ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2022Klimaschutz: Kliniken haben Handlungsbedarf

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Klimaschutz: Kliniken haben Handlungsbedarf

Osterloh, Falk

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Wie eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts zeigt, haben sich einige Krankenhäuser auf den Weg gemacht, ihre Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Viele schöpfen die Möglichkeiten bei der Optimierung der Anlagentechnik oder dem Nutzerverhalten jedoch noch nicht aus.

Dach- und Fassadenbegrünung nutzen knapp die Hälfte der deutschen Krankenhäuser. Foto: josefkubes/stock.adobe.com
Dach- und Fassadenbegrünung nutzen knapp die Hälfte der deutschen Krankenhäuser. Foto: josefkubes/stock.adobe.com

Die Auswirkungen des Klimawandels sind auch zu Beginn dieses Sommers in Europa deutlich zu spüren. In Frankreich gab es Mitte Juni die früheste Hitzeperiode seit Beginn der Wetteraufzeichnungen mit Temperaturen von über 40 °C. Der spanische Wetterdienst hat für weite Teile des Landes die Waldbrandgefahr als „extrem“ eingestuft. Und in Italien hat der Fluss Po nach einer lang anhaltenden Dürre derzeit den niedrigsten Pegelstand seit 70 Jahren. 125 Gemeinden in den Regionen Piemont und Lombardei haben die Trinkwasserversorgung rationiert.

Vor dem Hintergrund von Wetterextremen wie diesen hat der 125. Deutsche Ärztetag im vergangenen Jahr an alle Entscheidungsträger appelliert, die notwendigen Maßnahmen in Angriff zu nehmen, um bis zum Jahr 2030 eine Klimaneutralität für das deutsche Gesundheitswesen zu erreichen. Wie eine aktuelle Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) zeigt, haben sich einige Krankenhäuser auf den Weg gemacht, ihre Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Bei vielen besteht aber noch Handlungsbedarf.

Optimierung der Anlagetechnik

Für ihre Umfrage hat das DKI 1 399 Allgemeinkrankenhäuser mit mehr als 50 Betten zum Umsetzungsstand von Klimaschutzmaßnahmen befragt. 263 Häuser beteiligten sich an der Umfrage. Erste Ergebnisse wurden in dem Buch „Green Hospital“ veröffentlicht, das vor Kurzem in der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft erschienen ist. „Möglichkeiten zur Optimierung von Anlagentechnik, der Geräteauslastung im technischen wie diagnostischen Bereich sowie Maßnahmen zur Beeinflussung des Nutzerverhaltens mit Blick auf den Klimaschutz werden derzeit in deutschen Krankenhäusern noch nicht voll ausgeschöpft“, heißt es in dem Artikel.

So hatten 30 Prozent der Krankenhäuser im Jahr 2019 einen Umwelt- beziehungsweise Klimaschutzbeauftragten beschäftigt. 38 Prozent hatten eine eigene Klimaschutzstrategie in Form von Leitlinien und Zielformulierungen zur Energieeinsparung und Nachhaltigkeit verabschiedet. 57 Prozent der Krankenhäuser nutzten zudem ein System der Kraft-Wärme-Kopplung, ein Blockheizkraftwerk. In etwa 98 Prozent der Fälle wurden die Anlagen jedoch noch mit fossilen Brennstoffen betrieben. Bei rund elf Prozent der befragten Krankenhäuser kam unter anderem mindestens noch ein Ölkessel als Wärmeerzeuger zum Einsatz, der im Durchschnitt 25 Jahre alt war. „Alternative Anlagentechnik zur Wärmeerzeugung, wie Dampf- und Gaskessel, wiesen aufgrund ihres durchschnittlichen Alters (Dampfkessel 21 Jahre und Gaskessel 22 Jahre) ebenfalls auf Investitionsbedarf hin“, erklärt das DKI. Insgesamt weise insbesondere die veraltete und ineffizient ausgelastete Anlagentechnik in Krankenhäusern umfangreiches Einsparpotenzial im Bereich des Primärenergieverbrauchs auf.

Viele Küchenabfälle

Wie aus der Umfrage weiter hervorgeht, betrieben im Jahr 2019 etwa 76 Prozent der Krankenhäuser ihre Küche in Eigenregie, die sich dabei vielfach in sanierungsbedürftigem Zustand befand. Etwa 44 Prozent aller Küchen waren zum Zeitpunkt der Befragung noch nie saniert worden. Bei sanierten Küchen lag die letzte Sanierung im Durchschnitt etwa zwölf Jahre zurück.

„Küchen- und Kantinenabfälle machen einen großen Anteil an der Gesamtmenge des jährlichen Abfallaufkommens in einem Krankenhaus aus“, heißt es in dem Artikel. Durchschnittlich fielen der Umfrage zufolge 2019 etwa 1 430 kg Abfall pro Krankenhausbett an. Neben den Küchen- und Kantinenabfällen mit 230 kg bildeten dabei die nicht-infektiösen medizinischen Patientenabfälle mit 670 kg und der gemischte Siedlungsabfall mit 350 kg pro Bett den größten Anteil. Die Ursachen der Lebensmittelabfälle in der Speiseversorgung lagen bei 40 Prozent der Kliniken hauptsächlich in den anfallenden Speiseresten pro Gericht. Zudem waren Gründe wie die fehlende Möglichkeit zur kurzfristen Anpassung der Speiseplanung (51 Prozent) und Tellerrückläufer (65 Prozent) für die Lebensmittelabfälle verantwortlich.

„Das Bewusstsein für ressourcenschonende Prozesse im Abfallmanagement ist bei der Mehrheit der Krankenhäuser bereits auf der Agenda“, schreibt das DKI. So achteten 75 Prozent beim Einkauf von Produkten auf eine Reduzierung des Verpackungsmülls. 70 Prozent der teilnehmenden Krankenhäuser gaben zudem an, Maßnahmen zur Einflussnahme auf die Müllvermeidung und die Mülltrennung in ihrem Haus umgesetzt zu haben.

Jobrad und E-Fahrzeuge

Bei der Beeinflussung des Nutzerverhaltens zur Optimierung des Wasserverbrauchs haben jedoch nur 29 Prozent Maßnahmen umgesetzt. Die Möglichkeit, ein Jobrad in Anspruch zu nehmen, boten 2019 etwa 41 Prozent der Krankenhäuser an. 29 Prozent nutzten E-Fahrzeuge als Firmenwagen und 28 Prozent nutzten sie auf dem Betriebsgelände. 15 Prozent der Krankenhäuser haben sich gegenüber den zuständigen Behörden dafür eingesetzt, die Taktung des Öffentlichen Personennahverkehrs an die Schichtzeiten des Krankenhauses anzupassen (Tabelle 1). Über die Hälfte der Krankenhäuser hielten der Umfrage zufolge im Bereich Mobilität noch kein Angebot bereit.

Welche Maßnahmen im Bereich Mobilität kommen in Ihrer Einrichtung und für Ihre Mitarbeiter im Jahr 2019 zum Einsatz?
Tabelle 1
Welche Maßnahmen im Bereich Mobilität kommen in Ihrer Einrichtung und für Ihre Mitarbeiter im Jahr 2019 zum Einsatz?

Zur Verhinderung von Hitze im Krankenhaus nutzten 2019 etwa 80 Prozent der teilnehmenden Häuser Verschattungen. 74 Prozent nutzten wärmedämmende Fenster, 47 Prozent Dach- und Fassadenbegrünung. 35 Prozent haben ihre Gartenanlage umgebaut beziehungsweise erweitert und zehn Prozent haben verschlossene Flächen entsiegelt (Tabelle 2).

Welche baulichen Maßnahmen zum Klimaschutz kommen an Ihrem Standort im Jahr 2019 zum Einsatz oder sind geplant?
Tabelle 2
Welche baulichen Maßnahmen zum Klimaschutz kommen an Ihrem Standort im Jahr 2019 zum Einsatz oder sind geplant?

Die Transformation in Richtung Klimaneutralität steht im deutschen Gesundheitswesen noch am Anfang. Um die politischen Entscheidungsträger bei der Umstellung zu beraten, hat Mitte Juni das Centre for Planetary Health Policy (CPHP) in Berlin seine Arbeit aufgenommen, das von der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) mit Förderung der Stiftung Mercator gegründet wurde. In einem ersten Policy Brief hat das CPHP umrissen, worum es bei seiner Arbeit gehen wird. „Um die Transformation des deutschen Gesundheitssystems voranzubringen, ist der Umbau weiterer Bereiche, insbesondere des Energiesystems, unabdingbar“, heißt es darin. „Die Transformation des Energiesystems hätte weitreichende positive Kaskadeneffekte in andere Politikbereiche und würde gleichzeitig zu einer signifikanten Reduktion der Krankheitslast, beispielsweise durch Luftverschmutzung, beitragen.“

Die Nutzung erneuerbarer Energieträger sei dabei nicht nur gut für das Klima, sondern sie verspreche Co-Benefits für die Bevölkerungsgesundheit. „Relevant für eine zukünftige Präventionspolitik wird es daher sein, Co-Benefit-Politiken gezielt zu entwickeln und Auswirkungen und Kosten anderer Politikbereiche zulasten der Gesundheit einzupreisen“, heißt es weiter. „In der Verkehrspolitik könnte beispielsweise eine Einpreisung der gesundheitlichen Folgekosten von Umwelt und Luftverschmutzung, Lärmbelastung sowie Treibhausgasemissionen die Transformation dieses Sektors beschleunigen.“

Den Notfall behandeln

Der Vorsitzende von KLUG, Dr. med. Martin Herrmann, wies darauf hin, dass es seit einiger Zeit „ein viel stärkeres Verständnis dafür gibt, dass wir die Bewohnbarkeit unseres wunderbaren Planeten stören oder zerstören.“ Die Folge sei eine planetare Notlage, die eine planetare Behandlung benötige. Die Rolle des Gesundheitssektors sieht er darin, durch das Verständnis von Gesundheit und Krankheit die Existenzialität klarzumachen, um die es geht. Es sei dabei eine medizinische Tugend, bei einem Notfall nicht fortzulaufen, sondern dorthin zu gehen, wo eine schwere Behandlung vorgenommen werden müsse. „Das CPHP ist der erste Thinktank in dieser Richtung“, sagte Herrmann. „Es wird nicht der letzte sein.“ Falk Osterloh

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