ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2000Der Tod des Hippokrates

POLITIK: Kommentar

Der Tod des Hippokrates

Dtsch Arztebl 2000; 97(15): A-968 / B-800 / C-748

Witzmann, Rupert

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LNSLNS Das Problem ist schon immer das gleiche gewesen: Ein Mensch mit einer Krankheit sucht einen anderen, der ihn davon befreit. Daraus entwickelte sich zwischen den beiden, durch die Jahrtausende hindurch, ein Verhältnis, das, von ethischen Regeln geprägt, dem Patienten Vertrauen gab und den Arzt zum Vorbild machte. Bis zu dem Tag, an dem ein neuer Zeitgeist Geld und Macht zum Sinn des Lebens machte. Aber dazu brauchte man Gesundheit. Sie wurde das Zauberwort unseres Jahrhunderts. Ganze Industrien begannen Arzneimittel, Apparate und alles zu produzieren, was auch nur entfernt mit Gesundheit zu tun hatte. Wer Geld hatte, investierte in Reha-Kliniken, und wer keines hatte, wurde Therapeut, Psychologe, Akupunkteur oder Heilpraktiker. Vieles davon diente dem Nutzen der Kranken. Aber dann wurden sich die Politiker der Bedeutung des Wortes bewusst und schufen gesetzliche Krankenkassen, die jedem Deutschen den gleichen Anspruch auf beste Behandlung versprachen. Vor jeder Wahl wurden die Leistungen ausgedehnt und gleichzeitig Anspruch und Missbrauch vermehrt.
Die Medien halfen mit. Auf der Suche nach nicht zerstörten Tabus erfanden sie die Halbgötter in Weiß und gefielen sich in der Rolle des Aufklärers. Sie schufen den mündigen Patienten, der selber weiß, was er braucht, und belehrten ihn über seine Krankheiten und die jeweils beste Therapie und trugen damit zu Selbstmedikation und Antibiotika-Resistenz bei. Sie veröffentlichten Listen der besten Ärzte und empfahlen, sich nur von Chirurgen operieren zu lassen, die mindestens schon 100 Patienten operiert hatten. Die Patienten sagten nicht mehr "Mein Arzt", sondern "Mein Endokrinologe" und wunderten sich, dass der nichts an der Schilddrüse fand. Noch verleiht der Drehbuchautor seinen Helden weiße Kittel und ein Stethoskop, aber niemand glaubt ihm mehr.
Mit steigenden Leistungen stiegen auch die Kosten - von neun Milliarden DM im Jahr 1960 auf 250 Milliarden DM im Jahr 1998. Aber selbst an eine vorbehaltlose Debatte wagt sich keiner heran; niemand wagt, die Lawine aufzuhalten - die Patienten hatten nichts gegen höhere Leistungen, und die Kassen hatten nichts gegen einen höheren Umsatz und größere Macht. Die Politiker suchten nach einer Lösung, die ihre Wähler zufrieden hielt. Mit Dutzenden von Reformen glaubten sie, alle Schwierigkeiten endlich hinter sich zu haben - ohne zu bedenken, dass bald der letzte behandlungsbedürftige Deutsche gefunden und mit jährlicher Reha und Medikamenten versorgt sein muss. Die Krankenhäuser waren zwar die größten Verbraucher der Gelder, aber es war schwer zu entscheiden, wo man Kürzungen ansetzen musste. Denn wer kann bei 2 000 Betten und 200 Ärzten wirklich sagen, was Verschwendung und was Notwendigkeit ist? Besonders, wenn man auf Ermahnungen die Antwort hört: "Wollen Sie etwa die Verantwortung übernehmen, wenn uns jemand stirbt?"
So kam man auf die Ärzte, denen man die Verantwortung übertragen und gleichzeitig den Geldhahn abdrehen konnte. Mit Überheblichkeit schrieben die gesetzlichen Krankenkassen den Mitgliedern eines freien Berufs vor, wer von ihnen wann und wo seinen Beruf ausüben durfte, um ihnen dann, in einem Alter, in dem Kanzler und Bundespräsidenten noch lustig regieren, die Zulassung wieder abzunehmen. Die Kassen nutzten diese Macht, die weit jenseits ihrer administrativen Aufgabe lag, dazu, um Budgets zu erlassen und Regresse zu verhängen, vor denen sie selber immun sind, wenn sie Bauchtänze auf Krankenschein genehmigen.
Man hatte die Ärzte in der Zwickmühle. Was auch immer man ihnen zahlte, ihr Gewissen zwang sie, ihr Bestes zu geben. Aber auch Ärzte wollen leben. Im Land werden Lohnerhöhungen von drei Prozent zugestanden, nur die Ärzte müssen Einbußen von bis zu zehn Prozent hinnehmen. Ende 1998 praktizierten in Deutschland fast doppelt so viele Ärzte wie vor 40 Jahren, sodass wir mit einem Arzt auf 260 Einwohner an der Spitze der Welt stehen. Zusätzlich zu der bereits bestehenden paramedizinischen Konkurrenz bieten neuerdings Kosmetikstudios ungeniert Fettabsaugung und Laserbehandlung an, während private Ärzte-Suchdienste und medizinische Beratungen im Internet das Bild abrunden.
Von den Kassen bevormundet und ein Spielball der Politiker, tun die meisten Ärzte immer noch tapfer ihre Pflicht. Aber nicht alle Ärzte konnten sich vom Zeitgeist freihalten. Sie schimpfen auf ihre Verwandlung in "Angestellte der Kassen", aber 135 000 von rund 260 000 aktiven Ärzten haben inzwischen dem freien Beruf den Rücken gekehrt und eine Anstellung im Krankenhaus gefunden. Was übrig bleibt, sieht sich vor einem Gewirr von Budgets, Positivlisten, Beratungsfirmen, Professionalisierung und Lean Management. Vor der Notwendigkeit, dabei auch noch möglichst viele Patienten zu sehen, kann man es einem Praktiker schwer verdenken, wenn er Kuren genehmigt, die er nicht für unbedingt nötig hält, oder sein Budget durch Nebenbefunde erfüllt, um leben zu können. Wir bewegen uns am Rande der Integrität. Die Grenze ist dort erreicht, wo von Vorwürfen gegen Labors, oder gar Honorarbetrug und Herzklappenhandel die Rede ist - nicht allzu oft, aber oft genug, um unser Gewissen zu belasten. Auf Paracelsus, von Haller, Jenner und Virchow folgen heute Nobelpreisträger, die sich gegenseitig vorwerfen, das Aids-Virus gestohlen zu haben. Ein Berliner Arzt wird wegen der Herstellung von Kinderpornos angeklagt. Das Ganze ist ein Kampf zwischen Ethos und Kalkül geworden, und Hippokrates droht zwischen den Steinen zermahlen zu werden. Selbst die alten Riten gelten nicht mehr - der erkrankte Arzt kommt selten mit dem einfachen Gebührensatz davon, das Werbeverbot wird mit Annoncen über "neue Sprechzeiten und Ernährungssprechstunden" umgangen, und in den Wartezimmern stehen Fernseher mit Werbesendungen. Das Schlimmste aber ist, dass das Gespräch mit dem Kranken verstummt.
Noch immer sehen viele Patienten in ihrem Arzt den Vertreter eines noblen, unkorrumpierbaren Berufs. Wir dürfen sie nicht widerstandslos den Science-Fiction-Fantasien einer Weltanschauung überlassen, die die Technik über den Menschen stellt, so wie sie die Erotik über die Liebe gestellt hat. Technik kann immer nur Hilfe für den Arzt und nie sein Ersatz sein. Wir dürfen die Patienten auch nicht dem Märchen von der finanziell lösbaren Gesundheitspolitik überlassen. Wir müssen ihnen sagen, dass eine Lösung ohne eigene Beschränkung und ohne den nötigen Sachverstand der oberen Instanzen nicht möglich ist. Zwar werden bei uns Justiz- und Familienministerium meist mit Juristen beziehungsweise Frauen besetzt, aber im Unterschied zu anderen Ländern wird das Ge­sund­heits­mi­nis­terium konsequent von Laien geleitet. Wir brauchen eine aufgeklärte Bevölkerung und einen freien Arzt, der in eigener Verantwortung seinen Beruf ausübt. Dazu ist Wettbewerb Voraussetzung. Leistung und nicht gnädig gewährte Zulassung durch die Krankenkassen, die allein für Verwaltung mehr als 13 Millionen DM im Jahr 1998 (= 5,6 Prozent der GKV-Gesamtausgaben) ausgeben, darf über den Erfolg eines Arztes entscheiden. Schließlich kommen ganze Kontinente, trotz Sozialversicherung, ohne kassenärztliche Zulassung aus. Um das ärztliche Ethos wieder herzustellen und etwas Ordnung in das Chaos zu bringen, brauchen wir keinen Streik; vor allem keinen, der den leidenden Patienten als Argument vor sich herträgt. Wir brauchen dazu nur entsprechend motivierte Fachverbände, unseren festen Willen und unsere Ideale.
Dr. med. Rupert Witzmann
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