die neue Harmonie zeigt bereits erste Risse.
Unter den niedergelassenen Fachärzten geht die Angst vor massiven Honorareinbrüchen um. Der Grund liegt nicht in der damals vereinbarten Gliederung der Versorgung. Vielmehr geht es um die gesetzlich vorgeschriebene Trennung der kassenärztlichen Gesamtvergütung in einen hausärztlichen und fachärztlichen Anteil. Der Gesetzgeber hat damit im GKV-Gesundheitsreformgesetz 2000 (§ 85 Abs. 4 a) den gemeinsamen Bewertungsausschuss von Kassenärztlicher Bundesvereinigung und Krankenkassen beauftragt. Eine zentrale Zielvorgabe war, bei der Berechnung der jeweiligen Vergütungsanteile das für die Hausärzte günstigste Jahr zwischen 1996 und 1999 heranzuziehen, denn die hausärztliche Versorgung soll nach dem Willen des Gesetzgebers nachhaltig gestärkt werden. Hier kommt den Hausärzten die EBM-Reform aus dem Jahr 1996 entgegen, die (kurzfristig) eine Ausweitung und deutliche Besserbewertung von Gesprächsleistungen zur Folge hatte.
Bei der Aufteilung der Vergütung bewirkt dies nach Berechnungen des Bewertungsausschusses Honorarverschiebungen um rund sieben Prozent zulasten der Fachärzte. Dies ist allerdings ein bundesweiter Durchschnittswert. In den Regionen kann es aufgrund der unterschiedlichen Honorarverteilungsmaßstäbe zu sehr viel größeren Verwerfungen kommen. Im Einzelfall, so der Vorsitzende der KBV, Dr. med. Manfred RichterReichhelm, seien durchaus Punktwertdifferenzen von bis zu 30 Prozent zwischen den Haus- und Fachärzten denkbar.
BDA-Attacke gegen den KBV-Vorstand
Für den Berufsverband der Allgemeinärzte war diese Einschätzung Grund genug, dem KBV-Vorstand die Fortsetzung "seiner hausarztfeindlichen Politik" vorzuwerfen. Der BDA-Vorsitzende, Prof. Dr. med. KlausDieter Kossow, sieht folgerichtig im Ergebnis der Vergütungstrennung nicht mehr als die vom Gesetzgeber gewollte Existenzsicherung der Hausärzte, die immer noch am Ende der Einkommensskala stünden.
Gleichwohl sind die Befürchtungen der Fachärzte nicht von der Hand zu weisen. Sie sind nämlich von der Aufteilung der Vergütung in dreifacher Hinsicht betroffen: Einerseits erhalten die Hausärzte einen relativ höheren Anteil. Andererseits lassen sich nach wie vor deutlich mehr Fachärzte nieder, sodass der "kleinere Topf" künftig für noch mehr Ärzte reichen muss. Und drittens werden auch die Honorare der Psychotherapeuten - einschließlich der Psychologischen Psychotherapeuten - aus dem Facharzt-Topf gespeist. So richtet sich die Kritik des Berufsverbandes der Internisten auch nicht gegen die KBV, sondern gegen die rotgrüne Bundesregierung. Der BDI glaubt, dass hinter all dem der Versuch steckt, die niedergelassenen Fachärzte finanziell auszubluten. Der Regierung sei es vielleicht gar nicht so unlieb, mutmaßen die Internisten, wenn mehr und mehr Fachärzte auf der Strecke blieben. Gut möglich, denn Rudolf Dreßler (SPD) und andere Sprecher der Koalition haben wiederholt erklärt, dass es ohnehin zu viele niedergelassene Ärzte, vor allem Fachärzte, gebe.
Sitzt der "Feind" demnach in Berlin? Die niedergelassenen Ärzte haben die Wahl, ob sie sich nun wieder mit gegenseitigen Attacken lähmen oder gemeinsam verdeutlichen, dass die ambulante Vergütung insgesamt nicht ausreicht, um eine hochwertige Versorgung auf Dauer sicherzustellen. Josef Maus

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