ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2022Coronamaßnahmen: Strategiewechsel empfohlen

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Coronamaßnahmen: Strategiewechsel empfohlen

Kurz, Charlotte

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Der Corona-Expertenrat hat für den kommenden Herbst und Winter drei mögliche Szenarien und konkrete Handlungsempfehlungen vorgestellt. Künftig soll zudem der Schutz vulnerabler Gruppen sowie die Abmilderung schwerer Erkrankungen im Fokus künftiger Maßnahmen stehen.

Vier Mitglieder des Expertenrates, Christian Karagiannidis, Heyo Kroemer (Vorsitzender des Expertenrates), Leif Erik Sander und Cornelia Betsch (von links), präsentierten die elfte Stellungnahme. Foto: picture alliance/dpa – Wolfgang Kumm
Vier Mitglieder des Expertenrates, Christian Karagiannidis, Heyo Kroemer (Vorsitzender des Expertenrates), Leif Erik Sander und Cornelia Betsch (von links), präsentierten die elfte Stellungnahme. Foto: picture alliance/dpa – Wolfgang Kumm

Mit Blick auf den kommenden Herbst und Winter hat sich der Corona-Expertenrat der Bundesregierung für einen Strategiewechsel bei den Schutzmaßnahmen ausgesprochen. Aufgrund des hohen Immunisierungsgrads der Bevölkerung und der aktuell vorherrschenden Virusvarianten mit verringerter Krankheitsschwere ergebe sich der benötigte Strategiewechsel von den bisherigen Ansätzen der Eindämmung (Containment) hin zum Schutz vulnerabler Gruppen (Protektion) und der Abmilderung schwerer Erkrankungen (Mitigierung), heißt es in der elften Stellungnahme des Rates.

Das 23-seitige Papier enthält darüber hinaus konkrete Empfehlungen sowie drei mögliche Szenarien für den kommenden Herbst (Kasten). Der Expertenrat besteht aus 19 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen und ist beim Bundeskanzleramt seit Mitte Dezember 2021 angesiedelt.

Die Situation sei trotz der skizzierten Szenarien „nicht verlässlich vorhersagbar“, heißt es in der Stellungnahme. Die Bevölkerung müsse sich deshalb darauf einstellen, dass neben verstärkten Infektionsfällen von COVID-19 auch andere Atemwegserkrankungen wie die saisonale Grippe oder das Respiratorische Synzytial-Virus in größerem Umfang zurückkehren werden und eine zusätzliche Belastung für das Gesundheitssystem sowie die kritische Infrastruktur bedeuten könnten.

Der Expertenrat pocht zudem auf die Verbesserung der bundesweiten Datenbasis zum Infektionsgeschehen. Professor Dr. med. Christian Karagiannidis vom ECMO-Zentrum Köln-Merheim, Universität Witten/Herden und wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters, betonte, dass es wichtig sei, künftig nicht nur die 7-Tage-Inzidenz, sondern vor allem auch das digitale Echtzeitlagebild zu beachten. In diesem Kontext hob er insbesondere die Berücksichtigung von Daten über die Krankheitsschwere und die aktuelle Belastung des Gesundheitswesens hervor. Der Expertenrat spricht sich in diesem Zuge auch für eine einheitliche, zentrale Open-Access-Plattform aus, auf der alle Daten zusammengeführt und bereitgestellt werden.

Teststrategie anpassen

Zudem empfehlen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die bislang geltende Teststrategie anzupassen und die „bisher sehr intensive, aber breite und wenig gezielte Testung zu reduzieren“. Die Testung solle sich künftig stärker auf symptomatische Fälle konzentrieren. Und: In Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen sowie Einrichtungen mit vulnerablen Gruppen sollte regelmäßig auf SARS-CoV-2 und Influenzaviren gescreent werden, heißt es in der Stellungnahme. Positiv getestete Bewohnerinnen und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sollten direkt Zugang zu einer antiviraler Therapie erhalten.

Um die frühzeitige Behandlung mit antiviralen Medikamenten vor allem für immunsupprimierte Patienten oder Ältere besser zu ermöglichen, sei es zudem wichtig, den ambulanten mit dem stationären Sektor künftig stärker zu verzahnen, erklärte Karagiannidis auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes. Er kündigte eine gesonderte Stellungnahme des Corona-Expertenrats an, die sich mit der Frage beschäftigt, wie die frühzeitige Applikation antiviraler Medikamente verbessert werden könne.

Als Präventionsmaßnahme sei zudem weiterhin die Erhöhung der Impf- und vor allem der Boosterquote nach der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) eine wichtige Maßnahme im Hinblick auf den kommenden Herbst und Winter.

Wichtig sei auch eine „solide rechtliche Grundlage“ für Schutzmaßnahmen, die schnell angepasst werden könne. Um hier eine zeitnahe Reaktion zu gewährleisten, werde etwa eine zentrale Koordinationsstelle zwischen Bund und Ländern benötigt.

Karagiannidis betonte zudem die Notwendigkeit, das Gesundheitssystem nicht nur für die nächsten sechs Monate zu stärken, sondern es nachhaltig für die kommenden Jahre und mögliche weitere Krisen im Gesundheitssystem besser aufzustellen.

Möglichst einheitliche Regeln

Hilfreich sei darüber hinaus eine bundesweit möglichst einheitliche Kommunikation der bestehenden Coronaregeln, betonte auch die Psychologin Prof. Dr. Cornelia Betsch. Betsch ist Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt. Sie plädierte für zielgruppenspezifische Informationsquellen, die die Nutzer auch aktiv aufsuchen würden. Vor allem Aufklärung in Schulen zum Thema COVID-19, Risiken von Long Covid oder die Vorteile und Risiken einer COVID-19-Impfung könnten hier verstärkt helfen, so Betsch.

Die Gesundheitskommunikation sollte insgesamt künftig über eine zentrale Kommunikationsstelle koordiniert werden, heißt es zudem in der Stellungnahme.

Der Expertenrat hat zudem auch die Sicherung der sozialen Teilhabe im Blick und fordert, dem Schul- und Kitabesuch sowie sportlichen und kulturellen Aktivitäten weiterhin Priorität einzuräumen.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) begrüßte die Stellungnahme und sagte: „Der Expertenrat hat exzellente Arbeit geleistet.“ Dass selbst im günstigsten Fall das Gesundheitswesen stark belastet sein werde, sei relativ sicher. „Auf alle Szenarien müssen und werden wir vorbereitet sein: mit angepassten Test-, Impf- und Behandlungsstrategien sowie mit einem soliden gesetzlichen Rahmen“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Auch der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen, nannte die Vorschläge des Expertenrats „ausgewogen, sachlich und auf Nachhaltigkeit bedacht“. „Es ist zu begrüßen, dass nun nicht mehr im Vordergrund steht, die gesamte Gesellschaft mit Maßnahmen herunterzufahren nach dem zweifelhaften Motto ,Viel hilft vielʻ“, ergänzte er. Ebenfalls richtig sei es, die bisher „diffuse und ansatzlose Teststrategie mit oft qualitativ wertlosen Bürgertests medizinisch begründet zu fokussieren“, so Gassen.

BÄK plädiert für bessere Daten

Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, forderte ebenfalls eine Verbesserung der Datenbasis. „Wir haben in den letzten zweieinhalb Jahren einen wahren Datenblindflug erlebt, der keine gute Grundlage für rationale Entscheidungen war“, sagte er. Nur wenn Klarheit über das tatsächliche Infektionsgeschehen herrscht, könne man die Krankenhaus- und Intensivbettenbelastung realistisch prognostizieren.

Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Dr. Gerald Gaß, erwartet derweil konkrete Vorschläge von der Politik, wie die geforderte Datenerhebung finanziert und ohne Mehraufwand für Kliniken geschaffen werden solle. „Bekanntermaßen fällt die Investitionsfinanzierung in die Zuständigkeit der Länder, die aber noch keinerlei Initiative erkennen lassen“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Charlotte Kurz

Drei Szenarien für den Herbst

Der Klinikdirektor und Universitätsprofessor Dr. med. Leif Erik Sander von der medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie an der Charité in Berlin stellte drei möglichen Szenarien für den Herbst und Winter vor. Bei einem sogenannten „Günstigsten Szenario“ mit einer neuen Virusvariante, die im Vergleich zur Omikron-Variante weniger krankmachende Eigenschaften besäße, würden stärker eingreifende Infektionsschutzmaßnahmen nicht nötig sein beziehungsweise nur für den Schutz von Risikopersonen. Hier würden Infektionshäufungen das Gesundheitssystem kaum belasten, allerdings könnte es zu höheren Infektionszahlen durch andere Atemwegserreger wie Influenza kommen. Das „Basisszenario“ geht davon aus, dass die durch SARS-CoV-2 hervorgerufene Krankheitslast ähnlich bleibt wie bei den aktuellen Varianten. Damit könnte es zu einem gehäuften Auftreten von Infektionen und Arbeitsausfällen kommen. Trotz einer moderaten Belastung der Intensivmedizin aufgrund von COVID-19-Fällen könnten aufgrund der Arbeitsausfälle allerdings flächendeckende Maßnahmen wie Masken und Abstand in Innenräumen notwendig werden. Regional könnten hier auch Kontaktreduktionsmaßnahmen nötig werden. Bei einem möglichen „Ungünstigsten Szenario“ gebe es eine neue Virusvariante mit erhöhter Krankheitsschwere und verstärkter Übertragbarkeit. Auch vollständig Geimpfte könnten ohne eine Zusatzimpfung hier schwere Krankheitsverläufe durchleben. Hier wäre das Gesundheitssystem durch die COVID-19-Fälle stark belastet und allgemeine Schutzmaßnahmen wie Kontaktbeschränkungen oder Maskenpflicht könnten erst im Frühjahr 2023 heruntergefahren werden. Sander erklärte darüber hinaus, dass auch Mischformen oder Abstufungen zwischen den einzelnen Szenarien möglich seien. Für sehr unrealistisch halte er aber ein Szenario, in der die bisher erfolgten COVID-19-Impfungen gar nicht mehr gegen eine neue Virusvariante schützen.

Die Stellungnahme zum Download: http://daebl.de/VM12

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